Die zweite Vertreibung der Eugenie Schwarzwald

Kommentar der anderen26. Oktober 2012, 18:27
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Fragen zur Logik einer Gedenkkultur, in der für eine vom Naziregime ins Exil gezwungene österreichische Pionierin der Reformpädagogik und des Frauenrechts kein Platz ist, weil ein im Internet einsehbarer Brief sie des Antisemitismus "überführt"

Wer in Wien nach einer würdigenden Erinnerung an jene Reformerin sucht, der die Stadt die erste Schule verdankt, in der Mädchen maturieren durften, wird sie nicht finden - es sei denn, er macht einen Umweg nach Speising zu der dort angesiedelten Volkshochschule, die Eugenie Schwarzwald, der legendären Reformpädagogin und Frauenrechtsaktivistin der 1930er-Jahre, eine Dauerausstellung gewidmet hat. Obwohl das offenbar von manchen Gedächtnisverwaltern mit Argwohn gesehen wird. Denn dort, wo man eigentlich ein Zeichen des Gedenkens erwarten müsste - im Zentrum der Stadt, am Haus der ehemaligen Schwarzwaldschule in der Herrengasse 10 -, darf keines sein.

Rückblende: Wien im März 1938: Die von Eugenie initiierte Schule, an der u. a. Arnold Schönberg, Adolf Loos und Oskar Kokoschka unterrichteten, wird geschlossen, die vielen jüdischen Schülerinnen fliehen mit ihren Eltern ins Ausland, das Hotel Seeblick am Grundlsee, das Feriendomizil der Schwarzwalds und Sammelpunkt von Schriftstellern und Künstlern jener Zeit, wird ebenso wie ihre Wiener Wohnung arisiert. Eugenie selbst emigriert in die Schweiz. Punkt, aus, vergessen.

74 Jahre später stellen die Grünen im 1. Bezirk den Antrag, am ehemaligen Standort der Schule eine Gedenktafel anzubringen, ziehen ihn aber ein Monat später wegen offenkundiger "Aussichtslosigkeit" wieder zurück. Der Grund: Bezirksvorsteherin Ursula Stenzel hatte sich unter Berufung auf die Israelitische Kultusgemeinde (IKG) dagegen ausgesprochen und diese unter Berufung auf Ursula Stenzel. - Nicht aus Willkür natürlich: Wer in Wikipedia unter Eugenie Schwarzwald nachsieht, stößt sehr bald und sehr prominent auf einen Brief von "Fraudoktor" an Hans Deichmann - einen deutschen Widerstandskämpfer, der Eugenie nach einer Begegnung in Wien zeitlebens verbunden war und das vom 3. November 1931 datierte Schreiben in seine Schwarzwald-Chronik Leben mit provisorischer Genehmigung aufgenommen hat. Darin heißt es: "Was mich, die ich ehrlich antisemitisch bin, am meisten ärgert, ist die Tatsache, dass ein Jude, auch wenn er kein Talent und keinen Charakter hätte, wohl aber die Fehler und Schwierigkeit seiner Rasse, unbedingt zum Ziel gelangt. Die Judenfrage ist deshalb unlösbar, weil die Gastvölker nur schlechte Juden haben wollen." - Starker Tobak fürwahr. Die Aussagen dürfen nicht verharmlost werden. Doch kann ein einziger (privater!) Brief ein hinreichendes Kriterium für eine öffentliche Würdigung sein? Es kann. Ein Klick auf Wikipedia genügt. Zitat aus einer E-Mail von IKG-Generalsekretär Fastenbauer an den Verfasser: "Ihre Verdienste auf dem Gebiet der Sozialreform und Frauenrechte mögen unbestritten sein, der Hinweis von Frau Dr. Stenzel hinsichtlich ihres Antisemitismus beruht aber auf historischen Fakten." Punkt, aus, vergessen.

Der "Schuldspruch" wirft eine Grundsatzfrage auf: Darf öffentliches Gedenken nur mehr Menschen zuteil werden, die ohne Fehl und Tadel waren, widerspruchsfrei und fleckenlos sauber sozusagen? Und muss jemand, der dies infrage stellt, gewärtig sein, der Verharmlosung des Antisemitismus geziehen zu werden?

Mein Zorn über diese Ablehnung wurzelt natürlich auch in einer persönlichen Betroffenheit, denn mehr als zehn Jahre meines Leben habe ich damit verbracht, regelmäßig Treffen für ehemalige Schwarzwald-Schülerinnen zu organisieren, und in diesen Gesprächen mit Vertriebenen und Heimgekehrten war ein Tenor unüberhörbar: Die Schulzeit war für sie die schönste Zeit ihres Lebens.

Es ist daher auch kein Wunder, dass unmittelbar nach dem Krieg Schülerinnen aus der ganzen Welt begannen, Aktivitäten zu setzen, damit das Wirken der Fraudoktor nicht in Vergessenheit gerät, und Hans Deichmann war der Katalysator dieser Bemühungen.

Ich gebe zu, dass ich das Zitat im Brief an Deichmann bisher nicht beachtet hatte, nehme aber auch nicht an, dass ihr Chronist und Bewunderer das Leben von Eugenie Schwarzwald dokumentiert hat, um sie des Antisemitismus zu "überführen". Aber was wiegt schon ein ganzes Buch und ein ganzes Leben gegen ein Zitat in Wikipedia , das von allen nachgelesen werden kann, und dann wäre da so eine Tafel mitten in Wien, und jemand könnte sagen, aber die hat doch auch und wie stünde man denn dann bitte schön da als Stadt - ja wie denn? Als eine, die sich dann vielleicht auch fragen lassen müsste, ob man nicht auch Bruno Kreisky (" Die Juden sind ein mieses Volk") aus dem offiziellen Gedächtnisgefüge der Stadt verbannen sollte. Und wenn wir schon dabei sind: Weg mit den Karl-Kraus-Gedenktafeln, Karl-Renner-Büsten bitte einschmelzen und Hrdlicka-Mahnmale in den Marmorschredder!

PS: Die kleine Dauerausstellung in der VHS Hietzing dokumentiert u. a. auch ein Gedicht des Kabarettisten Peter Hammerschlag, in dem dieser sich über die jüdische Identität von "Fraudoktor" bitterböse lustig macht: "Deine Ahnen hockten talmudbüffelnd / Vor Galiziens Bordell-Tavernen. / Deine Seele reckt sich sehnsuchtsschnüffelnd / Gansschmalzghettomüd nach Adelsfernen." Die Gedenktafel für den 1943 im KZ Auschwitz ermordeten Peter Hammerschlag am Wasagymnasium bitte sofort abmontieren! (Robert Streibel, DER STANDARD, 27./28.10.2012)

Robert Streibel ist Historiker und Direktor der Volkshochschule Hietzing.

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