Vom relativen Wert der Werte

Kommentar |

Über die Kluft zwischen schönen wertreichen Reden und entlarvenden Taten

Werte haben wieder Hochkonjunktur. Neoparteiinhaber Frank Stronach hat sie als gravitätisches Zentrum seiner politischen Arbeit auserkoren, repräsentiert durch die Trias "Wahrheit - Transparenz - Fairness". BZÖ-Party-Hopper in Richtung Team Stronach legitimieren ihren Schritt gern mit "Werten". Auch aus anderen Ecken ertönt der edle Ruf danach. FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache legt es eher esoterisch an und will fortan mit "Liebe" bei den Wählerinnen und Wählern punkten. Die SPÖ Oberösterreich ließ die sozialdemokratischen Werte "Freiheit, Gleichheit, Gerechtigkeit, Solidarität" in ein rotes Büchlein pressen, auf dass sich die Genossinnen und Genossen ihrer politmoralischen Normen versichern können. Die SPÖ-Frauen wollten beim Parteitag - zum wievielten Mal eigentlich? - eine Neubewertung von Arbeit erreichen. Und auch die ÖVP möchte fürderhin politische Wertarbeit mit Werten liefern: " Wirtschaft. Wohlstand. Werte."

Der fast inflationär anmutende Gebrauch der Werte in der Politik ist es wert, genauer angeschaut zu werden. Warum gerade jetzt die gehäufte Bezugnahme darauf? Selbstvergewisserung einer verunsicherten Gesellschaft in der - ökonomischen und moralischen - Krise? Warnsymptom gesellschaftlicher Fliehkräfte?

"Werte" haben den Vorteil, dass sie schon als bloßes Wort einen positiven Bedeutungsüberschuss mitliefern. Wer Werte hat, kann kein ganz schlechter Mensch sein. Besser, als er hat gar keine. Wer sich auf " Werte" beruft, muss es gut meinen und das Beste wollen. Er tut zumindest so.

Das ist das Problem mit der rhetorischen Wertehuldigung. Die verbale Flucht zu neuen oder alten "Werten" ist eher ein suspektes Zeichen. Wer so offensiv über Werte reden muss, könnte Defizite oder Makel im Handeln kaschieren wollen.

Messen wir die Wertegreißler doch an konkreten Taten oder Unterlassungen. Ein guter Gradmesser für ein intaktes Wertesystem in einer demokratischen Gesellschaft sollte "Solidarität" sein. Die moderne Version revolutionärer "Brüderlichkeit". Da wird die Grenze mittlerweile recht eng gezogen, wenn man sich ansieht, mit welch selbstverständlicher Menschenverachtung Flüchtlingskindern das Recht auf Schulbildung verweigert wird. Das hat schon fast talibanistische Züge. Zum Schämen. Ist der "Wert" fremder Kinder geringer?

Überhaupt ist das Thema soziale Integration zentral für die politische Wertedebatte. Die Kernfrage lautet: Was hält die Gesellschaft zusammen? Bildung. Teilhabe. Was lässt sie auseinanderdriften? Soziale Deprivation. Armut. Wie viel Spannweite zwischen oben und unten kann sie aushalten?

Da kommen dann andere Werte ins Spiel: Einkommenswerte. Geldwerte. Vermögenswerte. Eigentumswerte. In Österreich laut Nationalbankstudie " ausgeprägt" ungleich verteilt.

Um diese Werte zu verteidigen, hat sich ein ziemlich verächtlicher Ton eingeschlichen, dessen Flurschäden noch nicht absehbar sind. Wenn etwa " Unternehmer" "Unterlassern" gegenübergestellt oder "Empfänger von Almosen" quasi als der Rest diffamiert werden, der dem Staat bleibt, wenn die wertvollen Oberen gehen, dann ist die Idee von der Solidargemeinschaft ein brüchiger Wert geworden. Der deutsche Sozialforscher Wilhelm Heitmeyer nennt diese Absetzbewegung "rohe Bürgerlichkeit". Bleibt die Frage, wie lange und aus wie vielen Gesellschaften man sich so davonstehlen kann.(Lisa Nimmervoll, DER STANDARD, 27.10.2012)

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