"Mit Diven habe ich kein Problem"

26. Oktober 2012, 18:11
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Wie Volksoperndirektor Robert Meyer die künstlerische Leitung des Traditionstheaters anlegt

"Kinder, jetzt wird nicht gejammert, jetzt wird nicht übers Geld geredet, jetzt starten wir durch!" So motivierte Robert Meyer sein Team als frischgebackener Volksoperndirektor und künstlerischer Geschäftsführer. Schließlich war die Situation für das Haus vor der Saison 2007/2008 als er die Aufgabe übernahm, alles andere als einfach: Kaum einer seiner Vorgänger bekleidete den Posten mehr als vier Jahre, das Medienecho war kein gutes und die Stimmung im Haus dementsprechend im Keller. Trotzdem sagte Kammerschauspieler Meyer, der zu den bekanntesten Nestroy-Interpreten zählt, schlicht: "Ja, ich mach es", als er gefragt wurde, ob er sich mit der künstlerischen Leitung der Volksoper einer neuen Herausforderung stellen wolle. Die lange Suche nach einem neuen Direktor fand ein Ende.

Meyer deklarierte sich von Beginn an als Langzeitdirektor und vermittelte den Mitarbeitern damit Sicherheit. Im Human-Resources-Talk mit Personalberater Peter Eblinger gab Meyer im K47 nun seine Erfahrungen in der Führung des Ensembles des insgesamt 550 Mitarbeiter großen Kunst- und Kulturbetriebs auf launige Art und Weise mit prägnanter Burgtheater-Stimme zum besten. Meyers Start war trotz ungewöhnlich fairer Vorbereitung durch seinen Vorgänger - "im Theater ist es sonst fast schon üblich, anderen Hölzel zwischen die Beine zu werfen" - stressig: Es galt einen neuen Spielplan zu entwickeln. Trotz neuer Aufgabe wollte der Direktor seine langjährige Schauspieltätigkeit, mit der er bereits 1974 am Burgtheater Ensemblemitglied wurde, genauso wenig wie die Regiearbeit an den Nagel hängen. Einen typischen Tag beschreibt er folglich als Wechsel vom Büro "in den Kampfanzug", in dem es zur Probe geht, um am frühen Nachmittag wieder ins Direktorenbüro zurückzukommen und abends neuerlich im Kampfanzug auf der Bühne zu stehen.

Trotz oder genau wegen dieser Multitätigkeit als Direktor, Schauspieler und Regisseur beschreibt er seinen Führungsstil als "extrem kollegial", schließlich steht er dadurch in engem Kontakt mit seinem 56 Sänger und Sängerinnen starken Ensemble: "Meine Tür steht immer offen, auch wenn das manchmal anstrengend ist." Zur Not habe sein Büro einen zweiten Ausgang mit eigenem Lift als Fluchtweg, scherzt Meyer. Den habe er aber bislang noch nicht benutzt, selbst nicht bei den wenigen theatralischen Auseinandersetzungen mit seiner nicht immer einfachen künstlerischen Klientel: Einen Mörderkrach pro Jahr muss der Volksoperndirektor trotzdem verbuchen. Dabei ging es jeweils lautstark zur Sache: " Ausgebildete Sänger haben schließlich eine tolle Stimme." So rasch das Temperament mit den Künstlern aber durchgehe, so rasch sei die Aufregung aber auch wieder verflogen. Das Team, egal ob Künstler oder Techniker, sei in den letzten Jahren stark zusammengerückt, trotz Auffassungsunterschieden und Breite im Programm, das neben Opern und Operetten auch Ballett und Musicals bietet, gelte im Normalfall das Credo: "Wir sind die Volksoper." Meyer beschreibt das Haus folglich auch als "große Familie".

In einer solchen Familie mit einigen Diven gebe es nun auch mal "Knatsch" , meint Meyer: "Mit Diven habe ich grundsätzlich kein Problem, sie gehören zur Oper". Schließlich umschreibt der Begriff nicht nur hochmütiges oder allürenbehaftetes Verhalten, in der Oper ist die hochbegabte Künstlerin eine Diva. "Ein Problem entsteht erst dann, wenn die Diva, egal ob weiblich oder männlich, beginnt, aus ihren Rollen herauszuwachsen und es selbst nicht wahrhaben will." Die Stimme verändere sich, und wenn Künstler jenseits der 50 einen jugendlichen Sigismund im Weißen Rössl oder eine Rosalinde in der Lustigen Witwe geben wollen und meinen, "auf der Bühne sehe ich viel jünger aus", sei das diplomatische Geschick des Direktors schon gefragt. Einfacher sei es, wenn junge Sänger nach einigen Jahren an der Volksoper flügge werden und von internationalen Opernhäuser wie dem Covent Garden in London oder der Mailänder Scala abgeworben werden. Dann habe man sich anders als in Unternehmen nicht zu wenig um die Mitarbeiterbindung bemüht. "Im Gegenteil", meint Meyer, es stärke das Renommee: "Solche Wechsel sind eine tolle Visitenkarte für die Volksoper." (Martina Madner, DER STANDARD, 27./28.10.2012)

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    Volksoperndirektor Robert Meyer.

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