Zentimeterstreit und Siegeshunger

  • Die neuen Latten und ihre Auswirkungen.

    Die neuen Latten und ihre Auswirkungen.

Am Wochenende beginnt der alpine Skiweltcup. In Sölden finden traditionell Riesenslaloms statt. Gestritten wurde schon, ehe der erste rennmäßige Schwung gezogen wird

Sölden - Ob die längeren, etwas schmäleren Skier ihren Zweck erfüllen und die Verletzungen, wie vom Internationalen Skiverband (Fis) erhofft, zurückgehen, wird sich erst weisen. Für Streit sorgen sie jedenfalls. " Das können wir so nicht akzeptieren", sagt Rainer Salzgeber, der Rennleiter von Head. Die Firma hatte einen neuen Ski entwickelt, der sich am Ende deutlich verjüngt und dadurch weniger Auflage hat.

"Es ging darum", sagt Salzgeber, "die Ski fahrbarer zu machen, dass sie nicht ganz so kräfteraubend sind." Man habe das neue Reglement auch von Juristen überprüfen lassen, und die sahen im neuen Gerät keinen Verstoß dagegen. Das Problem tauchte vor zwei Wochen auf. Die Fis präzisierte das Reglement, indem sie den Messpunkt acht Zentimeter vor dem Skiende festlegte. Der Head verjüngt sich aber schon bei zehn Zentimetern, weshalb er beim Messpunkt zu schmal ist. Und also darf er, der neue Ski, der Gerüchten zufolge schneller ist als konventionell geschnittene Konkurrenzprodukte, nicht verwendet werden. Rund 100 Paar wurdet bereits produziert. Salzgeber kündigte einen Protest an.

Abgesehen davon traten am Freitag Lindsey Vonn (Head) und Marcel Hirscher (Atomic), die Titelverteidiger im gesamten Weltcup, gemeinsam im Rahmen des Forum Alpinum in Sölden auf und erzählten von ihren Vorhaben, welche naturgemäß Siege sind. Die 28-Jährige eröffnet den Weltcup mit ihren Kolleginnen am Samstag, der 23-Jährige ist mit seinen Kollegen am Sonntag an der Reihe (jeweils 9.30 und 12.45).

"Ich hab viel und gut trainiert", sagt Hirscher, der tags zuvor aus den Händen von Egon Zimmermann, Abfahrtsolympiasieger 1964, den Ski d'Or erhielt. Den bekommt jener, den die internationalen Skijournalisten für den besten Skifahrer der vergangenen Saison halten. Erfunden hat ihn der 1999 verstorbene Schweizer Serge Lang, der auch den Weltcup erfunden hat. Und der erste Preisträger war anno 1963 der Vorarlberger Zimmermann. Mit dem neuen Ski habe er, Hirscher, kein großes Problem, " anstrengender ist es halt". Die nächste Ehrung könnte bald folgen. Der Salzburger befindet sich unter den fünf Nominierten zur Wahl des Österreichischen Sportler des Jahres.

Beim Weltcupfinale im März in Schladming hat sich die hochdekorierte Lindsey Vonn ziemlich geärgert. Um 20 Punkte verpasste die Amerikanerin, die winters mit dem US-Skiteam im Ötztal stationiert ist, den Rekord von Hermann Maier, der den Gesamtweltcup anno 2000 mit 2000 Punkten gewonnen hatte. Die Kundigen trauen ihr durchaus zu, dass sie es heuer schafft. Selbst will sie nicht davon reden.

Abwarten

"Ich will nicht wieder denselben Fehler machen", sagt sie, die im Vorjahr immer wieder von diesem Ziel gesprochen hatte. "Heuer werde ich abwarten. Und vielleicht schaffe ich es dann am Schluss wirklich." Vier große und 16 kleine Kristallkugeln hat sie bisher gewonnen. Insgesamt hält sie bei 53 Siegen, in der ewigen Bestenliste sind nur noch Annemarie Moser-Pröll (62) und die Schweizerin Vreni Schneider (55) vor ihr. Moser-Pröll holte den Abfahrtsweltcup sechsmal in Folge, diesen Rekord wird Vonn heuer wohl einstellen, wenn ihr nichts Gröberes dazwischen kommt. Maria Höfl-Riesch war die Einzige, die in den vergangenen fünf Jahren die Siegesserie Vonns im Gesamtweltcup unterbrach, 2011 um mit drei Punkten und also dem bisher kleinsten Vorsprung gewann. Und jetzt sagt die Deutsche: "Wenn Lindsey nur annähernd dort weitermacht, wo sie aufgehört hat, dann wird keine eine Chance haben."

Was das neue Material betrifft, gibt sich Vonn gelassen: "Die Umstellung war weniger schwer als erwartet." Und sie bekräftigte wieder einmal, bei der Herren-Abfahrt in Lake Louise mitmachen zu wollen. "Das muss der nächste Schritt sein. Ich will wissen, wo ich wirklich stehe." (Benno Zelsacher, DER STANDARD, 27.10. 2012)

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