Spezialisierung für Juristen immer wichtiger

26. Oktober 2012, 17:41
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Jus-Absolventen schaffen es kaum, in allen Spezialgebieten sattelfest zu sein - Experten raten Juristen mit Berufserfahrung, sich zu spezialisieren

Heute stehen Juristen Rechtsproblemen gegenüber, die es vor 50 Jahren noch nicht gegeben hat. Um auf diese neuen Herausforderungen zu reagieren, sei eine Antwort, ein spezialisierendes Masterprogramm zu absolvieren, sagt Georg Kodek, wissenschaftlicher Leiter von zwei aufbauenden Lehrgängen an der TU Wien. "Der heutige Berufsalltag wird immer komplizierter, daher wird Spezialisierung immer wichtiger", erklärt Kodek, der selbst Richter ist.

Das Jusstudium ist generalistisch angelegt und muss alle Inhalte abdecken. Wer später in einem speziellen Fachgebiet arbeiten wolle, brauche eine gewisse Spezialisierung. So wie ein Medizinabsolvent seinen Facharzt mache, sollen künftig Juristen mit Berufserfahrung eine spezialisierte Ausbildung in ihrem Themengebiet absolvieren. "Aufbauende Masterlehrgänge reagieren ganz gezielt auf die neuen Herausforderungen im Berufsalltag von Juristen", betont Georg Kodek. Gleichzeitig steigern Absolventen mit einer Zusatzausbildung auch ihre Karrierechancen: " Normale Jus-Absolventen gibt es wie Sand am Meer. Man muss sich von der Masse abheben", rät Kodek.

An der Executive Academy der TU Wien betreut der Richter das postgraduale Studium Master of Business Law. Das Studium richtet sich gezielt an Juristen mit Berufserfahrung, die im Wirtschaftsrecht sattelfester werden wollen. Wirtschaftsanwälte, Notare oder Mitarbeiter von Unternehmen setzten sich neben dem Beruf eineinhalb Jahre am Wochenende in den Hörsaal um die 16 geblockten Module zu absolvieren. " Weil nur Leute mit Studium und Erfahrung teilnehmen, steigt das Aufbaustudium gleich auf höherem Niveau ein", sagt Kodek. Die Vortragenden greifen wirtschaftsrechtlich relevante Aspekte auf und stellen immer einen Praxisbezug her. Die Kosten des Masterstudiums belaufen sich auf 16.500 Euro.

Kürzere Wirtschaftsprozesse

Obwohl es in allen juristischen Bereichen Weiterbildungsbedarf gebe, würde Kodek gerade im besonders umfangreichen Wirtschaftsrecht Fortbildungen empfehlen, da Kenntnisse aus vielen Gebieten, wie etwa Steuer- oder Zivilrecht, notwendig seien. Diesen Aufholbedarf sah auch das Justizministerium und gab den neuen Masterlehrgang Wirtschaftskriminalität und Recht in Auftrag, um das Vertrauen in die Justiz zu stärken und die Verfahrensdauer bei großen Wirtschaftsprozessen zu verkürzen. "Das Programm ist maßgeschneidert für Staatsanwälte und Richter, die im Wirtschaftsstrafrecht tätig sind", sagt Astrid Kleinhanns, Geschäftsführerin der WU Executive Academy. Im November startet der erste Lehrgang, der 14 am Wochenende geblockte Module beinhaltet. Das Justizministerium übernimmt auch den Großteil der Kosten.

Der Kombination von zwei Fachgebieten widmet sich auch der Master Medizinrecht, der sich sowohl an Juristen, Ärzte und medizinisches Personal richtet. Der berufsbegleitende Masterlehrgang entstand in Kooperation der Medizinischen Fortbildungsakademie OÖ (MedAK) und der Johannes-Kepler-Uni Linz. "Oberösterreich versucht im Gebiet Medizinrecht eine Vorreiterrolle zu übernehmen", erklärt Elfriede Haller, Geschäftsführerin der MedAK. Im September startete der siebente Lehrgang mit 28 Teilnehmern. "Die Interdisziplinarität wird von den Teilnehmern sehr geschätzt", sagt Haller. Die Teilnehmer nutzen die Ausbildung auch, um sich zu vernetzen und im Berufsalltag von den Kontakten profitieren zu können. Die Kosten des Lehrgangs belaufen sich auf 7.500 Euro für vier Semester inklusive Verpflegung. Nach dem Abschluss erwerben die Absolventen den Titel Master of Laws (LLM).

Einen europaweit einzigartigen Master für Juristen bietet die Karl-Franzens-Universität Graz. Das Master Programme South East European Law and European Integration dauert drei Semester, aufgeteilt auf fünf Module, die jeweils auf zwei Wochen geblockt sind, und schließt ebenfalls mit einem LLM ab. Die meisten Teilnehmer kommen aus Südosteuropa, nur wenige sind Österreicher.

Experten aus zehn Ländern

"Wir lassen extra für ihre Lehrtätigkeit Experten aus zehn verschiedenen Ländern einfliegen", betont die stellvertretende Lehrgangsleiterin Zoe Temel. Graz habe aufgrund der Lage gute Voraussetzungen, diesen speziellen Lehrgang anzubieten, und der Bedarf an Spezialwissen wachse stetig. Die Teilnehmer kommen aus ganz unterschiedlichen Bereichen: der Politik, dem Bankensektor, aus Kanzleien oder von Firmen, die nach Südosteuropa expandieren wollen. Die Lehrgangsgebühr beläuft sich auf 7800 Euro. Die Universität vergibt auch Stipendien, die ein Drittel der Kosten abdecken. (Stefanie Ruep, DER STANDARD, 27./28.10.2012)

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