Revolte und Erkenntnis

Boualem Sansal hat Algerien trotz Todesdrohungen nicht verlassen. Ein Gespräch über Islamismus und Demokratie

Erst mit 47 Jahren begann der heute 63-jährige Boualem Sansal nach einer Karriere als Ingenieur und Politiker zu schreiben. Zur Zeit des Algerischen Bürgerkriegs Anfang der 1990er-Jahre war Sansal zunächst Berater des Handelsministeriums, später Generaldirektor im Ministerium für Industrie und Umstrukturierung. Der Krieg und die Islamisierung der Gesellschaft veranlassten den Autor, seinen ersten Roman Der Schwur der Barbaren zu schreiben, in dem ein Kommissar in die Schusslinie der politischen, wirtschaftlichen und religiösen Eliten gerät. Sansal wird am 9. November die "Literatur im Herbst" eröffnen.

Standard: In Ihrem Werk ist das Politische aufs Engste mit dem Literarischen verzahnt. Ist die politische Botschaft essenzieller Bestandteil der Literatur?

Sansal:  Meine Absicht ist im Wesentlichen eine politische. Schreiben ist meine Art, für das zu kämpfen, woran ich glaube: die Demokratie in meinem Land, seine Modernisierung, seine Öffnung gegenüber der Welt. Wenn es mir darüber hinaus gelingt, einen kleinen Stein zum Frieden auf der Welt beizutragen, mag er noch so klein sein, wäre das ein Glück für mich. Meine Ziele verfolge ich auf die Art, die mir am geeignetsten erscheint, um ein großes Publikum anzusprechen: mit Literatur. Und wenn man eine große Wirkung erzielen will, muss es gute Literatur sein. Also versuche ich gute Texte zu schreiben, was mir nicht immer gelingt, leider.

Standard:  Auf dem Papier ist Algerien eine Demokratie, in Wirklichkeit teilen sich Geheimdienst, korrupte Bürokraten, Militär und Islamisten die Macht. Trotz Morddrohungen weigern Sie sich, ins Exil zu gehen und bleiben im Land. Wie hoch ist der Preis, den Sie dafür zahlen?

Sansal:  Der Preis, den man für seine Freiheit zahlt, pendelt sich immer so ein, dass man ihn zahlen kann. Der Druck ist gerade noch erträglich. Wenn er wächst, entwickle ich vielleicht die Kraft, auch das auszuhalten; wenn nicht, bleibt nur die Emigration. Im Moment halte ich durch, was ich unter anderem der Unterstützung durch meine Freunde in Algerien und außerhalb zu verdanken habe. Sie glauben daran, dass Algerien eine Chance auf Freiheit und Demokratie hat.

Standard:  Prägen koloniale beziehungsweise postkoloniale Strukturen immer noch das Verhältnis zwischen den reichen und den armen Ländern in Europa und rund ums Mittelmeer?

Sansal:  Die Geschichte richtet sich nicht nach symbolischen Daten wie Unabhängigkeits- und Befreiungstagen. Sie nimmt ihren Lauf und wirkt nach in der kollektiven Erinnerung und den Ideologien, politisch und kulturell. Ein kleines Beispiel: In den vergangenen Jahren ist viel von " Françafrique" und "Françalgérie" die Rede, wenn es um die Einflusssphäre des ehemaligen Kolonialstaates Frankreich in Afrika geht. Diese Strukturen sind absolut neo- oder postkolonial. Doch man findet sie überall. Die Funktionsweise der globalen Ökonomie ist ihrerseits stark vom kolonialen Geist geprägt. Der Norden beutet die Ressourcen des Südens aus und genau wie in der Vergangenheit versucht er nicht, eine wirkliche, langfristige Zusammenarbeit mit einem gemeinsamen Ziel aufzubauen. Der Norden bedient sich mit der Unterstützung von lokalen Sklavenhändlern bei den Reichtümern des Südens und hinterlässt nichts als Verwüstung. In Nigeria sehen wir die Quintessenz dieser Art von Beziehungen, in einem Land, das von den Ölfirmen und ihren Komplizen vor Ort geplündert wurde. Alle Kriege spielen sich dort ab, um von der ökonomischen Ausbeutung abzulenken; Bürgerkrieg, Religionskrieg zwischen Christen und Muslimen, zwischen verschiedenen Volksgruppen, zwischen Gangs. Man muss bedenken, dass die Menschen aus diesen zerstörten Ländern bald vom Süden in den Norden wandern werden, um dort ihren Anteil zu fordern. Es gibt nur einen Weg: Die kolonialen Beziehungen beenden und wahre Partnerschaften aufbauen.

Standard:  Für deutschsprachige Leser ist Ihr Roman "Das Dorf des Deutschen" eine irritierende Lektüre. Die Themen, um die es geht, scheinen bekannt: Nationalsozialismus, Kolonialismus, Migration. Doch Sie erzählen davon im Kontext der algerischen Geschichte - und man stellt fest, dass man gar nichts weiß.

Sansal:  Der Zufall wollte es, dass ich in den 1980er-Jahren auf ein Dorf stieß, in dem ein ehemaliger SS-Mann lebte. Das war der Anfang für eine lange Recherche über den Zweiten Weltkrieg, den Nationalsozialismus und die Shoah. Ich würde sogar von einer veritablen Suche reden, denn ich habe sehr viel gelesen, in alle Richtungen, als ob ich dem tieferen Sinn der Geschichte und der Seele des Menschen auf die Spur kommen wollte. Ich habe auch nach den historischen Verbindungen geforscht, die sich zwischen dem NS-Regime und der islamisch-arabischen Welt entwickelt haben. Was dabei zum Vorschein kam, hat meine Wahrnehmung des Zweiten Weltkriegs dramatisch verändert - in Bezug auf Europa und die arabische Welt. Das war schmerzlich, aber auch heilsam, denn es ist besser, die Augen offen zu haben, wenn man vorankommen will. Was mir sehr geholfen hat, war die Lektüre von Camus: Es gibt keine Erkenntnis als in der und durch die Revolte.

Standard: Der Arabische Frühling von 2011 löste eine Welle der Hoffnung auf mehr Demokratie aus. Was ist daraus geworden?

Sansal:  Der Arabische Frühling ist vorbei. Er ist in einen langen islamistischen Winter übergangen. Die arabischen Gesellschaften sind im Begriff, sich nach den Vorgaben der islamistischen Regierungen einzurichten. Die Schule, die Justiz, die Moschee, die Vereine werden Stück für Stück zu Produktionsstätten für Islamisten umgebaut. Die säkulare Zivilgesellschaft taugt in armen, überbevölkerten Stadtteilen ebenso wenig als Gegengewicht wie in isolierten, trostlosen Dörfern auf dem Land. Wer sich dazuzählt, wird ghettoisiert werden, sich auf einige Reichenviertel zurückziehen und viel reisen, um atmen zu können. Im besten Fall werden sich die Dinge entwickeln wie in der Türkei, wo es den Islamisten in weniger als zehn Jahren gelungen ist, sechzig Jahre Kemalismus und damit eine moderne, säkulare Tradition praktisch auszulöschen.

Standard:  Und wie steht es um die Demokratie in Europa?

Sansal: Der Demokratie in Europa geht es sehr schlecht, und das ist ein globales Drama. Wenn die Demokratie in Europa verschwindet, verschwindet sie überall. Es gibt keine Bastion mehr, wo ihre Prinzipien hochgehalten werden. Meiner Meinung nach liegt das an der neuen Doktrin, welche die großen europäischen Staaten von den USA übernommen haben: an der Realpolitik. Sie akzeptieren alles, was auf der Welt geschieht, Diktaturen, den Aufstieg des Islamismus, die Barbarei, wie sie in Syrien herrscht, und alle anderen Arten von Totalitarismus - Hauptsache, es geschieht anderswo. Durch ihre Schwäche erlauben es die europäischen Demokratien, dass andere Ideologien sich etablieren können, etwa der Rechtsextremismus oder der Islamismus. Der Islam, der ohnehin schon Mühe hat, die Demokratie und die moderne Denkweise in sein Schema zu integrieren, wurde sofort durch die Islamisten vereinnahmt. Sie sind auch die Einzigen, die in der Realpolitik eine gute Sache sehen. Denn ohne sie hätten sie niemals so viele Anhänger gefunden. Heute sind wir so weit, dass keine Macht der Welt sie aus ihren Territorien vertreiben kann.

(Christine Lötscher, Album, DER STANDARD, 27./28.10.2012)

Literatur im Herbst

Es handelt sich bei vorliegendem Interview um einen Vorabdruck aus der Zeitschrift Wespennest, deren 163., ab November erhältliche Nummer unter dem Titel Mare nostrum? steht. Dem Thema "Mare nostrum?" - und somit dem Mittelmeer, das drei Kontinente verbindet - widmet sich vom 9. bis 11. November auch die dreitägige Veranstaltung "Literatur im Herbst". 20 Autorinnen und Autoren werden in der Alten Schmiede und im Odeon-Theater etwa zu den Fragen "Wem gehört das Mittelmeer" oder "Zukunft im Süden? Das Mittelmeer als Krisenzone und Hoffnungsraum" diskutieren.

Zudem werden Filme über die ägyptische (Back to the Square) und die tunesische Revolution (Hello Democracy. Menschen in Zeiten des Umbruchs) gezeigt. Und natürlich wird auch gelesen. Zu den Höhepunkten wird Sansals Eröffnungsvortrag (9. 11., 19 Uhr, Odeon) und die Lesungen von Sansal (Ilija Trojanow leitet ein), Asli Erdogan, Mathias Énard und Zeruya Shalev (die vier lesen am 11. 11. ab 17 Uhr im Odeon) gehören. (steg, Album, DER STANDARD, 27./28.10.2012)

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