"Die Kluft zwischen Reich und Arm ist riesig"

Interview |
  • Zwei von "Drei Schwestern", die der gleichnamige Dokumentarfilm über mehrere Monate hinweg begleitet.
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    Zwei von "Drei Schwestern", die der gleichnamige Dokumentarfilm über mehrere Monate hinweg begleitet.

  • Wang Bing, preisgekrönter Dokumentarist aus China.
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    Wang Bing, preisgekrönter Dokumentarist aus China.

"San Zimei" von Wang Bing dokumentiert den Alltag chinesischer Bauernmädchen - Der Regisseur übers Essen von Kartoffeln und über seine Methode, die Kamera vergessen zu machen.

Standard: Wang Bing, wie sind Sie den drei Schwestern, die wir in Ihrem gleichnamigen Film kennenlernen, begegnet?

Wang Bing: Ein Freund von mir, der Schriftsteller Sun Shi Xiang, lebte in der Yunnan-Region. Er starb vor zwölf Jahren. Ich mochte eines seiner Bücher sehr, darin ging es um eine Familie aus dieser Gegend. Also beschloss ich, dorthin zu reisen und seine Familie zu besuchen. Auf dem Rückweg begegnete ich den drei Kindern. Sie öffneten mir die Tür, sie kochten Kartoffeln für mich; ich verbrachte ein paar Stunden bei ihnen. Ich konnte kaum glauben, dass Menschen heute noch unter solchen Bedingungen leben! Als ich heimkam, dachte ich: Ich sollte eine Film über sie drehen.

Standard:  Was passierte denn zwischen dem Kartoffelessen und dem Drehbeginn? Wie sind Sie vorgegangen, nachdem Sie die drei Schwestern getroffen hatten?

Wang Bing: Als ich sie das erste Mal traf, dachte ich: Wir sollten uns besser kennenlernen, wir könnten Freunde werden. Ich erzählte ihnen auch, dass ich mich mit dem Gedanken trug, einen Film über sie zu machen. Ich habe dann mit ihrem Vater gesprochen, der hat mich akzeptiert, auch als Freund.

Standard:  Was für eine Gegend ist die Yunnan-Region? Ist diese Form der Armut dort normal?

Wang Bing: Eigentlich leben überall im südlichen China, südlich vom Gelben Fluss und Jangtsekiang, arme Menschen. Unser Dokumentarfilm stellt diesen Teil Chinas dar.

Standard:  Wie erklären Sie sich diese Armut?

Wang Bing: Normalerweise sind die Orte, die näher am Meer liegen, wie zum Beispiel Peking, Schanghai und Guangdong, wohlhabender. Doch bei den Bauern im Landesinneren findet sich das echte China. Auf die Frage, warum die Lebensumstände so sind, gibt es keine einfache Antwort. Die Kluft zwischen denjenigen, die enorm reich sind, und denjenigen, die enorm arm sind, ist riesig.

Standard:  Glauben Sie, dass diese Kluft im Begriff ist, sich zu schließen? Oder wird sie im Gegenteil noch tiefer?

Wang Bing: Im Augenblick ist sie riesig, und ich weiß nicht, was die Zukunft bringen wird. Aber es gibt einfach zu viele Arme, und deswegen ist mir nicht klar, wie sich die Kluft schließen soll.

Standard: Haben Sie beim Drehen eine Methode, die Anwesenheit der Kamera vergessen zu machen?

Wang Bing: Ja, eine sehr einfache: Ich bitte die Mädchen niemals darum, zu schauspielern oder etwas Bestimmtes zu tun. Sie sollen sich einfach nur mit dem, was sie tun, wohlfühlen. Und das habe ich dann gedreht.

Standard: Wie viele Leute gehörten Ihrem Team an?

Wang Bing: Vier. Zwei haben gedreht, daneben gab es einen Fahrer und jemanden aus der Gegend, der uns geholfen hat.

Standard:  Und wo haben Sie selbst gewohnt, während Sie gedreht haben?

Wang Bing: Dort, wo sie sich am Anfang des Films zum Abendessen treffen, auf dem Hof der Tante.

Standard:  Wollten alle, die im Film auftauchen, mitmachen? Gab es auch welche, die eher reserviert waren?

Wang Bing: Sie haben sich nicht weiter um mich gekümmert. Und wir stehen einander ja nah, das heißt, meine Anwesenheit hat sie nicht gestört.

Standard:  Kannten sie denn Ihre Filme?

Wang Bing: Vermutlich eher nicht. Und diesen haben sie auch noch nicht gesehen, aber irgendwann im Herbst werden sie das tun.

Standard: Ihr Film ist eine Langzeitbeobachtung, er erstreckt sich über mehrere Monate. Am Anfang sind viele Einstellungen von Helldunkel-Effekten geprägt. Später, im Oktober, ist alles voller Nebel, noch später, im November, ist alles von Sonnenlicht durchflutet. Ist das Zufall? Oder eine bewusste Setzung Ihrerseits?

Wang Bing: Nein, da stand überhaupt keine Absicht dahinter, das ist einfach geschehen. Dass es am Anfang so dunkel war, war ein Zufall.

Standard:  Wie ist das Verhältnis zwischen abgedrehtem und im Film verwendetem Material?

Wang Bing: Wir haben eine Menge gedreht, 180 Stunden - und davon nur zweieinhalb behalten.

Standard:  Gibt es etwas, was Sie herausgeschnitten haben und jetzt vermissen?

Wang Bing: Ich habe das Material verwendet, das einen starken Eindruck bei mir hinterließ, das mich berührte. Das heißt: Ich vermisse nichts. Szenen, in denen die Schwestern Schafe hüten, gibt es sehr viele, aber ich verwende natürlich nur eine Auswahl. Und wenn ich bei ihnen zu Hause war, spielten sie viel, und nicht alles davon konnte ich aufnehmen.

Standard:  Gerade wenn die Mädchen spielen, stellt sich der Eindruck von Normalität ein, trotz der harschen Verhältnisse. Haben Sie darauf hingearbeitet?

Wang Bing: Nein, jedenfalls nicht absichtlich. Es ist im Film einfach so, wie es in Wirklichkeit ist.

Standard:  Aber Sie verhindern schon, dass die Armut in Ihrem Film als etwas Exotisches erscheint, oder?

Wang Bing: Wenn ich drehe, dann denke ich nicht an die Wahrnehmung, die andere Leute haben könnten, oder an das, was Leute im Westen, die China nicht kennen, denken. Mir geht es in erster Linie um die Geschichte der drei Schwestern.

Standard:  Sie arbeiten in der Regel ohne Genehmigung. Was bedeutet das für einen Film wie diesen?

Wang Bing: Für so einen Dreh hat es keinen Sinn, sich auf das bürokratische Prozedere einzulassen und eine Genehmigung zu beantragen. Es geht ja nicht um ein heißes Thema, mit dem man vorsichtig umzugehen hat. Es ist ja nur normales, alltägliches Leben. Und dafür braucht es keine Genehmigung.

(Cristina Nord, Spezial, DER STANDARD, 27./28.10.2012)

27. 10., Urania, 13.30
31. 10., Künstlerhaus, 15.30

Wang Bing, geboren 1967, wurde mit dokumentarischen Gesellschaftsstudien der chinesischen Gegenwart wie "Tiexi District: West of The Tracks (2002) bekannt. "San Zimei" erhielt in Venedig heuer den Orrizonti-Preis.

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