Das Unwirkliche und das Unerträgliche

26. Oktober 2012, 20:51
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Ein Mord, der mehr als ein Experiment ist: Mit "Student" hat der Kasache Darejan Omirbajew auf so eigensinnige wie einleuchtende Weise Dostojewskis "Schuld und Sühne" adaptiert

 

Der kasachische Regisseur Darejan Omirbajew ist wahrscheinlich der bedeutendste lebende Adept von Robert Bresson. Damit hat er es im Weltkino nicht immer leicht, denn die Zeiten, in denen die Notizen zum Kinematographen wie eine Offenbarung gelesen wurden, sind eindeutig vorbei. Omirbajew hält aber unbeirrt an seinem antipsychologischen, antidramatischen Stil fest und beobachtet auf diese Weise sein Heimatland Kasachstan, in dem die postkommunistische Kondition deutlich konturiert ist: demokratische Defizite, extrem ungleich verteilter Reichtum, Perspektivlosigkeit für ganze Generationen.

Der namenlose Student, der im Mittelpunkt von Omirbajews gleichnamigem neuem Film steht, ist ein typischer Vertreter der kasachischen Jugend. Er lebt in Untermiete in Almaty, hat nebenbei einen Job beim Film und bekommt von Professoren an der Universität krude sozialdarwinistische Theorien vorgetragen. Während er gleichmütig seiner Wege geht, reift in ihm ein Gedanke. Er wird jemanden töten. Das ist eine Tat, die immer noch den äußersten Grenzfall im Verhältnis zur Gemeinschaft markiert. Doch anders als in der literarischen Vorlage, dem Roman Schuld und Sühne von Dostojewski, ist der Mord anscheinend nicht ausschließlich " philosophisch" begründet; es handelt sich dabei nicht um ein Experiment, sondern um eine letztlich doch gesellschaftlich bestimmte Tat.

Ein Exempel statuieren

Omirbajew gibt keinerlei ausdrückliche Hinweise auf die Motivation, doch scheint der Student aufgrund einer Kleinigkeit ein Exempel statuieren zu wollen. Dabei geht etwas schief, was möglichen Rationalisierungen der Tat zuwiderläuft. Und damit muss der Student nun zurechtkommen.

Zum zweiten Mal geht Omirbajew nun schon von einem Klassiker der russischen Literatur aus; Shuga (2007) ist seine Version von Anna Karenina. In der Entscheidung für diese Adaptionen steckt ein deutliches Indiz für die Ambivalenz, in der er mit seiner künstlerischen Position steckt: Eindeutig gehört er einer westlich orientierten Moderne an, nimmt sich für seine Projekte aber nun Klassiker der ehemaligen (und bis heute einflussreichen) Hegemonialmacht vor und versucht sie auf eine Gesellschaft abzubilden, die sich in vielfachen Transformationsbewegungen befindet.

In Summe ergibt das aber auch in Student wieder ein stimmiges, unverwechselbares Erzählen, dessen Methode Omirbajew im Grunde seit seinem großartigen Debüt Kairat (1992) kaum verändert hat: Seinen Einstellungen eignet häufig eine Art Deadpan-Qualität, sie wirken wie eingefroren, doch passiert darin eine ganze Menge.

Und jederzeit kann das Bild in ein mentales kippen, dann ist der Film unvermutet in einem Traum oder häufiger in einem Tagtraum, und außerordentliche Dinge passieren auf eine Weise, in der das Unwirkliche sich mit dem Unerträglichen verbindet. In Student sind derart viele Kleinigkeiten aus dem kasachischen Alltag versteckt wie in Suchbildern, dass man unwillkürlich in ein kriminologisches Verhältnis zu der Erzählung gerät.

Ermittelt wird dabei aber nicht einfach gegen den jungen Mann, sondern gegen die Gesellschaft, deren Symptom er ist.

Dabei stellt Omirbajew sicher, dass sich simple Milieutheorien verbieten. Nichts wird einsinnig abgeleitet, der Existenzialismus von Dostojewski bleibt prinzipiell gewahrt. Und so stellt Student einen der interessantesten Modellfälle des neueren Erzählkinos dar: zugleich Adaption und freie Fiktion, zugleich Wirklichkeitsabbildung und Entfremdung davon, zugleich Story und Studie. Würde man die Notizen zum Kinematographen angesichts von Omirbajews Filmen noch einmal lesen, sie hätten sofort wieder das Zeug zum Klassiker.    (Bert Rebhandl, Spezial, DER STANDARD, 27./28.10.2012)

27. 10., Stadtkino, 20.30
29. 10., Urania, 11.00

  • Suchbilder aus der postkommunistischen Wirklichkeit: Ein namenloser Student begehrt in Darejan Omirbajews "Student" gegen die Verhältnisse auf.
    foto: viennale

    Suchbilder aus der postkommunistischen Wirklichkeit: Ein namenloser Student begehrt in Darejan Omirbajews "Student" gegen die Verhältnisse auf.

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