Russisches Roulette mit Mitarbeitern

5. November 2012, 10:16
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Dem täglichen Irrsinn spürt Karriere-Coach Martin Wehrle in seinem neuen Buch nach

"Dir Firma hatte russisches Roulette mit meinem Leben gespielt." Martin Wehrle, Bestseller-Autor und Führungskräfte-Coach, hat wieder Geschichten gesammelt. Geschichten aus der Arbeitswelt, wie sie in Unternehmen vorkommen. Nicht nur in Deutschland, sondern weltweit. Über 2.000 Leser-Zuschriften hat Wehrle zu einem Buch verarbeitet. Die Fortsetzung von Teil eins von "Ich arbeite in einem Irrenhaus", versehen mit dem Zusatz "immer noch".

Das Zitat oben mit dem russischen Roulette stammt von einer Kundenberaterin, die aus der Zeitung von einer Bombendrohung gegen ihr Unternehmen erfahren hatte. Am nächsten Tag. Zum Zeitpunkt der angekündigten Explosion saß sie, wie alle anderen Mitarbeiter auch, seelenruhig in dem Gebäude. Die Belegschaft wurde nämlich nicht informiert. Offenbar aus Angst, dass der Konzern ein paar Arbeitsstunden verliert. Sie schreibt: "Auch wenn die Bombe nicht hochging: Mein Glaube an die Menschlichkeit meiner Firma wurde endgültig gesprengt."

Gutscheine für die Gesunden

Eine Lohnbuchhalterin erzählt von Gutscheinen für Massagen und Rückengymnastik, die an Mitarbeiter verteilt werden. Allerdings nur an jene, die im Vorjahr keinen einzigen Fehltag hatten. Als Belohnung für das Gesundsein. Mitarbeiter, die Krankenstandstage zu verzeichnen hatten, gingen leer aus. "Wer dagegen, wie ich, tagelang mit Rückenschmerzen flachlag, der wird vom Rückentraining ausgeschlossen", kritisiert sie. Sie durfte nicht einmal den Gutschein von Kollegen einlösen konnte, die ihre "Belohnung" an die Mitarbeiter mit Rückenschmerzen abtreten wollten. Die Begründung: jene mit vielen Fehltagen hätten diesen Gutschein nicht verdient.

Eine andere Geschichte handelt von drei Zeitarbeitern, die von einer Firma engagiert wurden, um Mitarbeiter zu mobben. Nämlich jene, die in den Augen des Chefs zu alt, zu ineffizient und zu teuer waren. Die Mitarbeiter einfach zu kündigen, war der Firma zu kostspielig, ein "natürlicher Abgang" schien die Lösung. Der Auftrag an die drei Zeitarbeiter, formuliert vom Abteilungsleiter: "Helfen Sie einfach ein bisschen nach, damit den Alten die Lust vergeht. Meine Rückendeckung haben Sie. Und der erste feste Arbeitsplatz, der frei wird, gehört Ihnen." Der Aufruf zum Mobbing erwies sich für die "Täter" als Schuss ins Knie. Ein älterer Mitarbeiter musste zwar aufgrund von psychischen Problemen in Frühpension gehen, ein neuer Kollege wurde allerdings nicht eingestellt.

Mit Episoden wie diesen dokumentiert Martin Wehrle den täglichen "Irrsinn", wie er die Zustände in Deutschlands Firmen nennt. Der Stoff dürfte Wehrle nicht ausgehen. Fortsetzung folgt mit Sicherheit. (om, derStandard.at, 5.11.2012)

  • "Ich arbeite immer noch in einem Irrenhaus"Martin WehrleEcon Verlag313 SeitenPreis: 14,99 Euro
    foto: econ verlag

    "Ich arbeite immer noch in einem Irrenhaus"
    Martin Wehrle
    Econ Verlag
    313 Seiten
    Preis: 14,99 Euro

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