"Kinder haben kein Trotzalter"

Kolumne |

Familientherapeut Jesper Juul erklärt, was passiert, wenn Kinder mit zwei Jahren zu Rebellen werden - und wie Eltern darauf reagieren sollten

Ein Leser fragt:
Warum haben die meisten Kinder ein Trotzalter? Welchen Sinn hat das Trotzalter? Hat es überhaupt einen Sinn? Wie lange dauert diese Phase? Können ältere Geschwister positiven Einfluss auf das trotzige Kind nehmen? Wie sollten Eltern mit Ihren Kindern umgehen, wenn diese sehr trotzig sind? Soll man das Kind zu Hause und in der Öffentlichkeit anders behandeln?

Jesper Juul antwortet:
Kinder haben kein Trotzalter. Es ist eine natürliche Entwicklung, dass sich das zwei- bis dreijährige Kind aus der kompletten Abhängigkeit von den Eltern zu einem teilweise unabhängigen Individuum entwickelt. Diese Entwicklung wiederholt sich in der Pubertät. Wenn die Eltern versuchen, diese Entwicklung des Kindes zu verhindern, zu beeinträchtigen oder darüber zu bestimmen, dann wird das Kind trotzen. In diesem Alter brauchen Kinder Eltern, die sie wertschätzen und anleiten. Je mehr die Eltern versuchen, einzugreifen und Grenzen zu setzen, desto mehr Machtkämpfe wird es geben.

Diese Phase ist entscheidend für das Kind, um neue Fertigkeiten, Selbstvertrauen und Selbstwertgefühl zu entwickeln. Sie ist auch wichtig für die Herausbildung des Charakters und die Qualität der Beziehung zwischen Eltern und Kind. Betrachten Sie die wachsende Unabhängigkeit Ihres Kindes als Geschenk - nicht als Problem. Es ist ziemlich einfach, ein zweijähriges Kind zu "brechen", um es nett, sanft und gehorsam zu machen, aber den Preis zahlen alle. In der "Trotzphase" wie in der Pubertät sollte die Botschaft der Eltern sein: "Du bist okay, so wie du bist, und wir lieben dich."

Die Phase, in der das Kind sagt: "Ich kann es selber!", und auf Versuche, sein Verhalten zu regulieren, mit "Nein" antwortet, dauert ungefähr ein Jahr. Als Eltern haben Sie zwei konstruktive Möglichkeiten, darauf zu reagieren, um Konflikte zu reduzieren und gleichzeitig das Vertrauen des Kindes in die Führung der Eltern und anderer Erwachsener zu steigern: Wenn das Kind sagt: "Ich kann es selber", ist die Antwort: "Oh, wie wunderbar! Lass mich wissen, wenn du Hilfe brauchst." Wenn das Kind "Nein" sagt, dann geben Sie ihm/ihr eine Minute oder zwei, und Sie werden erleben, dass es seine Meinung ändert. Wenn Kinder nicht "Nein" sagen dürfen, dann bleibt ihnen nur übrig, "Jawohl" zu sagen, und so verlieren sie ihre Würde.

Ob ältere Geschwister das trotzige Kind positiv beeinflussen können, hängt davon ab, was Eltern unter "positiv" verstehen. Wenn das ältere Geschwisterkind in dieser Phase "gebrochen" oder still gemacht wurde, kann das Jüngere das kopieren. Lebt das Ältere seine/ihre eigenen Fähigkeiten aus, dann ist das eine Inspiration für das jüngere Kind.

Auf keinen Fall sollte man das Kind zu Hause und in der Öffentlichkeit anders behandeln. Sonst verliert es das Vertrauen in die Eltern. Es ist nicht verboten, das Kind manchmal anzuschreien. Kinder brauchen echte und emotionale Menschen um sich. Sagen Sie Ihrem Kind, dass Sie überreagiert haben, und übernehmen Sie die Verantwortung dafür. Und dann vergeben Sie sich selber.

Jesper Juul, geboren 1948 in Dänemark, ist Lehrer, Gruppen- und Familientherapeut, Konfliktberater und Buchautor. Er studierte Geschichte, Religionspädagogik und europäische Geistesgeschichte. Statt die Lehrerlaufbahn einzuschlagen, nahm er eine Stelle als Heimerzieher und später als Sozialarbeiter an und ließ sich zum Familientherapeuten ausbilden. Er ist Begründer des Family Lab.

Ab sofort beantwortet Jesper Juul auf derStandard.at alle zwei Wochen Fragen zu Erziehung, Partnerschaft und Familienleben. Die nächste Kolumne lesen Sie am 12. November.

Share if you care