"Ich könnte Ihnen auf Leber oder Kinn hauen"

Interview30. Oktober 2012, 09:44
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Der Wiener Marcos Nader kämpft am Freitag um die EU-Meisterschaft im Mittelgewicht. Ein Gespräch über nicht vorhandende Hemmungen, harte Leberhaken und zu meidende Locations

Wien - Am Freitag wird es für den Wiener Boxer Marcos Nader ernst. Im Multiversum Schwechat fordert der junge Österreicher den 30-jährigen Spanier Roberto Santos heraus. Es geht um die EU-Meisterschaft im Mittelgewicht. Vor dem Kampf sprach er mit Philip Bauer.

derStandard.at: Wenn ich Sie in einem Anfall von Wahnsinn bitten würde, mich auszuknocken, wie würden Sie es anstellen?

Nader: Ich könnte Ihnen auf die Leber oder auf das Kinn hauen. Auch die Schläfe bietet sich an. Je nachdem, wo Sie es gerne haben.

derStandard.at: Leber klingt toll. Was passiert dann mit mir?

Nader: Die Schmerzen wirken sich mit Atemlosigkeit aus. Das heißt, dass Sie überhaupt keine Luft mehr bekommen und gewisse Zeit brauchen, bis Sie wieder einatmen können.

derStandard.at: Dann vielleicht doch lieber Kinn oder Schläfe.

Nader: Dort wird der Blutfluss zum Hirn unterbrochen, dadurch passiert dann das klassische K. o.

derStandard.at: Klingt unangenehm. Hatten Sie jemals ein Problem mit der Gewalt im Boxring?

Nader: (lacht) Wenn man Boxer wird, muss man damit rechnen, jemanden zu schlagen. Und auch geschlagen zu werden. Wenn ich den Gegner nicht schlage, wird er mich schlagen. Da sollte man besser keine Hemmungen haben. Außerhalb des Boxrings haben diese Automatismen aber nichts verloren.

derStandard.at: Werden Sie im Privatleben manchmal blöd angesprochen, provoziert, herausgefordert?

Nader: Man muss aufpassen, in welchen Locations man sich aufhält. Ich meide Orte, an denen ich angestänkert werden könnte. Sonst kann es ja für beide Seiten schlimm enden. Ich absolviere zwölf Trainingseinheiten in der Woche, da brauche ich nebenbei keine Schlägereien.

derStandard.at: Verstehen Sie Menschen, denen der Boxsport zu brutal ist?

Nader: Jeder hat seine Meinung. Natürlich muss man damit zurechtkommen, dass zwei Menschen aufeinander einprügeln. Aber wenn man sich die Skifahrer ansieht, die mit 100 km/h den Berg runterfahren und sich regelmäßig was brechen, passiert beim Boxen noch relativ wenig.

derStandard.at: Wie würden Sie einem Laien die Faszination des Boxsports erklären?

Nader: Da muss man gar nicht viel sagen. Es reicht, einmal zum Training zu kommen und sich die Technik anzusehen. Was benötigt es, um einen richtigen Schlag anzubringen? Oder mehrere in Folge, über eine Minute oder sogar eine ganze Runde? Boxen ist kein sinnloses Eindreschen.

derStandard.at: Sie und der Boxsport - war es Liebe auf den ersten Blick?

Nader: Zuerst wollte ich nicht in diese stinkende Halle. Aber mein Bruder hat mich mitgenommen, und es hat mir gleich gefallen. Einige Zeit habe ich parallel Fußball gespielt. Als der erste Kampf vor der Tür stand, habe ich mich schließlich für das Boxen entschieden.

derStandard.at: Und nun gelten Sie als die große Hoffnung im heimischen Boxsport. Verspüren Sie Druck?

Nader: Überhaupt nicht, ich freue mich sehr auf diese Aufgabe und bin zugleich sehr stolz. Lange Zeit konnte kein Österreicher auf so einem Level boxen. Obwohl es genug Boxer in Österreich gäbe, die es genauso weit bringen könnten.

derStandard.at: Woran scheitert es?

Nader: Die Förderung ist nicht gegeben. Ein Sportler muss den Sport leben, zweimal am Tag trainieren. Der kann nicht nebenbei arbeiten. Das kann man nicht alles unter einen Hut bringen.

derStandard.at: Benötigt es eine Art Mentor, wie Sie ihn in Ihrem älteren Bruder gefunden haben?

Nader: Ich hatte die ganze Familie hinter mir. Bei mir waren auch Vater, Mutter, Schwester involviert. Das ist sicher kein Nachteil. Es sollten sicher nicht alle wissen, wie es besser geht - aber das war bei mir nicht der Fall.

derStandard.at: Wie wurden Sie konkret unterstützt?

Nader: Meine Mutter hat gekocht und sich um meine Ernährung gekümmert. Meine Schwester hatte immer ein Auge auf meine Finanzen. Und mein Vater ist mit mir quer durch Europa zu Turnieren gefahren.

derStandard.at: Derzeit bereiten Sie sich in Berlin auf Ihren Titelkampf gegen Roberto Santos vor. Wie sehen Ihre Tage aus?

Nader: Wir absolvieren drei Sparringeinheiten pro Woche, auf acht bis zwölf Runden. Das Ganze mit guten Trainingspartnern, die den Gegner imitieren, einen ähnlichen Stil wie Santos pflegen.

derStandard.at: Müssen Sie an Ihre Grenzen gehen?

Nader: Die Konditionseinheiten sind hart. Du kotzt vor lauter Anstrengung auf der Laufbahn, du kannst gar nicht mehr und läufst trotzdem weiter.

derStandard.at: Haben Sie die Trainingsintensität im Hinblick auf den Titelkampf intensiviert?

Nader: Nein, wir haben auch für die Kämpfe auf zehn Runden so trainiert, als würde es auf zwölf Runden gehen. Konditionell müsste es an und für sich passen. Auch psychisch fühle ich mich für zwölf Runden gewappnet.

derStandard.at: Ich habe mir Ihre letzten Kämpfe angesehen. Als Stärken würde ich eine feine Technik, eine exzellente Beinarbeit und eine reaktionsschnelle Defensive ausmachen. Wo liegen die Schwächen?

Nader: Ich habe in meiner Profikarriere nur zwei Siege durch K. o. gefeiert. Allerdings konnten meine Gegner auch einiges wegstecken. An meiner Dynamik muss ich sicher auch noch arbeiten.

derStandard.at: Ihre letzten Gegner schienen Ihnen technisch unterlegen. Wo würden Sie Santos einordnen?

Nader: Ich würde sagen, er ist ein bisschen besser als Baker Barakat. Barakat war sehr offen in seinen Angriffen und hat wild um sich geschlagen. Da geht Santos schon um einiges überlegter zur Sache. Er baut seine Aktionen gut auf, da muss man schon aufpassen.

derStandard.at: Wenn wir beim Boxen von Technik sprechen, was meinen wir dann eigentlich genau?

Nader: Den Bewegungsablauf. Es gibt Boxer, die hauen von überall irgendwie hin, da ist die Technik nicht vorhanden. Die Schritt-Schlag-Kombinationen müssen stimmen.

derStandard.at: Man hört, Santos' linker Haken zum Kopf sei gefürchtet. Ist das auch Ihre Einschätzung?

Nader: Jein. Er schlägt generell gute Serien. Sein Spezialschlag ist der linke Körperhaken, der geht zur Leber. Damit hat Santos zuletzt auch Dominik Britsch überrascht. Mit Santos ist sicher nicht gut Kirschen essen.

derStandard.at: Wie kann man sich gegen so einen Spezialschlag wie jenen zur Leber verteidigen?

Nader: Man muss geschlossener sein und überlegt angreifen. Der Ellbogen sollte auf der Leber platziert sein, damit er dort mit seinen Schlägen nicht hinkommt. Generell darf man im Boxen nie übermütig werden und sich wie der sichere Sieger fühlen.

derStandard.at: Oft wird im Boxsport von der "Chance des Lebens" gesprochen. Ist der Kampf in Schwechat für Sie eine solche?

Nader: Keine Frage, es ist auf jeden Fall ein Meilenstein. Ich bin seit vier Jahren Profi und muss jetzt den ersten großen Prüfstein bewältigen.

derStandard.at: Die letzten Gegner waren aber auch nicht von schlechten Eltern, oder?

Nader: Nein, um Gottes willen. Aber jetzt steht der erste Titelkampf an. Jetzt geht es um die Wurst. (Philip Bauer, derStandard.at, 30.10.2012)

Marcos Nader (22) kämpft für den deutschen Sauerland-Boxstall. Sein Profidebüt feierte der Wiener im März 2009. In 16 Profikämpfen konnte er ebenso oft gewinnen, zweimal durch K. o. Seine Trainer sind sein Bruder Daniel Nader, der mit ihm im Boxclub Bounce im 16. Wiener Bezirk trainiert, und Otto Ramin in Berlin.

TV-Tipp

Der Kampf wird auf ORF Sport+ und Eurosport übertragen.

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  •  "Es gibt Boxer, die hauen von überall irgendwie hin, da ist die Technik 
nicht vorhanden. Die Schritt-Schlag-Kombinationen müssen stimmen", sagt Marcos Nader.
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    "Es gibt Boxer, die hauen von überall irgendwie hin, da ist die Technik nicht vorhanden. Die Schritt-Schlag-Kombinationen müssen stimmen", sagt Marcos Nader.


  • Beim Showtraining in der Wiener Lugner City.

  • Marcos Nader wird seit seinem 14. Lebensjahr von seinem Bruder Daniel trainiert. In Berlin bereitet er sich mit dem erfahrenen Otto Ramin auf den Kampf gegen Santos vor.
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    Marcos Nader wird seit seinem 14. Lebensjahr von seinem Bruder Daniel trainiert. In Berlin bereitet er sich mit dem erfahrenen Otto Ramin auf den Kampf gegen Santos vor.

  • Marcos Nader (schwarze Hose) am 15. September 2012 gegen den Franzosen Damien Bertu.

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