Schulbeginn um 8 Uhr - zu früh?

  • Die meisten jungen Menschen haben das Bedürfnis, morgens länger zu schlafen.
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    Die meisten jungen Menschen haben das Bedürfnis, morgens länger zu schlafen.

Jugendliche klagen über Müdigkeit und Schlafstörungen - Hilft ein späterer Schulbeginn?

"Junge Menschen schlafen deutlich weniger als ältere Erwachsene, obwohl sie in ihrer Lebensphase eigentlich mehr Schlaf benötigen. Knapp zwei Drittel der Jugendlichen fühlen sich tagsüber nicht ausgeruht und leistungsfähig", stellte der deutsche Schlafforscher Manfred Betz vor kurzem in einer Studie mit 8.850 Teilnehmern fest.

Junge Menschen hätten einen anderen Biorhythmus, seien abends lange aktiv und würden morgens mindestens bis 8 Uhr schlafen, wäre da nicht der frühe Arbeits- oder Schulbeginn. Immer wieder steht die Forderung im Raum, den Schultag später beginnen zu lassen. Aber wie sinnvoll wäre das tatsächlich?

Testlauf in Klagenfurt

"Ich kann bestätigen, dass Jugendliche zu wenig schlafen", sagt der Grazer Chronobiologe Maximilan Moser. "Es sind sich alle Chronobiologen einig, dass die Schule zu früh anfängt. Langsam, aber sicher erkennt das auch die Öffentlichkeit." Die Klagenfurter Waldorfschule hat versuchsweise einen späteren Schulbeginn um 8.30 Uhr eingeführt.

"Die Eltern freuen sich über mehr Zeit für ein gemeinsames Frühstück, die Lehrer freuen sich, dass die Kinder ruhiger geworden sind, denn unausgeschlafene Kinder zeigen sich in aller Regel sehr aufgedreht", sagt Moser. Einen gestörten Schlafrhythmus sieht er als mögliche Ursache vieler "Zappelphilipp"-Probleme.

Zunächst hatte die Waldorfschule nur den Unterrichtsbeginn in den Unterstufenklassen umgestellt, aufgrund des großen Erfolges zogen aber bald alle Klassen nach. Auch andere Schulen bereiten einen späteren Schulbeginn vor - und es spricht auch nichts dagegen. Warum wurde der spätere Schulbeginn nicht schon längst flächendeckend umgesetzt? "Die Macht der Gewohnheit ist natürlich nicht zu unterschätzen", sagt Moser. "Ein weiterer Grund ist, dass man in unseren Breiten als besonders fleißig gilt, wenn man möglichst früh am Arbeitsplatz ist."

Diktat der Morgenmenschen

Dabei werde gerne übersehen, dass auch viele Künstler Abendmenschen sind und am Abend und in der Nacht sehr kreativ und produktiv sein können sagt Moser: "Es ist also ein Diktat der Morgenmenschen an die Abendmenschen, weil die Morgenmenschen den Nimbus haben, besonders fleißig zu sein." Das liege aber nicht etwa daran, dass die meisten Leute Morgenmenschen sind: Der Anteil an Morgen- und Abendtypen ist nämlich mit jeweils rund 20 Prozent der Bevölkerung etwa gleich (die restlichen 60 Prozent sind weder das eine noch der andere Extrem).

Der eigene Typ ändere sich jedoch im Laufe des Lebens, sagt Moser: "Kinder sind eigentlich Morgenmenschen, haben aber viel mehr Schlafbedarf als Erwachsene, deshalb gleicht sich das wieder aus." Die meisten Älteren werden auch wieder zu Morgenmenschen, während Menschen zwischen 20 und 30 klassische Abendmenschen sind.

Nur mehr Winterzeit

Neben dem verfrühten Schulbeginn sieht der Chronobiologe in der Sommerzeit ein Problem: "Die Zeitumstellung verursacht einen gefühlten Jetlag. Das ist ungefähr so, als wenn ganz Österreich über den Sommer nach Moskau fliegen würde und dann im Winter wieder zurück. Die Sonne geht aber nicht mit. Es ist eine Störung des körpereigenen Zeitgefühls." Der Chronobiologe plädiert für die Winterzeit das ganze Jahr über. Den frühen Sonnenuntergang in der kalten Jahreszeit hält er für kein Zeitumstellungsargument.

"Dauerhafte Winterzeit wäre ideal, denn sie würde unserem Tagesrhythmus entsprechen", sagt Moser und erinnert an Russland: 2011 hatte das Land auf ganzjährige Sommerzeit umgestellt. Bewährt hat sich der Versuch nicht. "Es gab richtige Aufstände in der Bevölkerung. Deshalb wurde das Ganze wieder rückgängig gemacht." Die meisten Leute würden selbst am besten wissen, welcher Rhythmus ihnen guttut.

Fragt man Schüler, ob sie sich einen späteren Schulbeginn wünschen, würde die überwiegende Mehrheit wohl bejahen. Aus medizinischer Sicht spricht jedenfalls nichts dagegen. (Florian Bayer, derStandard.at, 14.11.2012)

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