Touristiker hoffen auf neuen Rekordwinter

28. Oktober 2012, 18:45
2 Postings

Branche sieht Umsätze in Österreich weiter steigen

Sölden - Wenn in den frühen Morgenstunden die letzten Durstigen durch Sölden torkeln, sind die ersten Fleißigen längst am Berg. 80 Mann, darunter 30 vom Bundesheer, haben seit ein Uhr Früh die frisch gefallene weiße Pracht vom ewigen Eis zu schaufeln versucht. Schon die Nacht davor haben sie die Eisbar im Dorf gegen den Steilhang am Gletscher getauscht. Wieder einmal galt es, zum Auftakt der Weltcupsaison am Rettenbachferner im Tiroler Ötztal eine Piste hinzuzaubern, die den Belastungen zweier Rennen standhält.

Das Weltcupwochenende mit dem Riesentorlauf der Damen am Samstag und dem Männerbewerb am Sonntag strahle weit über Tirol hinaus, sagte der Chef des Ötztal Tourismus, Oliver Schwarz, dem Standard. "Jetzt ist der Schalter umgelegt. Skiindustrie, Handel, Hoteliers - die ganze Tourismusbranche hat auf diesen Termin hingefiebert."

Für das Ötztal, das nach Wien die zweitmeisten Gästenächtigungen in Österreich aufweist, ist der Weltcup direkt messbar, und das nicht nur an vollen Hotels. Auch die stark erhöhte Frequenz auf der Homepage der lokalen Tourismusorganisation zeigt das Winterfieber. Statt bis zu 15. 000 Klicks an Normaltagen zählt Schwarz pro Renntag bis zu 45.000 Website-Besuche. "Es kommen ruck, zuck auch Buchungen herein."

Konjunkturstütze

Nach dem vorjährigen Rekordwinter, der 16,4 Millionen Ankünfte (plus 4,9 Prozent) und mehr als 64 Millionen Nächtigungen (plus 3,6 Prozent) brachte, sind Österreichs Touristiker zuversichtlich, heuer zumindest ähnlich gute Ergebnisse einfahren zu können. Es sollte auch wieder etwas mehr in der Kasse bleiben. Tourismusforscher Egon Smeral sagt den Hoteliers ein Umsatzplus von nominell 2,5 Prozent voraus.

Für Wirtschaftsminister Reinhold Mitterlehner (VP) erweist sich der Tourismus einmal mehr als "Konjunkturstütze in einer unsicheren Zeit". Allerdings müsse man der Realität ins Auge sehen. Für einen Gutteil des Zuwachses an Ankünften und Nächtigungen habe zuletzt die Bundeshauptstadt gesorgt. Nach dem Einbruch 2010 habe Wien stetig zugelegt. Nun seien Ideen gefragt, wie Ur- lauber mehr für stadtferne Destinationen begeistert werden könnten, sagte Mitterlehner in Sölden.

Eine Entwicklung lässt sich kaum stoppen: der Trend zu immer kürzeren Aufenthalten. Waren es 2008 noch 3,9 Tage, die ein durchschnittlicher Winterurlauber am Stück in Österreich blieb, sind es laut jüngster Statistik nur noch 3,6 Tage. Mit 120 Euro pro Tag gibt der Wintergast um gut 20 Prozent mehr aus als ein durchschnittlicher Sommerurlauber.

Häufig urlauben, dafür kurz

"Österreichische und deutsche Gäste kommen öfter, bleiben aber kürzer", sagte Petra Stolba, Chefin der Österreich Werbung (ÖW). Zusammen mit Partnern lässt die ÖW im heurigen Winter 14 Mio. Euro springen. Das Geld soll vor allem in Beneluxstaaten sowie in Deutschland, Frankreich, Zentraleuropa und Russland Lust auf Österreich machen. Wichtigstes Motiv für Österreich-Urlaub im Winter blieben Berge und Skifahren.

Fehlt der Schnee, wird durch künstliche Beschneiung nachgeholfen. Die Seilbahnwirtschaft hat die Investitionen zuletzt zwar zurückgefahren - allerdings wurde in den Jahren davor jeweils deutlich mehr als eine halbe Milliarde Euro in neue Aufstiegs- und Beschneiungsanlagen gesteckt. Für Fachverbandsobmann Franz Hörl kommt es nun darauf an, kleinen Skigebieten zu helfen: "Die müssen die Chance haben, durch Zusammenschluss die kritische Größe zu erreichen." Sonst müssten einige zusperren, was schlecht für den Skifahrer-Nachwuchs sei.

Der Nachwuchs zeigt sich auch sonst bockig. "Da hinauf bringt mich keiner, meinte Franz aus Axams, die ausgestreckten Finger Richtung Gletscher gerichtet. Er ist zum Partymachen nach Sölden gekommen. Rennen schauen oder Ski fahren, das sei nicht so seines. "Die Eisbar", sagt er, " die ist cool." (Günther Strobl, DER STANDARD; 29.10.2012)

Share if you care.