Jimmy Savile und die BBC: Wer wusste wann was?

Gastkommentar |

Ein Skandal erschüttert die britische Presse. Dieses Mal mitten im Zentrum des Journalismus. Es geht um Pädophilie - und um das Eingeständnis des eigenen Versagens

Die britische Presse hat ihren nächsten Skandal. Während in den vergangenen Monaten eine Untersuchung zu Erpressung, Bestechung und Verletzungen der Privatsphäre vonseiten der berühmt-berüchtigten britischen Boulevard-Blätter für Aufregung gesorgt hat (und den australischen Medienmogul Rupert Murdoch unter anderem dazu bewogen hat, zur Schadensbegrenzung gleich eine ganze Zeitung dichtzumachen), steht dieses Mal die altehrwürdige BBC im Zentrum der Aufmerksamkeit. Es geht um Pädophilie (und damit auch zuallererst um die möglichen Opfer und ihr Schicksal), um journalistische Fehlentscheidungen und die Kultur des Wegschauens.

Im Zentrum des Skandals stehen Anschuldigungen gegen Jimmy Savile, einem 2011 verstorbenen Moderator, der mehrere Jahrzehnte lang für die BBC tätig war und populäre Sendungen wie "Top of the Pops" oder "Jimmy'll Fix It" moderierte. Savile soll im Laufe der Jahre regelmäßig Minderjährige sexuell belästigt und vergewaltigt haben. Scotland Yard ist derzeit mit der Vernehmung von über 200 Zeugen beschäftigt.

Der Druck auf die BBC wächst

Das Pikante daran: Die abendliche Nachrichtensendung „BBC Newsnight" arbeitete bereits im Herbst 2011 an einem Beitrag über die Anschuldigungen, der sich unter anderem aus Aussagen mehrerer mutmaßlicher Opfer von Savile stützte. Kurz vor Ausstrahlung zog der verantwortliche Redakteur jedoch den Stecker; über die genauen Gründe wird derzeit gestritten. Mehrere Monate lang köchelte das Thema danach vor sich hin, bis die private Fernsehstation ITV Anfang Oktober ihre eigene Dokumentation zur "Anderen Seite von Jimmy Savile" sendete. Seitdem wächst mit jedem Tag der Druck auf die Verantwortlichen der BBC. Bei der wöchentlichen Fragestunde im Parlament musste sogar Premierminister David Cameron Stellung nehmen und kündigte weitere Untersuchungen an. Der verantwortliche "Newsnight"-Redakteur ist beurlaubt, die Polizei ermittelt. Es gibt Verdachtsmomente gegen bis zu neun weitere Personen, die gleichzeitig mit Savile für die BBC tätig waren. (Wer die Entwicklung des Skandals nachvollziehen möchte, findet hier eine chronologische Auflistung mit Links zu diversen Primärquellen.)

Wenn sich die Anschuldigungen gegen Savile bestätigen, und wenn es wirklich so sein sollte, dass der Missbrauch von Minderjährigen teilweise ein offenes Geheimnis war, dann hat die BBC ein Problem. Dann geht es nicht lediglich um „Newsnight" und um die (Fehl-)Entscheidungen des vergangenen Jahres, sondern um die Aufarbeitung von mehreren Jahrzehnten Unternehmenskultur. Viele der damals Verantwortlichen sind auch heute noch im Journalismus aktiv - der ehemalige Generaldirektor der BBC soll beispielsweise im November die Leitung des Verlagshauses der „New York Times" übernehmen. Angesichts der derzeitigen Enthüllungen wächst auf der anderen Seite des Atlantiks bereits der Widerstand. "Die Sache muss von meiner Zeitung restlos aufgeklärt werden", fordert beispielsweise die Verantwortliche für journalistische Standards bei der "Times".

Doch nicht nur die BBC muss sich kritische Fragen gefallen lassen. „Glauben wir denn wirklich, dass all die Leute, die sich sonst in die Handys von Popstars, Comedians, Fußballern und sogar von einem ermordeten Mädchen gehackt haben, nie auch nur ein Gerücht über Jimmy Savile zu Ohren bekommen haben?", fragt Christina Patterson in der Zeitung "The Independent". "Ist es wirklich glaubwürdig, dass die Journalisten, die Details über die Krankheit des Sohns von Premierminister Cameron an die Öffentlichkeit gebracht haben, im Laufe von vierzig Jahren kein Wort über die relativ offen praktizierten Sexualverbrechen von Savile gehört haben wollen?"

Zu zahm im eigenen Haus

Die britische Boulevardpresse ist bekannt für ihre Hartnäckigkeit und Schmerzlosigkeit. Die Waffen sind jedoch meistens auf andere gerichtet: auf die Politik oder auf Prominente. Selten werden Auseinandersetzungen im eigenen Haus zum Schlagzeilenthema. "Was hätte ich denn machen sollen?", fragt ein BBC-Produzent vor der Kamera, als er zum Fall Savile befragt wird. "Ich hätte als junger DJ aufstehen sollen und sagen sollen, dass mein Vorgesetzter ein Perverser ist?" Wer ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein.

In Diskussionen über die Meinungs- und Pressefreiheit taucht dieser Aspekt eher selten auf. Wie oft wird etwas nicht geschrieben aus Angst vor beruflichen Konsequenzen oder nach einer Auseinandersetzung mit dem Chef? Anders ausgedrückt: Wie stellen wir sicher, dass die nach außen getragenen Ideale von Transparenz und Verantwortlichkeit auch intern gelten? Der US-Journalist Craig Silverman schreibt dazu:

"Ethical journalism means being

  1. Responsive to feedback and new developments.
  2. Transparent about our relationships and limitations.
  3. Accountable for our mistakes and decisions.
  4. Open about our processes and sources.
  5. Committed to seeking truth through facts and credible information."

Das klingt stark nach freiwilliger Selbstverpflichtung - eine Verpflichtung, deren Effektivität allerdings mit dem Rückgrat der Journalisten steht und fällt. Eine Alternative ist - dem Netz sei Dank - die verstärkte Kontrolle durch die eigenen Leser. Sie bedingt wiederum einen Wandel journalistischer Praktiken: Weg vom Fokus auf das fertige Endprodukt und hin zu einem offeneren journalistischen Arbeitsprozess - und damit konträr zur Arbeitsweise investigativer Medien.

Das Gefährliche ist, dass sich legitime Maßnahmen zur Kontrolle der Presse (wie beispielsweise der Bundespresserat oder die durch den Schutz der Privatsphäre vorgegebenen Einschränkungen von Berichterstattung) manchmal nur schwer von eigennützigen und illiberalen Vorstößen trennen lassen. Schon während der Leveson-Untersuchung des vergangenen Jahres waren in London beispielsweise Rufe vonseiten einzelner Politiker laut geworden, die an der "Fleet Street" ansässigen Medien durch Änderungen des Presserechts an die Kandare zu legen. Besonders pikant wird es im Kontext öffentlich-rechtlicher Medien, wenn auch noch die Parteipolitik ins Spiel kommt.

Die Frage nach der Kontrolle der eigenen Arbeit ist - neben der Aufklärung des Savile-Skandals - die zweite große Schlacht, die von den britischen Medien, und nicht nur von der BBC, geschlagen werden muss. (Martin  Eiermann, derStandard.at, 25.10.2012)

Martin Eiermann, TheEuropean, ist stellvertretender Chefredakteur des "The European" und verantwortet insbesondere die englischsprachige Seite.

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