Familienpolitik: Das Private ist nicht politisch

Gastkommentar |

Die Entmachtung der Familie schreitet voran, das große Ganze - die Verantwortung für die Kindererziehung - gerät aus dem Blick. Wenn das Private politisch ist, was ist dann noch privat?

In einem Gastbeitrag für "Die Zeit" beschreibt der frühere CDU-Politiker Norbert Blüm in deutlichen Worten den realen Status quo der Familienpolitik, mit der ernüchternden Bilanz: Es geht nur noch rein um den Arbeitsmarkt, in den sich die deutschen Eltern gefälligst einzufügen haben.

Männer und Frauen sollen zunächst gemeinsam unter das Joch der Arbeit gezwungen, um dann kollektiv davon befreit zu werden. Alles sozialistische Romantik. In Wahrheit ist es jedoch staatliche Lenkung. Schade nur, dass Norbert Blüm diese deutlichen Worte nicht schon während seiner aktiven Zeit als Politiker gefunden hat...

Wenn Freiheit nichts mehr zählt

Nur, wenn nicht einmal mehr im bürgerlichen Lager der demokratischen Parteien die Freiheit und Privatheit eines Elternhauses etwas zählt - wo denn dann noch? Im linken politischen Spektrum ist man sich schließlich schon lange einig, dass das Private immer politisch ist, doch was ist dann noch privat? Blüm schreibt:

"Es könnte sein, dass mit der Familie auch freiheitliche Traditionen zugrunde gerichtet werden. Mit der Verteidigung der Familie wird Privatheit verteidigt. Denn die private Sphäre ist das Ergebnis einer jahrhundertelangen Emanzipation von der Allzuständigkeit der Macht. Die Partnerschaft zwischen zwei Menschen ist die eigentliche Utopie einer herrschaftsfreien Gesellschaft. Das Private musste Wirtschaft, Gesellschaft und Staat abgerungen werden. Soll das jetzt hergegeben werden? Soll die Ehe zur Dependance der Wirtschaft und die Kindheit zum staatlichen Fürsorgeobjekt werden?"

Ja, möchte man laut schreien, so ist es. Genau das haben die vor, nur wer sind die? Und wer sind die anderen? Es reicht ja nicht einmal zur Verschwörungstheorie. Dies würde ja voraussetzen, dass man raffinierte, kluge, mächtige Menschen im Hintergrund hat, die Marionetten tanzen lassen, die langfristig denken, Strippen ziehen und den großen Plan vorantreiben. Wer soll das bitte in Deutschland sein? Ursula von der Leyen, Claudia Roth oder etwa Manuela Schwesig? Die Papi-Darsteller Cem Özdemir und Sigmar Gabriel? Oder vielleicht Olaf Scholz, der forderte ja schon vor Jahren die "Lufthoheit über den Kinderbetten" für die SPD. Strippenzieher? Geheimbünde? Dafür taugen sie alle nicht. Am ehesten ist also davon auszugehen, dass sie es tatsächlich gut meinen mit ihren Ansichten über die Beziehung von Staat und Individuum. Hach wie fürsorglich sie sich doch um uns kümmern wollen! Nur bin ich mir in dem Fall gerade nicht ganz sicher, ob mir dann doch die Verschwörung nicht lieber wäre.

Wer verteidigt denn noch die Freiheit der Familien, die Freiheit des Bürgers und des Individuums in unserem Land? Die CDU haben wir abgehakt. Die Freiheitlichen? Herr Rösler? Ach nein, denn das ist ja der Parteivorsitzende der FDP, der unbedingt sicherstellen will, dass Bildung garantiert wird, falls Kinder zu Hause sind - sprich, weil er es den Familien von alleine nicht zutraut. Viele frei denkende Demokraten werden dann allerdings in unserem Land nicht überbleiben, wenn alle erst einmal von der Wiege bis zur Bahre unter staatlicher Aufsicht stehen. Wie viele frei denkende Demokraten werden wir noch haben in unserem Land, wenn alle erst einmal von der Wiege bis zur Bahre unter staatlicher Aufsicht stehen? Ob Herr Rösler auf langen Nachtflügen auch mal schlaflos darüber nachdenkt, wer die FDP in 20 Jahren noch wählt? Freiheit ist nicht nur Freiheit der Wirtschaftswege und Abschaffung der Praxisgebühr, sondern in allererster Linie die Freiheit des Einzelnen. Weil wir in Deutschland nicht das Kollektiv schützen und den Markt, sondern erst einmal uns selbst. Sie und mich und all die anderen. Und zwar jeden einzeln.

Grundkurs Subsidiaritätsprinzip

Die ganze Diskussion rund um das Betreuungsgeld, das mal wieder auf den Sankt Nimmerleinstag verschoben wird, erscheint da nur als eine Art Schattendebatte, weil man die großen Themen nicht offenlegt: Die Frage, wie weit der Staat in das private Leben der Bürger einschreiten darf. Wie weit ist nötig und ab wann schadet es? Grundkurs Subsidiaritätsprinzip. Und was geschieht eigentlich, wenn der Staat sich der Privatheit der Bürger bemächtigt? Wo bleibt hier die Speerspitze der FDP und schreit: „Bis hierher und nicht weiter!"? Stattdessen marschiert man in Sachen Familienentmachtung auch noch an vorderster Front. Mein Gott, wie wünscht man sich Politiker von Format herbei, die noch das große Ganze im Auge haben und wie ein Fels auch ihre Überzeugungen verteidigen.

Wohin es führt und was damit bezweckt wird, wenn der Staat die Erziehung von Kindern möglichst frühzeitig übernimmt, darf man sich als Anschauungsunterricht in den Geschichtsbüchern und in manchen noch existierenden Ländern gern ansehen. Es ist ja kein Geheimnis. Es waren immer die totalitären Regime, die sich der Kindheit ihrer Bürger bemächtigt haben. Ja, auch die Herren Nazis. Zwar geistert bei manchen Zeitgenossen heute immer noch die Vorstellung umher, damals hätte man die Familie als Ideal hochgehalten. Mutterkreuz und so Kram. Tatsächlich war es zutiefst menschenverachtend, Mütter Kanonenfutter gebären zu lassen, um ihren Nachwuchs so schnell wie möglich in Bünden als Denunzianten auch ihrer eigenen Eltern großzuziehen. Weil ein frei denkender Mensch im Schutzraum Familie für ein Machsystem mit Totalitätsanspruch ein unkalkulierbares Risiko darstellt. Weil Kinder schwach sind, weil Kinder leicht beeinflussbar und formbar sind. Weil man sie sogar vom Einfluss ihrer eigenen Eltern entfremden kann, wenn man sie rechtzeitig in seine Fänge bekommt. Warum haben sämtliche kommunistischen, sozialistischen und genau genommen alle -istischen Staaten genau dieses Konzept verfolgt? Die Antwort ist einfach: Weil es funktioniert.

Auf die Barrikaden!

Wir treiben jetzt also alle Kinder zusammen in Krippen, in Kitas, in Ganztagsschulen, wir bilden nach DIN-Norm und fördern nach Schablonen und Leistungskurven. "Um ein tadelloses Mitglied einer Schafherde sein zu können, muss man vor allem ein Schaf sein", hat es Albert Einstein einst treffend formuliert. Wir wollen doch die Leitwölfe in unserer Gesellschaft, in der Wirtschaft, in der Politik - dennoch zwingen wir alle erst einmal in eine Herde, wo sie am besten funktionieren, wenn sie sich konform in die Gruppe eingliedern. Wie viele Einsteins werden wir aus diesen Herden wohl zukünftig noch generieren? Wie viele Sophie Scholls und von Stauffenbergs?

Auf die Barrikaden mit euch, möchte man allen Eltern zurufen. Ihr seid es allein, die in euren Kindern etwas ganz Einzigartiges sehen. Die sie lieben und nicht fallen lassen, auch wenn sie aus der Reihe tanzen. Wenn sie drohen an den Leistungsanforderungen, die man ihnen stellt, zu scheitern. Ihr entdeckt ihre verborgenen Talente, oder gar niemand. Ihr glaubt an sie, auch wenn sie nicht sozialkonform auf dem Schulhof spielen und die nächste Fünf in Mathe droht. Ihr habt es in der Hand, lasst es euch nicht wegnehmen.

Wir brauchen keine Gesellschaft, in der alle gleich gut sind, das Gleiche wollen, das Gleiche denken und das Gleiche anstreben. Wir brauchen die Freigeister, die Gegendenstromschwimmer, die schwarzen Schafe, die Individualisten, die Träumer, die Visionäre, die Widerständler und auch ein paar Wahnsinnige im besten Sinne. Das Private ist nicht politisch, es ist verdammt noch mal privat. (Birgit Kelle, derStandard.at, 25.10.2012)

Birgit Kelle, The European, ist freie Journalistin und Vorstandsmitglied des EU-Dachverbandes New Women For Europe mit Beraterstatus am Europäischen Parlament.

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