Sankt Bond ob der Themse

London feiert den Agenten zum 50-Jahr-Jubiläum der Filmreihe wie einen Heiligen. Grund genug, James' Hauptquartier einen Besuch abzustatten

Das Boot fegt übers Wasser. Höhere Wellen lassen es von Zeit zu Zeit hart aufprallen. Die Tower Bridge hat es weit hinter sich gelassen, um den Windungen der Themse Richtung Osten zu folgen. Kurven, die der Steuermann einlegt, machen den Ausflug zur Achterbahnfahrt.

Wäre man James Bond, würde man selbst am Steuerrad drehen und das Schnellboot würde vielleicht nicht nur cooler aussehen, sondern wäre wahrscheinlich auch nicht voll mit Touristen. Um sich aber dennoch ein wenig wie der Filmagent auf der Jagd nach ultimativen Bösewichtern zu fühlen, lässt der ausgelassene Guide, der seine Stadtführung auf der Themse bisher mit gepflegtem wie routiniertem Klamauk versetzt hat, die Bond-Filmmelodie und prägnante Soundtrackstücke wie Duran Durans "A View to a Kill" aus den Lautsprechern dröhnen. Die Mischung aus Fahrtwind und verweisträchtiger Musik würzt die heiter-alberne Speedboottour mit ein wenig Gänsehaut.

50 Jahre gibt es die James-Bond-Filme nun, und es ist höchste Zeit, den Agenten in seiner Heimat zu besuchen. Im neuen Bond-Film "Skyfall", der gerade in den heimischen Kinos anläuft, spielt die Stadt eine Hauptrolle. Sie muss sich erneut als Hauptquartier einer traditionsreichen Kunstfigur positionieren, die sowohl für eine globale Popkultur als auch für eine Ansammlung britischer Klischees steht, was zwischen der grauen Urbanität mit Nebelneigung und der weitläufigen historischen Bausubstanz nicht immer leicht ist. London sei nicht besonders fotogen, sagt Regisseur Sam Mendes. Das Schwierigste sei, ihm eine bedrohliche Aura zu verpassen. Aber die Marke James Bond hat die Macht, gerade in London ein paar Türen zu öffnen, die sonst verschlossen bleiben. Das Filmteam bekam etwa Gelegenheit, Whitehall, jene Straße, die durch Westminster führt, für eine Verfolgungsjagd zu sperren oder in der London Underground zu filmen, erklärt Hauptdarsteller Daniel Craig in einem Making-of-Video. Immerhin: "It's Bond's home", sagt Craig.

Aber nicht nur Regisseur Mendes, auch die Touristiker geben sich Mühe, London James-Bond-gerecht zu inszenieren. Das direkt an der Themse gelegene Four Seasons Hotel London at Canary Wharf, eigentlich eine etwas nüchterne, auf Businessreisende konzentrierte Unterkunft, ist stolz, dass ihr prachtvoller Pool als Filmkulisse für "Skyfall" verwendet wurde. Für ein paar Tage war der Pool-Bereich für Daniel Craig und das Filmteam abgeschottet. Die hier gedrehten Szenen werden im Film allerdings nicht an der Themse, sondern in Schanghai verortet. Mehr Glück hatten die Londoner mit einer Tiefgaragenausfahrt gegenüber dem Fleischmarkt von West Smithfield: Nachdem das MI6-Gebäude im Film einem Terroranschlag zum Opfer fällt, wird die unscheinbare Einfahrt zur Kulisse des neuen Hauptquartiers. Und Filmfigur Q, die Bond stets mit technischen Spielereien ausrüstet, trifft 007 gar zwischen den Gemälden der - wie viele britische Museen kostenlos zugänglichen - National Gallery.

All das sind Orte, an die Akin Mahmut führt. Eigentlich ist der junge zyprischstämmige Mann Schauspieler. Nebenher zeigt er Besuchern in einer dreistündigen Tour die Londoner Schauplätze von "Skyfall" und allen früheren James-Bond-Filmen. Dazu gehört nicht nur eine Busumrumdung des realen MI6-Gebäudes, das seit "Golden Eye" (1995) auch in den Bond-Filmen vorkommt, sondern auch ein Spaziergang am Tobacco Dock. 1998 jagten dort bei Filmaufnahmen Schnellboote über die Kanäle, um im Film "The World is Not Enough" eine viertelstündige Verfolgungsjagd abzugeben. Und an einer Stiege der Westminster Bridge, über die sich tagtäglich Scharen von Touristen auf- und abschieben, gibt es eine kleine, unscheinbare Holztür, die kaum jemand beachtet. Pierce Brosnan schlüpfte durch sie hindurch, als sie in "Die Another Day" (2002) einen geheimen Eingang zu Bonds Hauptquartier MI6 mimte. Ein Detail für Bond-Fans, die es wirklich ernst meinen mit ihrem Interesse an den Filmen.

Noch tiefer in die Geschichte des Agenten eintauchen kann man ganz unscheinbar in der Nähe des Green Park. Dort steht das Dukes Hotel und es geht die Sage, dass sich Bond-Schöpfer Ian Fleming in der Hotelbar zum "geschüttelten, nicht gerührten" Martini des Romanhelden inspirieren ließ.

Fleming, der als Journalist, Spion, Schriftsteller und mit Geheimaufträgen versehener Marineoffizier ein, sagen wir, recht abwechslungsreiches Leben führte, ging übrigens auch eine Zeit lang in Kitzbühel zur Schule.

Zwei Stunden außerhalb Londons liegt die Ortschaft Beaulieu (ausgesprochen: Bjuli), deren größte Attraktion ein Automobilmuseum ist. Der "bisher größte Erfolg" der Einrichtung wurde in diesem Jahr eingefahren. Das Museum hat eine Ausstellung mit 50 Filmvehikeln von James Bond ausgerichtet. Hier reihen sich neben allerlei raketenbestückten Sportwägen der neueren Filme auch der legendäre Lotus Esprit S1 aus "The Spy who Loved Me", das kompakte Fluggerät namens Little Nellie, mit dem Sean Connery in "You Only Live Twice" über japanische Vulkanlandschaften fliegt, oder das Tuk-Tuk-Taxi aus "Octopussy" und die gelbe Ente, mit der Roger Moore die Bösewichte in "For Your Eyes Only" abhängte. (Alois Pumhösel, Rondo, DER STANDARD, 25.10.2012)

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