Liebe, Leid und Weiblichkeit

Stefan Ender
24. Oktober 2012, 22:02

Jonas Kaufmann singt Schuberts "Die schöne Müllerin"

Wien - Wenn gepflegte Weiblichkeit im Quenty-Forty-Lebensabschnitt en masse die Staatsoper flutet, dann müssen da wohl höhere Mächte mit im Spiel sein. Jonas Kaufmann zum Beispiel. Der 43-Jährige ist der aktuelle Kassenmagnet und Coverboy der Opernwelt, der Tenor-Apoll-du-jour.

Seine adorierte Physis zeigte sich bei seinem Liederabend etwas angeschlagen: Kaufmann informierte das Publikum vorab über sein akutes Magen-Darm-Grippeleiden, er fühle sich "etwas zittrig". Worauf ihm aus dem Stehplatzbereich eine couragiert-hysterische Stimme entgegenschlug, die riet, er solle seine Grippe einfach in den "geistigen Mülleimer" schmeißen. Und schon ging's los.

Kaufmann sang und wurde zu jenem Müllerburschen, dessen emotionale Wanderungen von den Gefilden höchster Euphorie bis in jene abgrundtiefer Verzweiflung Franz Schubert so berührend in Tonform gesetzt hat. Im ersten Viertel dieser Tour ließ eine leichte Trockenheit der Stimme und ein dünn klingendes Piano noch um die Durchhaltekraft des Deutschen bangen, doch dann nahmen Wärme und Elastizität zu wie auch die Mischfähigkeit von Brust- und Kopfstimme.

Berührende, intime Pianissimi waren Kaufmann so möglich, doch natürlich führte der Opernstar sein Luxusorgan mit dem gedeckten, kernigen Timbre auch in die Zonen dynamischer Attacke. Wie seine Wortdeutlichkeit berückten auch Genauigkeit und Nuanciertheit des gesungenen Gefühls, auch in den Strophenliedern. Am Klavier assistierte ausgewogen und doch farbenreich Helmut Deutsch, der sich zu Beginn nicht einmal den Anflug eines Pedalrausche(n)s erlaubte.

In der letzten Strophe des letzten Liedes, bei des Baches schubertsanftem Trostlied für das Liebesopfer, spannte Kaufmann noch einmal einen letzten, intensiven Bogen der Emotion. Frenetischer Applaus, drei Zugaben.   (Stefan Ender, DER STANDARD, 25./26.10.2012)

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Die Einleitung solte besser durchdacht sein!

Wenn gepflegte Weiblichkeit im Quenty-Forty-Lebensabschnitt en masse die Staatsoper flutet, dann müssen da wohl höhere Mächte mit im Spiel sein.

Herr Endler, sie irren - es ist ganz normales Opernpublikum; auch in Abo Vorstellungen

Ach, wenn's doch

der Herr ENDLER gewesen wäre - der hatte ja noch persönliche Erfahrungen an große Zeiten.....

seriöse Auseinandersetzung

Man kann über Timbre und Technik von JK diskutieren, aber in Hinblick auf Wortdeutlichkeit, dynamische Differenzierung und Intensität der Interpretation ist er ein mehr als ernstzunehmender Künstler (ungeachtet aller Glamourfotos). Wenn dieser die "Müllerin" -ein Schlüsselwerk europ. Liedgutes - darbietet, würde man sich in der "Musikstadt Wien" eine seriöse Auseinandersetzung erwarten.
Immerhin ist hier eine kleine Diskussion zu stande gekommen !

Herr Ender, nehmen Sie sich selbst nicht Ernst?

Eigentlich möchte ich doch gerne eine seriöse Kritik lesen.

Ich schätze Kaufmann als Tenor auf der Opernbühne. Warum er sich für das Liederfach berufen fühlt, ist mir unergründlich. Dafür braucht es eindeutig mehr. Das traut ihm wohl niemand zu sagen. Aber solange die Kasse stimmt und die Fans klatschen, was immer er auch auftischt......

"Eindeutig MEHR"

vielleicht nicht, aber ganz sicher eindeutig ANDERES!

So kann man's auch formulieren :-); ich bleibe beim eindeutig "mehr"

Dazu passt wunderbar ein Zitat von Elisabeth Schwarzkopf:
“Deswegen gibt es so wenige Liedersänger. Denn das, was sie dafür brauchen ist ganz etwas anderes, als dass sie für die Oper brauchen. Und ich darf es wohl sagen, denn ich habe ja beides mit Erfolg gemacht. Aber die Erfordernisse für einen Liedersänger sind 100x mehr als für einen Opernsänger."
Und JK? Bringt´s eindeutig nicht.

Für das Lied berufen

Er hat es auf der Akademie studiert und mit Auszeichnung abgeschlossen, er hat von Anfang an immer auch Lieder gesungen und Sie können sicher sein, Helmut Deutsch hätte ihm längst gesagt, wenn er es lassen sollte. Der hat Kaufmann nicht nötig für sein Berufsleben und der war sein Lehrer. Seine erste Lied-CD (Strauss) wurde preigekrönt, da war er noch nicht berühmt. Kennen Sie K. als Liedsänger? Was verstehen Sie von Liedgesang? Was soll das "mehr" sein? Vergleichen Sie auf Youtube "Der Jüngling an der Quelle" von Dieskau und K. Und?

Ja, ich habe JK bei einem Liederabend gehört. Ich habe mir sogar die Mühe gemacht, mir den Clip auf Youtube anzuhören. Was ich davon halte? Das wollen Sie nicht wirklich wissen.
Sehen Sie aber auch meine Antwort auf ICHsehdasSO1 weiter oben.
Ihre Begründung, warum JK ein guter Liedersänger sein sollte, scheint mir etwas naiv.

Wo gibts bei Ihnen eine Begründung?

Keine Begründung

für die Qualität des Liedsängers sollte meine Äußerung sein, sondern eine Replik auf Ihre Frage "warum ... sich berufen fühlt". Das war doch nicht misszuverstehen! Überschrift lesen, bevor man jemanden als naiv abqualifiziert. Dass seine 2 Lied-CDs renommierte Preise bekamen, hatte auch nichts mit vom Aussehen benebelten Damen zu tun. Und nein, Ihre Meinung will ich nicht mehr wissen, alles klar. Sie gehören zur Fraktion Dieskau: möglichst artifizieller, ästhetizistischer, überinterpretierender Liedgesang. Nein danke. Ich schätze eher die Philosophie des Liedgesangs von H. Prey.

Jetzt muss ich Sie noch einmal enttäuschen: ich gehöre keiner Fraktion an, weder Fischer-Dieskau, Prey, noch sonst irgendeiner.
Ich kann aber sehr gut unterscheiden, wenn man bei einer Liederdarbietung eine Sternstunde erlebt, wenn's grauslich wird oder wenn einen das Mittelmaß kalt lässt.

jonas kaufmann singt seit vielen jahren liederabende

und musste sich jahrelang seine beliebtheit, in kleinen sälen, in schwarzenberg etc aufbauen, was er toll machte.

mir war er seinerzeit schon in saarbrücken, dann als ensemblemitglied in zrch bei pereira aufgefallen.

der hype jetzt gehört dazu!

Unseriös

ist der gesamte Anfang der Kritik: von der gepflegten Weiblichkeit bis zum Coverboy (für einen 43-Jährigen!) und Tenor-Apoll mit adorierter Physis. Übrigens: weder Männer noch junges Publikum waren unterrepräsentiert. Dazu die alberne Überschrift. Ist es hierzulande männlichen Kritikern nicht möglich, bei Kaufmann eine normale Kritik zu schreiben?? In Frankreich oder England kennt man das nicht!

seriöse Berichterstattung

Der Auslasser über die "gepflegte Weiblichkeit" ist unterschwellig Frauendiskriminierend und hat in einer seriösen Konzertbesprechung nichts zu suchen.

"Gepflegte Weiblichkeit"

Das zu erwähnen, ist nicht frauenfeindlich, sondern meine Pflicht als Berichterstatter. Bei meinen Besuchen der Wiener Staatsoper habe ich dort in den letzten 20 Jahren nie einen annähernd hohen Frauenanteil erlebt. Das muss erwähnt werden. Wäre es männerfeindlich, wenn ich über ein Fußballspiel berichte und bemerke, dass da im Publikum hauptsächlich ungepflegte Männer sind? Auch die Bemerkung vom Stehplatz war ein Beispiel für die latente Heilserwartungsstimmung, die den Beginn bemerkenswert prägte, und also erwähnenswert.

Nicht schlüssig

sehr geehrter Herr Ender, ist ihre Rechtfertigung. Sie sind Musikkritiker und nicht Berichterstatter. Sie sollen eine Rezension über die musikalische Darbietung liefern und nicht Auslassungen über Künstler und Publikum, die bestenfalls auf die Gesellschaftsseite gehören. Bemerkungen zu J.K. in österr. und dt. Medien grenzen inzwischen an Beleidigung; das scheint auch Ihnen nicht bewusst zu sein. Und nicht jeder alberne Zuruf aus dem Publikum ist registrierenswert und schon gar nicht typisch für eine Gesamtstimmung. "Heilserwartungsstimmung" ist vollends eine rein subjektive, nicht zu belegende, dafür diffamierende Behauptung.

Ich sehe das anders. Speziell wenn die Gesamtsituation anormal ist, finde ich es angezeigt, dies auch zu erwähnen. Es ist eine gute, alte Feuilletonistentradition, mitunter das Publikum mitzurezensieren. Polgar hat das gemacht, Tucholsky, Kerr. Nicht, dass ich mich auch nur in Ansätzen mit diesen Herren vergleichen möchte. Aber sie haben es getan, und ihre Berichte aus Theatern und Sälen sind auch aus diesem Grund auch heute noch amüsant, bereichernd und lesenswert. Mit der Wahrnehmung und Beschreibung von Stimmungen in Konzertsälen ist es natürlich anders, das ist viel subkejtiver. Man sollte es trotzdem nicht unterlassen. Es steht ja nicht "ewig und einzig gültige Wahrheit" vor einem Artikel, sondern der Name des Meinungsäußernden.

Polgar, Kerr, Tucholsky

das kann man wohl übergehen, nicht aber, dass Sie nur auf eine behauptete Publikumsstimmung eingehen und nicht auf die unpassenden Bemerkungen zum Sänger (vgl. Unseriös). Wie wenig der Hinweis auf die Subjektivität des Vfs. nützt, zeigt Karin Stadler2. Sie war nicht anwesend, hängen bleibt bei ihr der abfällige Ton der ersten zwei Absätze und aus einem Liederabend wird eine Zirkusveranstaltung mit außer Rand und Band geratenen Weibern und mangelnder Qualität. So wird das weiter kolportiert in Blogs und Foren. Folge: K-Liederabend bedeutet hysterische Weiber und fehlende künstlerische Qualität. Ihre eigentliche Musikkritik ist untergegangen. Vor ein paar Jahren im Mozartsaal: ganz ähnlich, obwohl da nur Abonnenten saßen. Reiner Zynismus.

Grundsätzlich vertraue ich auf eine Fähigkeit des STANDARD-Lesers zu einer genauen Lektüre des Artikels. Von "mangelnder Qualität" Kaufmanns als Liedsänger ist in diesem Artikel nicht die Rede. Im Gegenteil, der Tenor des Kritikteils ist überschwängliches Lob. Natürlich ist Kaufmann kein Wunderlich und kein Fischer-Dieskau, aber das hat alles eine sehr hohe Qualität und Genauigkeit, was er da macht. Dieser Artikel vermittelt beides: Sowohl die Ausnahme- bzw. Anbetungsstimmung als auch die künstlerische Wertigkeit des Konzerts. (Soweit dies auf 60 Zeilen möglich ist). Im Übrigen bin ich der Meinung, dass Nicknames furchtbar sind, und furchtbare Nicknames ganz besonders. Für Ihren müssten Sie eigentlich Schmerzensgeld zahlen.

Zum Glück kann der STANDARD Leser genau lesen und sich seine eigenen Gedanken machen

sonst wäre er bei den gut recherchierten (er besitzt 3 Opernlexika!) Artikeln von Herrn Stefan Ender ja aufgeschmissen;zudem ist es aber doch schön und wirklich zu begrüssen, dass er uns in Postings seine Artikel immer noch erklärt (muss), damit sie auch wirklich verstanden werden.
Übrigens ist nicht die persönliche Meinung gefragt, sondern eine einigermassen objektive Beschreibung - nein, nicht der Weiblichkeit, sondern der Darbietung.

Hier, in dieser muffigen Atmosphäre: Tasse Bier

Ach herrje, ach herje, faszinierend, mit welch' stupendem Geschick Sie immer wieder einfachste Dinge durcheinanderbringen: Meine Meinung in obigem Posting bezog sich doch auf Nicknames und nicht auf Darbietungen. Sind Sie selbst also nicht das allerbeste Beispiel dafür, warum man immer wieder zu Erklärungen genötigt wird? Und so ist man pausenlos und unermüdlich im Dienste der Leserin und des Lesers... wovon ich mich jetzt zurückziehe. Ich mach mir jetzt eine Tasse Bier.

Bleiben Sie ruhig zu Hause bei Ihrem Bier, da können Sie wirklich nichts durcheinanderbringen

obwohl
Welche Themen hat der Herr Ender schon wieder
die holde Weiblichkeit
Nicknames
pseudointellektuelle Kommentare zu seinen eigenen unverständlichen Artikeln

eigentlich nicht viele Themen, dass er es da doch noch schafft, sie durcheinander zu bringen...
Und dann, Bier aus der Tasse zu trinken ist ein wichtiges Symptom bei beginnender Demenz ui ui ui -Armer Kerl

Grundsätzlich

vertraue ich auf die Fähigkeit eines STANDARD-Kritikers zur genauen Lektüre eines Postings. Ich habe deutlich darauf hingewiesen (im Rahmen von 750 Zeichen), dass Ihre eigentliche (positive) Musikkritik aufgrund der ersten zwei Absätze untergeht. Hängen bleiben die abfälligen Bemerkungen, wie man bei K.Stadler2 sieht, bei der daraus ein Beleg für schlechte Qualität wird. Genau so wird es dann in Blogs und Foren zitiert. Sie gehen nicht korrekt auf meine Argumente ein, stattdessen werden Sie beleidigend. Die Entstehungsgeschichte meines Nicknames kennen Sie nicht, also steht Ihnen auch kein Urteil zu.

Mir steht, genauso wie Ihnen, zu allem eine Meinung zu. (Ich habe oben klar von einer Meinung gesprochen, welche Sie, in inkorrekter Ungenauigkeit, zu einem Urteil auffrisierten bzw. -dramatisierten.) Glücklicherweise sind wir hier nicht in Nordkorea, und man kann Meinungen frei äußern.

Mir steht, genauso wie Ihnen, zu allem eine Meinung zu.

Und meine Meinung ist, dass Sie, wenn Sie mit der Argumentation nicht mitkommen, glauben, beleidigend werden zu müssen.
Glücklicherweise sind wir hier nicht in Nordkorea, und man kann Meinungen frei äußern.

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