Komplexe Materie, zum Kabarettvortrag verflacht

Thomas Trenkler
24. Oktober 2012, 21:53

Roland Düringers neuer Versuch, das Volk aufzuklären: "WIR EinUmstand"

Wien - Früher hatte er Muckis, jetzt trägt er Perlenschmuck im Zottelbart. Aus Roland Düringer, Wutbürger der ersten Stunde, ist eine Art netter Waldschrat in halblangen Hosen geworden. Seinen volksaufklärerischen Predigtdienst, der eigentlich schon 2006 mit der viel zu pompös inszenierten Verkaufsshow Düringer ab 4.99 begann, setzt er aber kompromisslos fort: Auf ICHEinleben, wobei das "Ich" durchgestrichen zu sein hat, folgte nun, als zweiter Teil einer geplanten Vortragstrilogie, WIR EinUmstand.

Diese orthografischen Spielereien, vor denen auch Lukas Resetarits (UN RUHE STAND) nicht gefeit ist, sind ein Zustand. Auf der Bühne aber - Premiere war am Dienstag im Wiener Stadtsaal - herrscht die neue Schlichtheit: Düringer braucht für seine Vorlesung (ja, er liest immer wieder vom Blatt ab) nichts außer einem selbstgebastelten Rednerpult.

Der geläuterte Benzinbruder hat sich für seine Mission ein hehres, aber ziemlich hohes Ziel gesteckt: die Welt zu erklären, wie sie WIRklich ist. Und er hat sich auch ziemlich gut eingelesen: Zur "Vertiefung" gibt er seiner Zuhörerschaft mehrere Buchempfehlungen. Was nichts anderes bedeutet, als dass Düringer komplexe Materie "verflacht", also auf das Niveau von hitzigen Stammtischdiskussionen hinunterbricht.

Das macht er ziemlich gut, etwa wenn er den Versuch unternimmt, die Verschuldung und die Verteilungsungerechtigkeit zu erklären. Nicht er zahle seine Steuern, sagt er mit verschmitztem Grinsen, das tue der Zuschauer für ihn. Und er führt drastisch vor Augen, dass man mit ehrlicher Arbeit nicht reich werden kann. Das Thema (Volks-)Wirtschaft nimmt sogar die komplette zweite Halbzeit ein. Irgendwann wird es leider, trotz Aha-Effekten, langweilig. Möglicherweise auch deshalb, weil Düringer vor der Pause brillierte.

Als Ideal dient ihm der Neandertaler: Jener hatte die Zeit, wir hätten nur mehr die Uhr - und diese ticke schon lange nicht mehr richtig. Es gäbe zum Beispiel immer weniger Natur pur - außer im Supermarkt.

Als Grundübel bezeichnet Düringer die Manipulation: Lügen und Halbwahrheiten würden unser Handeln bestimmen. Nicht Gott habe uns nach seinem Ebenbild erschaffen, sondern umgekehrt wir ihn nach unserem. Jedem sei "ins Hirn g'schissn" worden, angefangen von den Eltern, deren Wunsch es sei, dass es den Kindern besser gehe. Doch "mehr" (mehr Geld) bedeute nicht unbedingt "besser". Und auch Zahlen können lügen: 3 ist zwar mehr als 2, drei Watschen sind aber nicht besser als zwei.

Manche Behauptung, etwa dass es ohne Sprache keine Lüge gäbe, hält natürlich keiner Hinterfragung stand. Und eines vergisst Düringer zu erwähnen: dass auch er manipulativ unterwegs ist.   (Thomas Trenkler, DER STANDARD, 25./26.10.2012)

Termine: 25. 10., 30. 10. - 1. 11., 6.-8. 11. und 13.-15. 11.

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15 Postings
war gestern im Stadtsaal und bin zur Pause gegangen

er war unerträglich mit seiner "ultimativen wahrheit" bzw öko-weisheiten. auch im publikum fast nur mehr gutmenschInnen. wo san die zeiten eines benzin-bruders. es bleibt nur zu hoffen, dass er irgendwann aus seiner end-40ziger-krise aufwacht ... oder uns "normalos" wenigstens in ruhe lässt!!!

Die Wahrheit

ist immer ein bisserl lächerlich.
Der Düringer ist lächerlich, weil er anfängt sich selbst ernst zu nehmen. Aber mir ist einer, der die Kraft hat sich lächerlich zu machen, noch immer viel lieber als die Leistungsbuberlpartie, die lächerlicher Weise von mir verlangt immer mehr für immer weniger zu leisten um eine verkorxte Wirtschaftstheorie zu untermauern.

Gesellschaftskritisches Kabarette schön und gut...

...aber Volker Pispers oder Georg Schramm sind da schon einige Klassen besser.

Gerade aus dem Umstand, dass man

jene Gespräche die doch jeder schon (vorzugsweise nach dem 3.4. oder 5. Bier) schon auf der Almhütte, im Kellerlokal, oder im Park oder mit etwas weniger gewählten Worten im Dorfgasthaus schon geführt bzw. schon vor 40 Jahren gehört hat entgeltlich anbieten kann zeigt doch, dass der Kapitalismus ein wundervolles System ist.

Eine Nebenbemerkung zur Behauptung, dass es ohne Sprache keine Luege gibt.

Wissenschafter haben laengst herausgefunden, dass auch Tiere luegen. Bei Primaten weiss man das schon lange, doch seit kurzem weiss man auch, dass selbst einfache Lebensformen wie die maennlichen Grillen beim Paarungsritual vorgeben gesuender zu sein als sie es wirklich sind. Sie luegen ihre Partnerin an!
Nachzulesen (oder zu hoeren) im hervorragenden kanadischen Wissenschafts-Podcast Quirks und Quarks:
http://www.cbc.ca/quirks/ep... -6-2012/#3

Mag zu Dueringer sonst nichts sagen. Jeder Idiot kann stundenlang erzaehlen was alles schief laeuft auf diesem Planeten. Nur wenige hingegen wissen konkret wie es besser geht. Dueringer gehoert nicht dazu. Wutbuerger sein ist das einfachste auf der Welt!

ist das nicht der 'gipfelzipfler'?

Bald isses soweit, und er will ein Apferl haben.

Totschlägerargument

Auch wenn man nicht genug Kohle hat, kann man anders mit seinem Leben umgehen, als viele es leichtsinnigerweise tun.

Ja, wenn man genug Kohle hat,

kann man eh leicht alternativ, gesund und fernab der Unbillen der modernen Zeit in seinem schmucken Anwesen am Waldrand von den Zinsen des Ersparten leben, lol :-)

Das mag sein, aber...

...andererseits hätte er seinen bisherigen Job (Leute mehr oder minder zum Lachen zu bringen) blind weiter ausüben und damit mehr verdienen können. Mit seinem Sinneswandel, dem ich ihm abkaufe, begibt er sich auf dünnes Eis und allein dafür gebührt ihm Respekt, völlig unabhängig davon ob seine Predigten von Qualität sind oder nicht. Außerdem: Schaut man zu unseren deutschen Nachbarn, was dort für sinnfreier, volksverdummender Klamauk mit den immer gleichen Themen (Mann/Frau, Sex, Situationskomik, etc.) als "Comedy" der Masse verkauft wird, muss man ja auf unsere Kabarettisten-Riege fast mit Stolz blicken.

Die heimische Antwort auf Mario Barth.

... demnächst mit Reggaeband unterwegs.

..der entwickelt sich weita ;-)

Der driftet a bissl ab, wie ich meine.

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