Der rot-weiß-rote Schranken

26. Oktober 2012, 16:57
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Man braucht nur ein weißes Blatt Papier und einen roten Stift, um eine österreichische Flagge zu malen - und einen klaren Blick, um das Poetische an den künstlichen und natürlichen Grenzen einer Mühlviertler Kindheit zu erkennen

Ein Schnitzel, antwortet die Kellnerin bei der Zehrung auf die Frage, ob es etwas Vegetarisches zu essen gebe. Ein Schnitzel oder die Beilagen vom Rindfleisch. Die Tische sind zu einem U angeordnet, wir füllen nur ein L aus, die Terrasse vor dem Saal ist neu gepflastert. Hier kann man jetzt gut heiraten, sagt einer, schau, sie haben dort hinten ein Stück überdacht, es ist auch bei Regen nicht schlecht. Vor zehn Jahren gab es bei einer Zehrung noch kein Schnitzel, sagt ein anderer, vor zehn Jahren gab es nur Suppe mit Anissemmeln und Rindfleisch mit Beilagen. Die Wände sind pastellfarben gestrichen, die Decke und Zierleiste weiß. An der Pinnwand hängen neben den Parten Fotos von Katzenkindern, die ein Zuhause suchen. Hier weht der böhmische Wind, sagte jemand, als sich die Tiroler Verwandte beim Aussteigen die Spange in die Haare schob. Hier wird es früher kalt, das sagte niemand. Vorderweißenbach ist ein Ort im oberen Mühlviertel. Zehn Kilometer sind es nach Tschechien, fünfunddreißig nach Linz.

Am Hühnergeschrei vorbei

Ich bin nicht weit von hier aufgewachsen, zumindest an den Wochenenden. An Samstagen fuhren wir zur Großtante, wenn wir das Ortsschild von Hühnergeschrei passiert hatten, war es nicht mehr weit. Hühnergeschrei sagte niemand, Heagschroa sagten wir. Die Großtante war eine liebevolle Frau, der die Welt zu früh abhandenkam. Sie erledigte alles zu Fuß, wir gingen viel spazieren, zur Kirche, zum Kriegerdenkmal, zum Friedhof, um den Friedhof herum durch den Wald, zur kleinen Brücke im anderen Wald, zu den Ameisenhaufen, manchmal die Grenze entlang. Ich erinnere mich an kleine Grenzsteine am Boden, an einen rot-weiß-roten Schranken, an Schilder am Ende des Weges, an den Wald auf unserer und die Weite auf der tschechischen Seite. Die Grenze bei den Großeltern in St. Florian am Inn war einfach, hier Österreich, dort Deutschland, dazwischen ein großer Fluss. Mit der Grenze im Böhmerwald war es anders. Die Großtante sagte, es sei wie mit dem Fell unseres Katers. Kam man beim Streicheln vom schwarzen Strich auf seinem Rücken ab, wurde es gefährlich. Wir schauten hinüber: ein weites Feld, keine Bäume, keine Häuser, nur Feld. Es war der Grenzstreifen, aber davon sprach die Großtante nicht. Bin ich jetzt in der Tschechei, fragten wir manchmal und fürchteten uns davor. Die Großtante erzählte von Minen, die unsichtbar sind, die einem zumindest die Beine zerfetzen, wenn man auf sie tritt. Wir schauten eine Weile nach drüben, dann pflückten wir weiter Heidelbeeren. Mit einem Maschinengewehr, sagt jemand beim Wirt in Vorderweißenbach, wir waren sicher, dass wir von Maschinengewehren erschossen werden, wenn wir beim Spielen über die Grenze kommen. Achtung Staatsgrenze stand auf den Schildern, wenn wir sie sahen, drehten wir um. Ich hatte ein Holzscheit in der Form eines Gewehres, aber nicht wegen der Tschechen. Der Großvater war Jäger, er brachte Wildschweine nach Hause, manchmal auch Hasen. Ich wollte fünf Holzscheitgewehre besitzen, ich wollte sie in der Garage bauen, mir fehlte das Werkzeug dazu.

Einer der Neffen kommt zurück. Er hat sich umgezogen, weil ihm beim Heben des Sarges die Hose gerissen ist. Wir sind gemeinsam durch den Ort gegangen, vom Friedhof zur Kirche und wieder zurück. In der Kirche ist der Sarg neben den Kürbissen gestanden, es wird bald Erntedank sein. Den Sargträgern haben den Berg hin-auf die Arme gezittert, und die Musikkapelle hat gespielt, der Vorbeter hat gebetet. Die Autofahrer sind uns ausgewichen, haben den Motor abgestellt. Wir sind vorbei am ersten Gasthaus, am Gemeindeamt und dem Frisörstudio.

Herbstliche Züge

Vor der Fleischhauerei stand ein Mädchen, an der einen Hand die kleine Schwester, in der anderen eine saure Gummischlange. Sie sah dem Trauerzug eine Weile nach, dann ist sie zurück ins Geschäft. Wahrscheinlich hatte sie die Gummischlange aufgegessen, noch bevor wir beim Friedhof ankamen. Es ist ein überschaubarer Friedhof mit einem kleinen Gebäude, der Aufbahrungshalle. Außen an der Mauer, ganz unten, hängt ein Schild: Bitte Hunde nicht auf den Friedhof mitbringen. Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm, sagte jemand, als der Hund zu Herbstbeginn die Äpfel aus dem Garten brachte. Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm, aber manchmal tragen ihn die Hunde fort.

Wir sitzen beim Wirt in Vorderweißenbach, es sind keine Kinder da. Der Jüngste hat im Sommer maturiert, der Zweitjüngste hat gerade zu studieren begonnen und gefragt, woher die weißen Ablagerungen im Wasserkocher kommen. Im Mühlviertel gibt es keinen Kalk. Ich denke an die Großtante, an den Großvater, der leere Cola-Flaschen mit Wasser füllte, wenn wir in Rohrbach waren, Bügelwasser nannten wir das Mühlviertler Wasser, sobald es in den Flaschen war. Ich denke an den Dachboden der Großtante, die von den Russen dagelassene Stalintruhe, an das Knirschen der toten Fliegen, wenn man auf sie trat, an die stickige Wärme in den Sommermonaten, an den Heimtrainer, die Marienbilder und an die Österreichflagge, die zusammengerollt neben der Selchkammer lag. Für österreichische Kinder ist es leicht, eine Flagge zu malen, sagte ein Verwandter, ich weiß nicht mehr, wer es war.

Alles, was man dazu braucht, ist ein roter Stift und ein weißes Blatt Papier. Nur die eifrigen Kinder malen den mittleren Teil mit weißem Stift aus, die eifrigen oder die dummen. Mit dem Auto wären wir in fünfzehn Minuten in Tschechien. Wir könnten auch zu Fuß gehen.    (Anna Weidenholzer, DER STANDARD, 25./26.10.2012)

Anna Weidenholzer (28), in Linz geborene österreichische Schriftstellerin. Letztes Werk: "Der Winter tut den Fischen gut", Residenz 2012.

  • Österreichs Fahne als imaginäre und reale Grenzmarkierung
    foto: apa

    Österreichs Fahne als imaginäre und reale Grenzmarkierung

  • Anna Weidenholzer.
    foto: lukas beck

    Anna Weidenholzer.

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