Das gute Österreichische ist schwer zu verstehen

25. Oktober 2012, 17:01
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Mögen ist eine unpräzise Angelegenheit. Was man in diesem Land mag, kann man auch anderswo mögen. Und umgekehrt. Ein paar Anläufe fördern dann doch ein paar liebenswerte österreichische Spezifika zutage

Mit dem Mögen ist das so eine Sache. Sage ich zum Beispiel, ich mag an Österreich, dass hier Frieden herrscht, muss ich doch gleich hinzufügen, dass ich das auch anderswo mag. Natürlich, Frieden und sozialen Zusammenhalt kann man nicht hoch genug schätzen, aber an der Nation festmachen lässt sich das nur schlecht. Speziell österreichisch? Ich mag, dass wir unsere Vergangenheit zuletzt doch noch so halbwegs aufgeräumt haben, wenngleich noch immer genug Gerümpel herumliegt. Auch das mit der Kaiserzeit ist ja nicht so ganz abserviert, diese Art Nostalgie ist zwar ein wenig liebenswerter, was die andere keineswegs ist - aber lächerlich ist sie doch auch? Zumindest in dem Sinn lächerlich, wie man Kindereien belächelt.

Dass Leute, die hier für voll genommen werden wollen, einen gewissen Stil in Gespräch und Auseinandersetzung vermeiden müssen, mag ich sehr. Zum Herrn Abgeordneten Kopf fällt mir da ein, dass Eigentum ja auch Diebstahl ist, zumindest ist das gelegentlich schon so gesehen worden, er sich also mit den Sozialdemokraten, von ihm als Diebe apostrophiert, eigentlich bestens verstehen müsste. Für Hassgesänge haben die meisten hierzulande nichts übrig, das mag ich. Sie schämen sich sogar, zuzugeben, wenn sie einer bestimmten Partei ihre Stimme gegeben haben, das mag ich dann weniger.

Mögen ist halt eine sehr laue, unscharfe Angelegenheit. Sage ich etwa zu meiner Frau: "Ich mag dich!", bedeutet das in tausenderlei Situationen tausenderlei. Ich kann nicht sagen: "Ich mag, dass in der Früh die Sonne aufgeht!" Da könnte ich genauso gut sagen: "Ich mag, dass Rotwein nicht weiß wie der Weißwein ist, sondern rot." Obwohl, den österreichischen Wein mag ich. Andererseits mag ich auch den italienischen Wein, den französischen etc. Wahrscheinlich würde ich auch finnischen Wein mögen, wenn's denn einen gäbe.

Gamsbärte, Fellstiefel und Mozartkugeln mag ich nicht so. "Ich mag, dass Österreicher so gute Skifahrer sind oder sein können, wenn oder so lange es Schnee gibt!" - wäre das eine Möglichkeit? Einwand: Burgenländer fahren im Durchschnitt nicht so gut Ski. Was ich an Österreich wirklich mag, ist die Kleinteiligkeit des Reliefs, das heißt, nach ein paar Kilometern Autofahrt tut sich wieder und wieder ein neuer, anders gestimmter Landschaftsprospekt auf. Ja, unser Ländchen ist sehr musikalisch, wie mir immer wieder auffällt, höre ich irgendwo in der Fremde österreichische Musik.

Man sieht schon, mit dem nationalen Standpunkt tue ich mir schwer. Es gibt so viele Dinge, die man mögen kann. Soll man sich selbst da am besten mögen? Der Kompromiss zum Beispiel, da gebe ich Georg Simmel vollkommen recht, ist eine der größten Erfindungen der Menschheit. Man kann es aber auch übertreiben, und wie nennt man das dann?

Die viel zitierte Wiener oder österreichische Wurstigkeit (Wien - Österreicher, da haben wir auch so ein Problem), diese Wurstigkeit halte ich in verträglicher Dosis für lebensklug.

"Es scheint mir aber", schrieb ich zu anderer Gelegenheit über Österreich, "als liefe gleichsam verborgen und immer nur wie auf Zeit verschüttet die alte, die eingealterte Strömung unter den sich wandelnden Verhältnissen fort: die Gesinnung eines freudig sich selbst aufgebenden, eines sich freiwillig und vielleicht sogar lustvoll selbst entmündigenden Menschentums, das gerade dadurch zu gewinnen glaubt, dass es sich jedem Nachdenken über das Gegebene verschließt, dem jeweils Herrschenden lächelnd nachgibt - ohne es freilich als Realität ernstlich anzuerkennen! Ein Möglichkeitsraum tut sich da auf, der, farbig und luftschlösserhaft lockend, Wunderbares verheißt. In solchen Sphären spannen wir unsere Flügel auf, und wer weiß, was wir heimbringen?

'Ich glaube, das gute Österreichische ist besonders schwer zu verstehen. Es ist in gewissem Sinne subtiler als alles andere, und seine Wahrheit liegt nie aufseiten der Wahrscheinlichkeit', heißt es bei Wittgenstein. Das klingt aufs Erste wie ein Kompliment, und es ist auch eines. Wer hört so etwas nicht gern? Man könnte den Satz aber auch umgekehrt lesen, auf den Kopf gestellt gewissermaßen. Und was er dann bedeutet, mögen wir das auch?"

Ein weites Feld

Das Mögen ist ein weites Feld, könnte man sagen, wo etwa das Lieben anfängt, hört das Mögen bald auf. Wenn was nicht passt, mögen wir's auch nicht. "Ich mag Bienen, aber keine Gelsen!" - nicht einmal diesen Satz kann ich so stehen lassen: Gäbe es nämlich keine Gelsen, wie wäre dann mein Verhältnis zu den Bienen?

Im Grund mag man das Leben selbst (oder man mag es nicht). In diesem großen Mögen (oder Nichtmögen) kommt dann so allerhand vor, z. B. der Schneeberg mit seinen Latschen, der Grundlsee mit seinem kristallklaren Spiegel, der Kobernausser Wald und der Hainburger Kogel, die Wiener Straßenbahn, das steirische Bier, karierte Tischtücher, das Gulasch und die Salzstangerln.

Ob ich Vorarlberg so besonders mag, kann ich zum Beispiel nicht sagen, ich war noch zu selten dort. Da ist mir Paris näher, das ich zum Beispiel auch mag. Aufgeblasenheit, Wichtigtuerei, Cliquenwirtschaft etc. mag ich nicht - aber wer mag das schon? Je länger ich es überlege, bin ich mit Österreich hauptsächlich übers Nichtmögen verbunden, in dem Sinn, dass man, wo man dazugehört - ob man will oder nicht -, dass man dem nicht degagiert begegnen kann, man ist einfach betroffen. Im ständigen und insistenten Nichtmögen, dort steckt wohl erst das richtige Mögen, könnte man sagen, in dem Fall dürfte man fast schon von Liebe reden - und das ist doch wieder einmal ganz etwas anderes!    (Peter Rosei, DER STANDARD, 25./26.10.2012)

Peter Rosei (66), in Wien geborener österreichischer Schriftsteller. Letztes Werk: "Geld", Residenz-Verlag, Salzburg / St. Pölten 2011 

  • Auf diese Art kann es nirgendwo anders schön sein. Kann man mögen, den Grundlsee und die Spiegelung im tiefen Grün.
    foto: apa/barbara gindl

    Auf diese Art kann es nirgendwo anders schön sein. Kann man mögen, den Grundlsee und die Spiegelung im tiefen Grün.

  • Peter Rosei.
    foto: standard / hendrich

    Peter Rosei.

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