Es hat uns sehr gefreut

25. Oktober 2012, 17:00
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Eure Majestät, es hat sich viel geändert, vieles nicht. Nachrichten aus der Gegenwart in eine höchst gegenwärtige Vergangenheit, gespickt mit Lipizzanern, Doppeladler und Tafelspitz

Eure Kaiserliche und Königliche Apostolische Majestät Franz Joseph I, von Gottes Gnaden Kaiser von Österreich, König von Ungarn und Böhmen, von Dalmatien, Kroatien, Slawonien, Galizien, Lodomerien und Illyrien, König von Jerusalem, Erzherzog von Österreich etc., seit meine Großtante Edeltraud vor vielen Jahren von einem Historiker den Floh ins Ohr gesetzt bekam, dass meine Ur-Urgroßmutter eine Liaison mit Eurer Majestät gehabt haben könnte, was wiederum die ungeklärte Frage nach dem Vater meiner Urgroßmutter beanworten würde, denke ich oft an Euch. Eigentlich sollte ich in den folgenden Zeilen darüber nachdenken, was an Österreich positiv ist (auf unzynische Weise, wie der Standard bat), aber als ich im Zug über den Semmering fuhr, fragte ich mich vielmehr, was Eure Majestät wohl meinen würde, was an diesem unserem Österreich positiv ist.

Dieses Land fiel in den letzten hundert Jahren so oft auf die Nase, dass seine Bewohner im Fallen den Humor entdeckt haben - größere Höhen aber seitdem gemieden haben. Die Kriege werden im Kleinen gekämpft, die Monarchie lebt zwar noch, jedoch als Spielform der Ironie. Die kaiserlich-königliche Hofkonditorei existiert genauso wie der kaiserlich-königliche Hof-Posamenten-Macher, und zudem hält Euer Nachfolger Robert Heinrich für alle miterlebbare Audienzen. Den Rest hat der Tourismus konserviert; die Spanische Hofreitschule, das Schloss Schönbrunn, die Fiaker, die vielen Doppeladler, die auf irgendwelchen Fassaden unter Denkmalschutz stehen. Was Eurer Majestät sicherlich gefallen würde, ist die flächendeckende Versorgung mit Tafelspitz. Ein kleines, feines Wiener Gasthaus mutierte zur Kette, um die perfektionierte Version Eures Leibgerichts an allen Ecken der Stadt mit vollendeter Beilagentradition anzubieten - und glaubt man der Auflage des dazugehörigen Kochbuches, müsste theoretisch jeder fünfte Österreicher im kochfähigen Alter in der Lage sein, den perfekten Tafelspitz zuzubereiten. Überhaupt muss man bemerken, entgegen der Warnungen vieler Gesundheitsexperten befindet sich die österreichische Küche in einem fabelhaften Zustand; Marillenknödel, in Butterschmalz gebackene Schnitzel, Grammeln sowie alles andere, was Blutzucker und -fett in die Höhe treibt, erfreut sich größter Beliebtheit bei Alt und Jung.

Ein Vielvölkerstaat sind wir immer noch, auch wenn das einige nicht wahrhaben wollen, und unsere Vielsprachigkeit lässt zwar zu wünschen übrig, zumindest aber ist der Großteil der Bevölkerung stolz auf seine eigene Sprachvariation, selbst wenn viele Ausdrücke Eurer Zeit aus der Mode kamen - dagegen, typische Idiome des nördlichen Nachbarn anzunehmen, wird mit Ellenbogen wie Zähnen gekämpft.

Auch wenn das ehemalige Kaiserreich auf Schnitzelform zusammengeschrumpft ist, verfügen wir über ein ordentliches Selbstbewusstsein, das jeden Winter neu aufgefüllt wird, wenn unsere wagemutigen Helden Pisten runterbrettern oder über Schanzen springen. Die Gletscher kann man zwar beim Verschwinden beobachten, doch Eure geliebten Berge stehen noch und genießen im In- wie Ausland fast kultische Verehrung.

Was Euch sicherlich gut gefallen würde, ist die Revolutions-Resistenz der Österreicher. Egal ob das Bildungssystem systematisch zerstört wird, die Universitäten verkommen, nachweislich korrupte Politiker in Amt und Würden durch die Gegend stolzieren, die Revolution bleibt aus. Und nein, sie lässt nicht auf sich warten - vielmehr zog sich dieses Land in einen Zustand des Abwartens und "schau ma mal" zurück, der fast schon beängstigend viel hinzunehmen gewillt ist.

Dafür erfreuen sich Kunst und Kultur bester Gesundheit, sogar so gut, dass sie Eurer Majestät wahrscheinlich schon wieder zu extravagant wäre, aber ein "es war sehr schön, es hat mich sehr gefreut" würde Euch über die Lippen kommen. Und Ihr würdet staunen, wie lebendig die Literatur ist - trotz jener besagten Schnitzelform der Staatsfläche bringt sie (quantitativ betrachtet) überaus viel hervor. Die schreibende Zunft trifft sich zwar nicht mehr im Ersten, nahe Eurer Hofburg, sondern eher dort, wo zu Euren Zeiten dem horizontalen Gewerbe gefrönt wurde, und anstelle des kleinen Braunen stimuliert man sich mit Club Mate, aber dafür wird im großen Stile exportiert - tu felix austria, lege!

Scharfe Kabarett-Klinge

Erstaunliches tat sich zudem bei Euren einstigen Hofnarren. Vollkommen verselbstständigt und, auch wenn Eure Majestät das vielleicht nicht gerne hören, unzensiert und intelligent bespielen diese mit schärfster Klinge die Kabaretts zwischen Boden- und Neusiedler See (Letzterer ist übrigens nicht ausgetrocknet, tut vielmehr einen wichtigen Beitrag dazu, die kaiserlich-königliche Marine-Tradition fortleben zu lassen, wenngleich man von den Kriegsschiffen auf sportlichere Segelboote schwenkte).

Solange wir nicht gegen die nördlichen Nachbarn im Fußball antreten müssen, herrscht auch Frieden. Wer die Ehre seines Landes verteidigen will, läuft dem runden Leder hinterher, sodass sich das Militär neue Aufgaben suchen musste - unsere Soldaten sind hervorragende Sandsackschlichter und Schneeschaufler geworden.

Und sollte Eure Majestät jetzt Angst haben, dass wir international nicht genug Gehör bekommen, keine Sorge, irgendeiner unserer Häuptlinge mimt immer gern den Poltergeist, und wenn das nicht hilft, dann haben wir eine Finanzministerin, die immer zur rechten Zeit einen markigen Spruch auf den Lippen hat, sodass alle Augen wieder auf Österreich gerichtet sind.

Uns übersieht man nicht so schnell - neuerdings springen wir ja auch aus dem All.   (Vea Kaiser, DER STANDARD, 25./26.10.2012)

Vea Kaiser (24), in St. Pölten geborene österreichische Schriftstellerin. Erstes und bisher letztes Werk: "Blasmusikpop oder Wie die Wissenschaft in die Berge kam", Kiepenheuer & Witsch, 2012.

  • Franz Joseph, Robert Heinrich, Vea - Österreich braucht Kaiser. Die macht man für alles verantwortlich, die anderen sagen uns Wahrheiten über Österreich.
    foto: apa/orf/milenko badzic

    Franz Joseph, Robert Heinrich, Vea - Österreich braucht Kaiser. Die macht man für alles verantwortlich, die anderen sagen uns Wahrheiten über Österreich.

  • Vea Kaiser.
    foto: standard / christian fischer

    Vea Kaiser.

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