Ein Klo wie ein Palast und Knödel bis zum Umfallen

Julya Rabinowich
25. Oktober 2012, 17:04
  • Was wir alles nicht haben in Österreich, kann auch positiv bewertet werden. Dass wir die Knödel haben, von Zwetschken- bis Marillen-, kann nur gut sein.
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    Was wir alles nicht haben in Österreich, kann auch positiv bewertet werden. Dass wir die Knödel haben, von Zwetschken- bis Marillen-, kann nur gut sein.

  • Julya Rabinowich.
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    foto: andrew rhinky

    Julya Rabinowich.

Die Bewohnerin des Buchstabenturms Österreich frönt kulinarischen, kulturellen und intellektuellen Leidenschaften, denen nur in diesem Land ordentlich gefrönt werden kann

Nebst der Liebe zu Kaugummiautomaten und der literarischen Einsiedelei.

 

Was ich an Österreich mag: dass es sofort vieles gibt, was mir einfällt, wenn mich jemand fragt, was ich an Österreich mag. Das Erste, was ich an Österreich mochte, als ich Österreich betrat, war das Klo am Flughafen. Ein großer, heller Raum mit Marmor ausgelegt. Mit spiegelnden Glasflächen und mit blitzblanken Waschbecken und silbernen Griffen. Meine Mutter ging mit mir in eine der Kabinen, in denen es weder abgestanden noch sonst fragwürdig roch, und dort harrte sie mit mir lange aus, weil ich, beeindruckt von all der Funkelpracht rundum, einfach nicht erledigen konnte, wozu ich gekommen war: Zu dreckig wäre das gewesen. "Was ist denn los?", drängte meine Mutter, die Angst hatte, den Rest des Reisetrosses zu verpassen. "Mach doch endlich!"

"Ich kann nicht", sagte ich. "Warum nicht?!" "Aber Mama. Das ist doch ein Palast."

Tja, und daran erkennt man, wie schnell so ein Palast zur alltäglichen Hütte wird - kein Hauch jener Ergriffenheit mehr heutzutage, wenn ich eine öffentliche Toilette aufsuche. Business as usual. Der Mensch ist eine undankbare Drecksau. Auch was die Toilettensituation betrifft.

Das Zweite, das ich an Österreich mochte, waren die Kaugummiautomaten. Mit bunten, steinharten Kugeln darin, an denen man sich für ein paar Groschen die Milchzähne ausbeißen konnte. Wenn man Glück hatte, kam ein schöner, halbdurchsichtiger Flummi mit Glitzerzeug aus dem Metallschnabel der Maschine. Aber das war sehr selten. Was ich danach an Österreich mochte, mehrte sich rasant. Ich mochte Marillen- und Zwetschkenknödel. Die mochte ich bis zum sprichwörtlichen Umfallen. Nein, meiner Liebe entkamen die Knödel nicht. Ich mochte das Wiener Ferienspiel. Die Idee, unbetreuten Jugendlichen im Sommer ein wenig Urlaubsflair zu verpassen, finde ich auch heute noch großartig. Nicht nur, dass die Stempelmarken eine regelrechte Sammelwut bei mir auslösten, ein pedantisches Abgrasen sämtlicher Angebote. Auch das Einsenden der vollgestempelten Ferienspielpässe war eine unglaublich aufregende Angelegenheit, fast wie Lottospielen. Von alleine wäre ich nie auf die Idee gekommen, aber meine Schulfreundin und deren Geschwister, die jeden Sommer mitspielten, gaben mir den entscheidenden Tipp. Ich gewann sofort den dritten Preis, bestehend aus einem signiertem Buch Der König Tunix - den ich übrigens auch sehr gerne mochte - und einer Audienz bei der großartigen Mira Lobe. Ich war mit Literatur infiziert, die Freundschaft jedoch zerbrach augenblicklich, hatte die Schulkollegin doch seit fünf Jahren auf einen Gewinn gewartet und war wieder leer ausgegangen. Das mochte ich weniger, deswegen werden wir uns sofort anderen, schönen Dingen zuwenden.

Ich mochte - und mag bis heute - die Tatsache, dass man in Österreich sagen kann, was man denkt, und schreiben kann, was man will. Man hat vielleicht mit Folgen zu rechnen. Aber diese bringen einen nicht hinter Schloss und Riegel. Dabei fallen mir allerdings die Tierschützer ein, und ich widerrufe sofort, korrigiere mich und sage: wenn über eine ausreichende Medienpräsenz verfügt werden kann. Aber diese Medienpräsenz ist machbar. Sie ist machbar und wird auch gemacht, niemand kommt dafür hinter Gitter, niemand wird auf offener Straße erschossen, niemand erleidet eigenartige Unfälle, weil er die Regierung lautstark kritisiert.

Die Freiheit des Wortes ist mir eines der höchsten Güter, und hier in Österreich ist dieses Gut vorläufig gesichert. Am zweitliebsten mag ich in Österreich, dass ich abends kaum Angst haben brauche, egal, wo ich in Wien unterwegs bin. Im Vergleich zu anderen Großstädten ist Wien eine sehr sichere Stadt, und ich danke innerlich jedes Mal, wenn ich aus einer anderen, weniger sicheren Stadt heimkomme, dass ich hier wohne und nicht woanders. Wir haben keine Banlieue, wir haben keine Landstriche, die von Rechtsradikalen kontrolliert werden, wir haben keine Drogenkriege, wir haben keine organisierten Banden, die ganze Straßen untereinander aufteilen.

Dafür haben wir mehrere wunderbare Kulturfestivals, feine, spannende und auch glamouröse Veranstaltungen, die so viele Facetten der Kunst zum Leuchten bringen: Wir haben die Rauriser Literaturtage, abgeschieden in den Bergen, mit einem Publikum, das aufmerksam Stunden um Stunden ausharrt. Wir haben die Viennale, die internationale Stars nach Wien bringt und in kurzer Zeit einen gewaltigen Input an neuen Filmen ermöglicht - von interessanten Kassenschlagern bis anspruchsvollsten oder schrägen Außenseitern.

Was wir alles haben

Dann die Wiener Festwochen, die Salzburger Festspiele, die Literatur im Nebel, wir haben Balkan Fever und den Steirischen Herbst, wir haben das Festival am Wiener Rathausplatz, die Bachmann-Literaturtage und wir haben Sprachsalz. Als Interessierte und Betroffene fallen mir weitaus mehr Veranstaltungen ein, die mit Literatur zu tun haben. Ich tendiere zur literarischen Einsiedelei, durchbrochen von Film und Theater, und mische mich seltener unter Musikinteressierte. Österreich ist ein Land, das viel Interesse an Kunst zeigt, und dazu noch viel Interesse an Literatur.

Großartige Schriftsteller haben hier gelebt und gearbeitet. Ein Land, das so viel Aufmerksamkeit auf das richtet, was mir so unglaublich wichtig erscheint, ein Land, das mit dieser Aufmerksamkeit und diesem Interesse vor allem Anfängern den Einstieg in den Arbeitsprozess erleichtert, mit Förderungen, mit Stipendien, mit Werkunterstützungen - solch ein Land kann kein schlechtes sein. Und nachdem ich eine Bewohnerin dieses Buchstabenturmes bin, eine Bewohnerin aus Leidenschaft und Überzeugung, kann ich dieses Wohlmeinen gar nicht genug schätzen. Und da sind wir wieder, bei meinem Schwerpunkt, meinem absoluten Favoriten an Österreich: das freie Wort und dessen Ermöglichung. Das freie Wort und dessen Anhörung. Das freie Wort und dessen Verbreitung. Und sei es eine Publikumsbeleidigung: Sie ist möglich und sie wird angehört. Mag sein, dass es hier auch Intrigen gibt und Vertuschung. Aber das entschlossene Dagegenvorgehen ist möglich. Diese Möglichkeit ist essenziell. Das ist doch - nüchtern betrachtet - noch viel schöner als ein Marmorklo und ein rotlackierter Automat gefüllt mit kleinen bunten Kugeln.   (Julya Rabinowich, DER STANDARD, 25./26.10.2012)

Julya Rabinowich (42), in Leningrad geborene österreichische Schrifstellerin. Letztes Werk: "Die Erdfresserin", Deuticke 2012.

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... dass ich in einem unten zu findenden Posting die österreichische Seele so richtig geweckt habe.

Ja das sind alles Menschen, die einem das Leben so richtig schön und lebenswert machen.

Da braucht man nur ein wenig an der Oberfläche kratzen.

Aber was ist das schon gegen andere Länder, in denen man von einem auf den anderen Tag einfach verschwindet, wenn man der allgemeinen Meinung (wie es so neulich am Cover der Kronenzeitung gedtanden ist) nicht schreibt ...

Aber gut gehen tut es einem dann auch nicht, wenn Sie Angelegenheiten kritisch vorbringt, die nicht gerade in den gängigen Medien stehen.

So soll man sich doch mit seiner Kritik immer die eigne Ansicht rechts und links liegen lassen und brav mit dem Mainstream mitkeifen.

Da kann einem gar nichts geschehen!

Frau Rabinowich,

Sie wären vermutlich noch begeisterter, wären Sie Musikfreundin.

Auf dem Gebiet der Musik ist Wien wirklich eine Weltstadt! Und der allgemeine Standard in Österreich unwahrscheinlich hoch.

"niemand erleidet eigenartige Unfälle"

ist das jetzt eine hoffnung oder eine feststellung?

eine feststellung kann es nicht sein, weil Fr. Rabinovich auch nicht die schicksale aller ÖsterreicherInnen kennen kann

wer kennt die schon?

und über welches land ernsthaft könnte man so eine aussage schon machen

die bedrohung muß ja auch nicht unbedingt von der regierung kommen

dieses potentielle verbrechen existiert vermutlich überall und in allen ländern

bei Amnesty International weiß man eben auch nur von denen, die berichtet werden

Frau Rabinovich ist gut aufgelegt und entdeckt ihre (temporäre?) Liebe zu Österreich. Möge diese auch über den Nationalfeiertag hinaus andauern!

Bin ich froh das dieser Mensch in Östereich lebt.

Ich würd mir wünschen mehr Österreicher wären so suderfrei.

Ja, dass...

...die Kunst - ihre Inszenierung, Förderung und (Preis)Würdigung - in diesem Land einen so großen öffentlichen und finanziellen Raum bekommt, macht Österreich unglaublich attraktiv und begeistert auch mich. Kein Vergleich mit Deutschland, nicht mal im Ansatz.

Der schöne Bericht wäre wohl anders,wenn die Autorin damals,in Innsbruck Hauptbahnhof,angekommen wäre und dort auf`s Klo hätte gehen müssen.

Nun, verglichen mit einem Klo in Leningrad vor 25 Jahren,

wäre ihr auch das am Innsbrucker Hauptbahnhof wie ein Palast vorgekommen. Ich bin mir jetzt nicht bewusst, dass ich je ein Klo am Wiener Flughafen so großartig gefunden hätte....

mir gefällt der text - weil er gut geschrieben ist und weil er die außensicht auf das gute mit der innensicht krtitischer vorsicht verbindet.

wir nehmen das, was sie an ö schätzt, als vollkommen selbstverständlich hin - umso wichtiger ihre hinweise auf diesen schatz und seinen wert. schön, dass sie hier sind, frau rabinowich!

eine sehr schöne

sympathieerklärung mit einigen passagen der dankbarkeit, die man von anderen zugewanderten so wahrscheinlich niemals lesen wird.
es verdient respekt, daß sich die autorin dafür nicht zu gut ist.

genau, weil wir wollen dankbarkeit von den zugewanderten, bis an ihr lebensende! Äh - wofür eigentlich? Dafür, dass wir sie am liebsten alle sofort wieder loswerden würden? Zumindest jene, die uns ihre Dankbarkeit nicht bis an ihr Lebensende zeigen?

das thema ist differenzierte betrachtensweise
und die beinhaltet, dass negatives UND positives thematisiert werden kann.

so ein posting habe ich erwartet

nein, dankbarkeit MUSS nicht sein, aber fr. rabinowich hat sich entschieden, sie in ihren text einzubauen, anstatt - wie von anderen üblich - zu sudern und zu fordern. warum? fragen sie sie doch.
bei mir kommt das jedenfalls gut an, ich finde das nett. mit dem einfachen wort "danke" kann man manchmal viel bewirken. überhaupt, wenn es ehrlich gemeint ist.

Ich verstehe ihr posting einfach nicht

Die Rede war von sympathieerklärung.
Was daran ist falsch?
Oder stört Sie einfach die Herkunft?

hallo rolli!!!!
:D

ein gruß und ein grünes stricherl!
ich schließe mich damit an !
:D

offensichtlich nicht!

nein, ganz im gegenteil. die sympathierklärung stört mich überhaupt nicht. mich stört nur, dass man hier zulande immer von zugewanderten erwartet, dass sie bitte schön für alles dankbar sein sollen.

auch nicht Zugewanderte sollten für Vieles hier dankbar sein.

Und Zugewanderte auch. Wenn Frau Rabinowich gerne hier lebt und das auch sagt, wird man sich doch noch darüber freuen dürfen.

Wenn ohnehin so viel Einheimische und Zugewanderte nur über dieses Sch...land schimpfen (weil es halt modern ist und / oder sie nichts anderes kennen.)

ich als nicht zugewanderte bin für das vorrecht in einem reichen land zu leben dankbar
warum sollen zugewanderte dafür nicht dankbar sein sollen?

Wieso auch nicht? Offensichtlich hat deren Ursprungsland versagt und unsere Heimat gibt ihnen eine Chance!

herrlicher Bericht!!! :-) :-D

!

Bei so viel lieben freien Wort haben sie aber Glück gehabt

Aber versuchen sie ihr freies Wort doch einmal gegen ein paar Interessenvertretungen z.b. der Wirtschaft zu wenden.

Fordern Sie doch z.B. Dass das der Sims jedes neu gebauten Hauses einen Satz der freien Meinung tragen muss - und das Honorar vom jeweiligen Architekten zu bezahlen wäre.

Sie würden staunen, was ihnen doch alles geschehen kann, und noch viel mehr, wie würden Sie erst staunen, wenn der Architekt am Copyright für den Satz beteiligt werden möchte.

Ich fürchte, Sie haben über ein paar Aspekte dieses Landes glatt überlesen, -hört und -sehen.

random-bot

Ich habe mich eben rasiert

und musste niemanden fragen.
Ihr posting ist so etwas von sinnfrei, dass es beinahe kabarettreif ist.

Muss man dieses Posting verstehen?

Sie könnten

das Schema an anderen Metiers der Kunst ausprobieren und werden schnell zu einem Ergebnis kommen.

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