Ein Klo wie ein Palast und Knödel bis zum Umfallen

  • Was wir alles nicht haben in Österreich, kann auch positiv bewertet werden. Dass wir die Knödel haben, von Zwetschken- bis Marillen-, kann nur gut sein.
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    Was wir alles nicht haben in Österreich, kann auch positiv bewertet werden. Dass wir die Knödel haben, von Zwetschken- bis Marillen-, kann nur gut sein.

  • Julya Rabinowich.
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    foto: andrew rhinky

    Julya Rabinowich.

Die Bewohnerin des Buchstabenturms Österreich frönt kulinarischen, kulturellen und intellektuellen Leidenschaften, denen nur in diesem Land ordentlich gefrönt werden kann

Nebst der Liebe zu Kaugummiautomaten und der literarischen Einsiedelei.

 

Was ich an Österreich mag: dass es sofort vieles gibt, was mir einfällt, wenn mich jemand fragt, was ich an Österreich mag. Das Erste, was ich an Österreich mochte, als ich Österreich betrat, war das Klo am Flughafen. Ein großer, heller Raum mit Marmor ausgelegt. Mit spiegelnden Glasflächen und mit blitzblanken Waschbecken und silbernen Griffen. Meine Mutter ging mit mir in eine der Kabinen, in denen es weder abgestanden noch sonst fragwürdig roch, und dort harrte sie mit mir lange aus, weil ich, beeindruckt von all der Funkelpracht rundum, einfach nicht erledigen konnte, wozu ich gekommen war: Zu dreckig wäre das gewesen. "Was ist denn los?", drängte meine Mutter, die Angst hatte, den Rest des Reisetrosses zu verpassen. "Mach doch endlich!"

"Ich kann nicht", sagte ich. "Warum nicht?!" "Aber Mama. Das ist doch ein Palast."

Tja, und daran erkennt man, wie schnell so ein Palast zur alltäglichen Hütte wird - kein Hauch jener Ergriffenheit mehr heutzutage, wenn ich eine öffentliche Toilette aufsuche. Business as usual. Der Mensch ist eine undankbare Drecksau. Auch was die Toilettensituation betrifft.

Das Zweite, das ich an Österreich mochte, waren die Kaugummiautomaten. Mit bunten, steinharten Kugeln darin, an denen man sich für ein paar Groschen die Milchzähne ausbeißen konnte. Wenn man Glück hatte, kam ein schöner, halbdurchsichtiger Flummi mit Glitzerzeug aus dem Metallschnabel der Maschine. Aber das war sehr selten. Was ich danach an Österreich mochte, mehrte sich rasant. Ich mochte Marillen- und Zwetschkenknödel. Die mochte ich bis zum sprichwörtlichen Umfallen. Nein, meiner Liebe entkamen die Knödel nicht. Ich mochte das Wiener Ferienspiel. Die Idee, unbetreuten Jugendlichen im Sommer ein wenig Urlaubsflair zu verpassen, finde ich auch heute noch großartig. Nicht nur, dass die Stempelmarken eine regelrechte Sammelwut bei mir auslösten, ein pedantisches Abgrasen sämtlicher Angebote. Auch das Einsenden der vollgestempelten Ferienspielpässe war eine unglaublich aufregende Angelegenheit, fast wie Lottospielen. Von alleine wäre ich nie auf die Idee gekommen, aber meine Schulfreundin und deren Geschwister, die jeden Sommer mitspielten, gaben mir den entscheidenden Tipp. Ich gewann sofort den dritten Preis, bestehend aus einem signiertem Buch Der König Tunix - den ich übrigens auch sehr gerne mochte - und einer Audienz bei der großartigen Mira Lobe. Ich war mit Literatur infiziert, die Freundschaft jedoch zerbrach augenblicklich, hatte die Schulkollegin doch seit fünf Jahren auf einen Gewinn gewartet und war wieder leer ausgegangen. Das mochte ich weniger, deswegen werden wir uns sofort anderen, schönen Dingen zuwenden.

Ich mochte - und mag bis heute - die Tatsache, dass man in Österreich sagen kann, was man denkt, und schreiben kann, was man will. Man hat vielleicht mit Folgen zu rechnen. Aber diese bringen einen nicht hinter Schloss und Riegel. Dabei fallen mir allerdings die Tierschützer ein, und ich widerrufe sofort, korrigiere mich und sage: wenn über eine ausreichende Medienpräsenz verfügt werden kann. Aber diese Medienpräsenz ist machbar. Sie ist machbar und wird auch gemacht, niemand kommt dafür hinter Gitter, niemand wird auf offener Straße erschossen, niemand erleidet eigenartige Unfälle, weil er die Regierung lautstark kritisiert.

Die Freiheit des Wortes ist mir eines der höchsten Güter, und hier in Österreich ist dieses Gut vorläufig gesichert. Am zweitliebsten mag ich in Österreich, dass ich abends kaum Angst haben brauche, egal, wo ich in Wien unterwegs bin. Im Vergleich zu anderen Großstädten ist Wien eine sehr sichere Stadt, und ich danke innerlich jedes Mal, wenn ich aus einer anderen, weniger sicheren Stadt heimkomme, dass ich hier wohne und nicht woanders. Wir haben keine Banlieue, wir haben keine Landstriche, die von Rechtsradikalen kontrolliert werden, wir haben keine Drogenkriege, wir haben keine organisierten Banden, die ganze Straßen untereinander aufteilen.

Dafür haben wir mehrere wunderbare Kulturfestivals, feine, spannende und auch glamouröse Veranstaltungen, die so viele Facetten der Kunst zum Leuchten bringen: Wir haben die Rauriser Literaturtage, abgeschieden in den Bergen, mit einem Publikum, das aufmerksam Stunden um Stunden ausharrt. Wir haben die Viennale, die internationale Stars nach Wien bringt und in kurzer Zeit einen gewaltigen Input an neuen Filmen ermöglicht - von interessanten Kassenschlagern bis anspruchsvollsten oder schrägen Außenseitern.

Was wir alles haben

Dann die Wiener Festwochen, die Salzburger Festspiele, die Literatur im Nebel, wir haben Balkan Fever und den Steirischen Herbst, wir haben das Festival am Wiener Rathausplatz, die Bachmann-Literaturtage und wir haben Sprachsalz. Als Interessierte und Betroffene fallen mir weitaus mehr Veranstaltungen ein, die mit Literatur zu tun haben. Ich tendiere zur literarischen Einsiedelei, durchbrochen von Film und Theater, und mische mich seltener unter Musikinteressierte. Österreich ist ein Land, das viel Interesse an Kunst zeigt, und dazu noch viel Interesse an Literatur.

Großartige Schriftsteller haben hier gelebt und gearbeitet. Ein Land, das so viel Aufmerksamkeit auf das richtet, was mir so unglaublich wichtig erscheint, ein Land, das mit dieser Aufmerksamkeit und diesem Interesse vor allem Anfängern den Einstieg in den Arbeitsprozess erleichtert, mit Förderungen, mit Stipendien, mit Werkunterstützungen - solch ein Land kann kein schlechtes sein. Und nachdem ich eine Bewohnerin dieses Buchstabenturmes bin, eine Bewohnerin aus Leidenschaft und Überzeugung, kann ich dieses Wohlmeinen gar nicht genug schätzen. Und da sind wir wieder, bei meinem Schwerpunkt, meinem absoluten Favoriten an Österreich: das freie Wort und dessen Ermöglichung. Das freie Wort und dessen Anhörung. Das freie Wort und dessen Verbreitung. Und sei es eine Publikumsbeleidigung: Sie ist möglich und sie wird angehört. Mag sein, dass es hier auch Intrigen gibt und Vertuschung. Aber das entschlossene Dagegenvorgehen ist möglich. Diese Möglichkeit ist essenziell. Das ist doch - nüchtern betrachtet - noch viel schöner als ein Marmorklo und ein rotlackierter Automat gefüllt mit kleinen bunten Kugeln.   (Julya Rabinowich, DER STANDARD, 25./26.10.2012)

Julya Rabinowich (42), in Leningrad geborene österreichische Schrifstellerin. Letztes Werk: "Die Erdfresserin", Deuticke 2012.

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