Österreich - das Einfache, das Richtige, das Falsche

  • Der Anfang der Änderung: Beim Parlament könnte der Anfang beginnen. Zum Beispiel.
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    Der Anfang der Änderung: Beim Parlament könnte der Anfang beginnen. Zum Beispiel.

  • Michael Stavaric.
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    Michael Stavaric.

Die österreichische Parteienlandschaft, die dahinterstehenden Haltungen, der politische Stillstand, Grenzziehungen in Köpfen und Herzen - das ist hier nicht anders als woanders. Der Ruf nach Menschlichkeit und Veränderung erschallt - hier

Wenn man irgendwo auf dieser Welt von Staaten spricht, meint man nach wie vor eine Art "erkämpftes" Land, auf das man fortan (und für alle Zeiten) Anrecht habe. Man glorifiziert seine Ahnen, Väter, Begründer, Recken, Parteivorsitzende und Großindustrielle, Erfolg (also das, was sich seit jeher bewährt hat) und Tradition sind etwas Schönes, Blut ist dicker als Wasser und überhaupt: Ein Staat (und all seine ihm vorangegangenen Ausprägungen) ist nur zu gern etwas Mystisches. Oft genug tritt ein "Heros" als Begründer gesellschaftlicher Ordnung auf die Bühne der Geschichte, nimmt (scheinbar) unbewohntes Land in Besitz oder ringt dieses irgendwelchen "Primitivlingen" ab, aus deren Häuten er sich fortan Roben näht ... besungen von der Heimatdichtung.

In manchen Gegenden ist der Staat eine logische Folge von Damm- und Kanalbauten, von Be- und Entwässerungsprogrammen und lediglich eine erste Koordinierungsinstanz prähistorischer Umwelt- oder Wasserwirtschaft. Anderswo stecken irgendwelche Clanführer und Oberhäupter die Grenzen ihrer Herrschaft ab, sie gründen scheinbar neue Siedlungen (vor die sie "Ortstaferln" setzen) und berufen sich auf Götter, Erbfolgen und Standrecht. Doch die Welt wird gefährlicher (demnach: ein einzelnes "Reich" zählt weniger und weniger), es wird stetig mühsamer, neues "Terrain" zu erobern, sodass man sich wohl irgendwann nur noch aufs Heiraten (Koalieren?) verlegt.

Wenn man sich die österreichische Parteienlandschaft ansieht, könnten sich solche und ähnliche "Haltungen" gut und gern in allerlei Reden zum Nationalfeiertag wiederfinden. Unterschwellig, doch nach wie vor präsent. Zugegeben, Natur- und Wasserwirtschaft, Umweltthemen gewissermaßen, die eine staatliche Ordnung/Verwaltung nach sich ziehen, dies bleibt wohl den Grünen vorbehalten. Die Heiratspolitik lässt ebenfalls zu wünschen übrig, doch wäre dies vielleicht ein Ansatz, um den politischen Stillstand in diesem Land zu überwinden? Eheschließungen zwischen FPÖ-ÖVP-SPÖ-etc.-Mandataren? Warum nicht - Liebe macht schließlich nicht nur blind, sondern auch milde.

Vor wenigen Wochen hielt ich in Österreich mit meinen Kinderbüchern einige Workshops ab, als mich tatsächlich ein paar Achtjährige völlig unvermittelt mit Nazi-Symbolen konfrontierten. Sie fänden diese (und Hitler als solchen) einfach "cool", danach malten sie Hakenkreuze und SS-Zeichen auf die vor ihnen liegenden Blätter. Ich war einen kurzen Augenblick lang perplex, weil ich darüber nachzudenken begann, wo sie es wohl aufgeschnappt hatten. Mir wurde seit langem mal wieder klar, wie ausgeliefert Kinder und Jugendliche unserer - ja doch - politischen Welt sind, wie leicht sie Symboliken übernehmen, die, und das ist in diesem Alter zweifellos ihre Hauptmotivation, der Provokation dienen. Und dass es eigentlich die Aufgabe unserer Gesellschaft ist, Gegenstrategien zu entwickeln, die keine pädagogische Weisung von oben darstellen. Und dass unsere Gesellschaft versagt hat, wenn dies nicht gelingt.

Ich erinnerte mich in jenem Moment auch an meine Konfrontationen mit totalitären Symbolen - es war etwa in den frühen 80er-Jahren, ich und meine Familie kamen ins Flüchtlingslager Traiskirchen, und in der Stadt lungerten ab und an Jugendliche mit kahlgeschorenen Köpfen herum, die uns verächtliche Blicke zuwarfen. Ich kannte bis dahin nur "Rotten" mit Hämmern und Sicheln, Sowjetsternen und tiefroten Fahnen. Und diese hier beschimpften mich als "Tschuschen", eine - wie ich schon bald erfuhr - umgangssprachlich-verächtliche Bezeichnung im österreichischen Deutsch für Angehörige slawischer bzw. orientalischer Herkunft.

Das Flüchtlingslager schien irgendeine wichtige physische und mentale Grenze zu markieren - wir, die drin zu sein hatten, waren keine Österreicher ... und die dort draußen sahen uns als unliebsame Fremde und zwielichtige Subjekte an. Ich bewundere bis heute den Mut meiner Eltern, die alles in ihrer alten Heimat zurücklassen mussten, um in Österreich ein neues Leben zu beginnen.

Das Missachten und Setzen von Grenzen (und das Kreieren der diesbezüglichen Ideologien und nationalen "Wunschbefindlichkeiten") ist an sich etwas Uraltes, dies wird weiterhin das Leben der Menschheit prägen. Bereits der biblische Satz "Am Anfang war das Wort" könnte im Sinne der Grenze gedeutet werden. Wörter bilden schließlich die Grenzen zum Wortlosen. In meiner Muttersprache versteht man das Wort "Grenze" noch in dessen Wurzeln, "hranice" stammt von "hrana", der Kante, und meint etwas, wovon man abstürzt oder worauf man hinaufklettert. Etwas, das schmerzt, wenn man sich daran stößt, oder auch: etwas, das hilft, weil man sich daran festhalten kann.

Ideologien und Grenzen

Grenzen machen einem manchmal durchaus auch etwas klarer - wie bei uns zu Hause der "Eiserne Vorhang". Ich wusste schon als Kind, hier läuft etwas ganz gewaltig falsch - warum soll die Welt schließlich an einer von Menschen erbauten Barriere enden? Das tat sie seit jeher nur bei Gefängnissen - und ich dachte als Kind manchmal darüber nach, ob nicht auf beiden Seiten solcher Barrieren Gefängnisse liegen müssten? Dass man mit Grenzen (also linken und rechten Ideologien) seit jeher nur Gefängnisse schafft ... hüben wie drüben.

Das Flüchtlingslager selbst war natürlich auch eine Grenze, nämlich zu jener Kleinstadt, die dieses umgab ... die Kleinstadt selbst war Grenze zum Umland und zur Großstadt Wien, die Republik Österreich wiederum zu anderen Ländern und die Welt eine zum Kosmos ... alles war und ist begrenzt. Muss es aber - zwangsläufig - immer ein Gefängnis sein? Ist vielleicht das Leben an sich ein Gefängnis - und der Tod auch?

Alles und jeder hat seine Identität und grenzt sich vom/von anderen ab, also jenem Nicht-Ich und Nicht-Wir, mit Grenzen und Identitäten wird seit jeher politisches Kleingeld gewechselt, hinter diesen "Exklusionen" stecken oft genug plumpe, tribale Mechanismen. Mit anderen Worten, ich frage mich auch, wie überquert man in unserer Welt Grenzen ohne den scheinbar zutiefst menschlichen Reflex der Grenzüberschreitung ... also Krieg und Kampf, Missgunst und Hass? Das ist und bleibt eine Frage, der sich Gesellschaften immer wieder aufs Neue werden stellen müssen. Und es ist eine Frage, die ich den politischen Akteuren aller Parteien in diesem Land stellen möchte - sofern sie noch in der Lage sind, ihre eigenen Grenzen wahrzunehmen und die richtigen Schlüsse daraus zu ziehen. Ich sehe in diesem Land leider ein Parlament, das voller Grenzen ist, das eben dadurch auch sehr schnell an seine Grenzen gelangt. Muss das so sein?

Unsere jüngere Geschichte (da wir nun mal fast Kinder des 20. Jahrhunderts sind) ist geprägt von politischen Ideologien und Identitätsallüren - und beinahe alle sind von primitiven Zweiwertigkeiten geprägt. Hier Gott. Dort Satan. Hier Heimat. Dort Fremde. Hier das Gute. Dort das Böse. Hier der Westen. Dort der Osten. Rechts Mann. Links Frau, SPÖ. ÖVP. Etc. Natürlich greift das zu kurz, denn unser Leben ist - es wird kaum verwundern - etwas überaus Komplexes. Selbst wenn es uns manche (links und rechts) immer wieder gern glauben machen wollen - ein Land, ein Staat, eine Heimat sind längst kein mit Blut geweihter Boden mehr. Das "Einfache" ist - politisch gedacht - nahezu immer das Falsche.

Früher oder später werden alle realisieren müssen, dass die Welt (wieder politisch betrachtet) keine Scheibe mehr ist. Dass sie nicht einmal als Kugel den Mittelpunkt des Universums darstellt, dass es keine Götter gibt, die uns irgendeinen Weg weisen oder auf die wir Verantwortung abwälzen dürfen. Dass wir uns vielmehr auf unser aller Menschlichkeit und unseren Verstand verlassen müssen. Dass es Zeit ist für Veränderungen! (Michael Stavaric, DER STANDARD, 25./26.10.2012)

Michael Stavaric (40), in Tschechien geborener österreichischer Schriftsteller und Übersetzer. Letztes Werk: "Hier gibt es Löwen" (Residenz Verlag 2011).

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