U-Ausschuss: Ins Grab gespuckt

Kolumne24. Oktober 2012, 19:15
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Beim zu Grabe getragenen Untersuchungsausschuss sparte man nicht mit postmortaler Kritik

De mortuis nil nisi bene. In Österreich gilt dieser jegliche Kritik an Verstorbenen im Keim erstickende Grundsatz wie kaum in einem anderen Land. Egal ob bei Helmut Zilk, Franz Olah, Hans Dichand oder Jörg Haider: Wer zu viel nachfragt, gilt rasch als pietätlos. Eine Einschätzung, die vielleicht mit katholischer Grundierung und einem aus dem Glauben an die Existenz von Fegefeuer und Hölle resultierenden "Der is g'straft gnua"-Gefühl zu tun hat.

Aber wäre diese noble Zurückhaltung nicht auch bei zu Grabe getragenen Institutionen angebracht? Im Fall des großkoalitionär gemeuchelten Untersuchungsausschusses kann davon keine Rede sein. War schon der Umstand, ausgerechnet von Leuchten wie Josef Cap, Otto Pendl und Werner Amon das Lebenslicht ausgeblasen zu bekommen, im höchsten Maße demütigend, so muss man den Auftritt des letzten Zeugen Martin Schlaff als Störung der Totenruhe bezeichnen.

Natürlich durfte niemand ernsthaft annehmen, dass Schlaff dort zur Aufklärung der gegen ihn vorliegenden Beschuldigungen beitragen würde, doch wie er die Machtlosigkeit der parlamentarischen Fragesteller bloßstellte, lässt sich nur als dröhnende Verhöhnung beschreiben. Als Trost bleibt, dass andere noch schlimmer vom auskunftsunwilligen Multimilliardär erniedrigt wurden, nämlich praktisch alle anderen Vorgeladenen. Denn die Summen der von ihnen zu verantwortenden Malversationen wirken im Vergleich zu den rund 1,3 Milliarden Euro, die Schlaff bei den Ostgeschäften der Telekom abgezockt hat, auf einmal nahezu läppisch.

Dass er eine zuvor einem russischen Mafiapaten abgekaufte Firma um 800 Millionen Euro teurer weiterverkauft hat, degradiert die Meischbergers dieses Landes zu Lehrbuben, und so manches Detail der Geschäftsabwicklung lässt selbst den abgebrühtesten Scheinrechnungs-Profi ehrfürchtig staunen. Zum Beispiel, wenn eine von Schlaff-Geschäftspartnern geleitete Textilhandelsfirma von der Telekom 1,4 Millionen Euro für "Beratungsleistungen" bekommt, über die es natürlich keine Aufzeichnungen gibt - wahrscheinlich gab es Tipps, wie man heikle Deals in trockene Tücher bringt.

Da kann man noch was lernen. Und tut es möglicherweise auch, wie von Peter Hochegger an Walter Meischberger weitergeleitete Provisionen der Schlaff-Gruppe und der von Buwog-Ermittlern nachgewiesene rege Telefonkontakt zwischen Schlaff und Karl-Heinz Grasser vermuten lassen.

Den Wunsch, darüber Genaueres zu erfahren, kann man Pilz und Co nicht zum Vorwurf machen, und doch wäre die Demütigung vermeidbar gewesen, hätte man statt der sinnlosen Einvernahme aus einem Interview zitiert, das der umtriebige Investor vor ein paar Monaten dem Profil gewährt hat. Auf den Vorhalt "Leute, die sehr viel Geld haben, stehen oft unter Verdacht, dass nicht alles mit rechten Dingen zugegangen sein kann. Sie sind da keine Ausnahme", antwortete Schlaff: "Was heißt, ich bin keine Ausnahme? Ich bin ein herausragendes Beispiel. Letztlich geht es doch um zwei Dinge: 1.) Habe ich das Gefühl, etwas Unrechtes oder moralisch nicht Vertretbares gemacht zu haben? 2.) Kann man mir etwas anhängen?"

Worte von so entwaffnender Ehrlichkeit wären ein würdiger Nachruf auf den dahingeschiedenen U-Ausschuss gewesen. (Florian Scheuba, DER STANDARD, 25./26.10.2012)

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