"Der Heldenplatz ist eine Rumpelkammer"

Interview24. Oktober 2012, 18:48
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Eva Blimlinger und Oliver Rathkolb über "History-Disney", die Macht des Kameradschaftsbunds und die Idee der "Fit mach mit"-Märsche

STANDARD: Jetzt kommt das erste Denkmal für Wehrmachtsdeserteure Österreichs auf den Ballhausplatz. Ist das eine gute Wahl?

Rathkolb: Es ist ein wichtiger Schritt. Mir wäre ein Standort in der Nähe zum Äußeren Burgtor, dem offiziellen Erinnerungsort für Weltkriegstote und gefallene Soldaten des Bundesheeres, lieber gewesen, um damit einen anderen Zugang zur offiziellen Erinnerung zu finden. Dieses Eckerl im Volksgarten ist sehr unrühmlich kontaminiert: Gedacht für ein Denkmal für Engelbert Dollfuß, das die Nazis dann 1938 verhinderten.

Blimlinger: Der Ort passt meiner Ansicht nach sehr gut. Jetzt müssen in Wien auch die weiteren Orte der Wehrmachtsjustiz deutlich gemacht werden. Aber wenn man über Erinnerungskultur spricht, geht es auch um die sogenannten Kriegerdenkmäler. Die gehören kontextualisiert. Es muss eine Art von Bildungstour durch Österreich geben, um das Bewusstsein zu schaffen, was diese Kriegerdenkmäler in den Ortschaften eigentlich bedeuten.

STANDARD:  Diese zigtausend Kriegerdenkmäler kann man doch nicht alle kontextualisieren?

Blimlinger: Warum nicht?

Rathkolb: Auch im lokalen Bereich sollte man sich über Sinn und Unsinn dieser Denkmäler einmal den Kopf zerbrechen. Vor allem vor dem Hintergrund, dass wir 2014 - der Ausbruch des Ersten Weltkrieges jährt sich zum hundertsten Mal - eine Art Neuverhandlung dieses Ereignisses erleben werden - mit Fernsehdokus etc.

STANDARD:  Der Nationalfeiertag wird, wenn man so will, vor dem Kriegerdenkmal des Bundes am Wiener Heldenplatz begangen.

Blimlinger: Ich finde diese Situation im Äußeren Burgtor problematisch mit diesen Kategorien der Soldaten: Erster Weltkrieg, Zweiter Weltkrieg, Deutsche Wehrmacht und die Soldaten des österreichischen Bundesheeres, die in Friedenseinsätzen gestorben sind. Warum dient überhaupt der Nationalfeiertag als Kranzabwurftag? An diesem Tag wurde das Gesetz zur immerwährenden Neutralität beschlossen. Mir wäre es lieber, wenn man ihn wieder auf den 12. November - Republiksgründung - verlegt.

Rathkolb: Sie würden den Nationalfeiertag auf den 12. November zurückverlegen?

Blimlinger: Zuerst würde ich den Nationalfeiertag zurückverlegen. Ist das durchgesetzt, sollten auch die Feiern abgesiedelt werden. Es gibt ja ein Republiksdenkmal - direkt beim Parlament gelegen. Das wird leider stiefmütterlichst behandelt.

Rathkolb: Also am 26. Oktober vor dem Republiksdenkmal beim Parlament zu gedenken, kann ich mir vorstellen. Aber den Nationalfeiertag zu verlagern, das wird es nicht spielen. Wenn man es historisch genau nimmt, ist der 12. November der Tag der Republik Deutsch-Österreich. Das heißt, wir haben eine neue Anschlussdiskussion.

STANDARD: Wie kann man erklären, dass mehr als 60 Jahre lang vor einer Statue eines Nazi-Bildhauers Kränze hingelegt wurden? Ist das Ignoranz?

Blimlinger: Mit Normalität. Natürlich war das alles bekannt, man hat es ignoriert.

Rathkolb: Wenn man sich die politische Kultur der Zweiten Republik ansieht, merkt man, dass die Wehrmachtsgeneration, der Kameradschaftsbund, eine extrem starke Lobby ist. Interessanterweise gerade sozialdemokratische Politiker und auch Kanzler waren da besonders bemüht, nicht anzustreifen, um keine neue Diskussion vom Zaun zu brechen. Es ist ein Tabu, an dem sich niemand getraut hat, anzukratzen - vor dem Hintergrund, dass die Wählermehrheit Mitte-rechts war und vielleicht noch ist.

Blimlinger: Da geht es doch nicht um ein Tabu. Es ist schlichtweg Normalität. Im ersten Nachkriegsjahrzehnt ist das sicher einer Situation geschuldet, wo die Kameradschaftsbünde ganz zentral für Wahlentscheidungen waren. So etwas schleift sich ein und niemand stellt das infrage. Wäre es ein Tabu, so hätte es ein Nachdenken darüber gegeben, ob man es bricht oder nicht.

Rathkolb: Tabus haben immer viel mit Unbewusstem zu tun. Je weiter man in der geschichtspolitischen Auseinandersetzung ist, umso näher kommt man in Regionen, die lange tabu waren. Gerade am Land ist das Kriegerdenkmal eine Tabuzone.

STANDARD:  In der Debatte über Wehrmachtsdeserteure geht es schnell um Verräter und Feiglinge. Ist das erklärbar durch die Gedenk-Tradition des Kameradschaftsbundes?

Blimlinger: Klar. Der Kameradschaftsbund hat sicher nicht mehr die Macht wie früher, aber er hat zum negativen Bild und zur Diskriminierung der Deserteure massiv beigetragen. Die Kriegsteilnehmer sterben ja nach und nach. Es gibt aber Familientraditionen. Neben anderen Organisationen trägt auch der Kameradschaftsbund zum Charakter eines Ortes bei. Und die hegen und pflegen die Kriegerdenkmäler - mithilfe des Schwarzen Kreuzes.

Rathkolb: Je kleiner der Ort, desto schwieriger ist es wohl auch, diese Traditionspflege, die sich verselbstständigt hat und die gesamte Vereinsstruktur eines Ortes umfasst, aufzubrechen. Das ist eine heiße Geschichte.

STANDARD: Jetzt geht die Staatsspitze am Nationalfeiertag an der Figur des "toten Soldaten" vorbei zu einer Tafel, um zu gedenken. Reicht das?

Blimlinger: Nein, aber für diesen Nationalfeiertag ist ja alles schon gelaufen.

Rathkolb: Das Republiksdenkmal wäre sicher eine bessere Wahl gewesen, solange dieser Ort neu aufgesetzt ist. Ob das überhaupt gelingt ...

Blimlinger: ... das kann man sein lassen. Am Heldenplatz etwas Neues zu machen bringt doch nichts.

Rathkolb: Dem muss ich jetzt ganz heftig widersprechen. Wir können weder die Geschichte des Ersten noch des Zweiten Weltkrieges ausradieren. Das ist Teil unserer Geschichte. Man muss sich damit auseinandersetzen. Es geht um das Wie. Es gibt eine Chance, daher bin ich dagegen zu sagen: Wir radieren alle Weltkriegsdenkmäler aus.

Blimlinger: Der Meinung bin ich gar nicht. Die Frage ist: Ist das Burgtor der richtige Ort, um das Gedenken an den Ersten und Zweiten Weltkrieg dort zu begehen? Ich sage: nicht notwendigerweise. Das kann man ganz woanders auch machen. Warum braucht die Republik diesen Ort? Wenn ich bösartig bin, sage ich: Weil der Bundespräsident und der Bundeskanzler nicht weit gehen müssen. Er hat ausschließlich einen staatlichen Repräsentations- und keinen Erinnerungscharakter, wie Sie das jetzt meinen.

Rathkolb: Es gibt aufgrund der aktuellen Diskussionen eine Chance, das neu aufzusetzen. Die Frage ist, ob am Ende dieses Prozesses an diesem Ort überhaupt noch eine offizielle Erinnerung stattfindet. Dass man das Ding in die Hand nehmen und neu präsentieren muss, das ist extrem wichtig. Der Heldenplatz ist eine Rumpelkammer der österreichischen Geschichte des 20. Jahrhunderts.

Blimlinger: Eine Mega-Rumpelkammer, mit dem Papstkreuz usw. ... Das ist History-Disney!

Rathkolb: Es ist doch einiges in Bewegung. Schauen Sie sich das Rehabilitierungsgesetz für die Opfer des Austrofaschismus an: Vor fünf Jahren hätte ich noch gewettet, dass eine solche Regelung nie von der großen Koalition beschlossen wird.

STANDARD: Braucht es diese alljährlichen Kranzniederlegungen überhaupt noch?

Blimlinger: Es müssen ja keine Kränze niedergelegt werden, Es gibt andere Formen des Gedenkens. In den 1970er-Jahren gab es am Nationalfeiertag immer diese "Fit mach mit"-Märsche. Nationaler Wandertag - das war der Nationalfeiertag. Und an der Spitze Fred Sinowatz. Wobei ich nicht finde, dass das eine bestechende Idee war.

Rathkolb: Also für mich am Land im Waldviertel war das damals eine tolle Sache. Da ist ein bisserl was passiert.

Blimlinger: Was ist da passiert?

Rathkolb: Dass man gemeinsam gewandert ist. Aber natürlich hat sich das längst überholt.

Blimlinger: Gewissermaßen als Gegenposition zur Wallfahrt. Man kann nicht jetzt am Reißbrett entwerfen, wie man den Nationalfeiertag begeht.

Rathkolb: Dieser Tag wäre geeignet, einen Kontrapunkt zu setzen. Alle Umfragen zeigen, dass die österreichische Identität so aufgeladen und in Patriotismus-Höhen ist, dass man durchaus daran kratzen kann.

Blimlinger: Man könnte zum Beispiel überlegen, jedes Jahr ein anderes Partnerland zu suchen und gemeinsam einen Nationalfeiertag begehen - etwa Slowenien. (Peter Mayr, DER STANDARD, 25./26.10.2012)

Wissen

Der Nationalfeiertag ist in der österreichischen Geschichte schon mehrfach verlegt worden. In der Ersten Republik wurde noch am 12. November der Staatsfeiertag gefeiert - am Tag der Ausrufung der Republik. In der Zeit des Austrofaschismus und danach in der NS-Zeit wurde am 1. Mai zur Feier geladen. In der Zweiten Republik gilt der Tag der Neutralitätsderklärung am 26. Oktober 1955 als würdig, seit 1965 ist er ein gesetzlicher Feiertag.

Wie jedes Jahr finden die Feiern am Heldenplatz statt. Bei der früheren Hinrichtungsstätte auf dem Gelände des Militärschießplatzes Kagran (Donaupark, 11 Uhr) wird bei einer Veranstaltung der Opfer der NS-Militärjustiz gedacht.

  • Für Eva Blimlinger "bringt es nichts, etwas Neues am Heldenplatz zu 
machen". Oliver Rathkolb sieht hingegen eine Chance. Es sei "doch 
einiges in Bewegung".
    foto: standard/urban

    Für Eva Blimlinger "bringt es nichts, etwas Neues am Heldenplatz zu machen". Oliver Rathkolb sieht hingegen eine Chance. Es sei "doch einiges in Bewegung".

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