Die Stadt vom Auto befreien!

Kommentar der anderen | Dietmar Steiner
24. Oktober 2012, 18:35
  • Dietmar Steiner: Autos machen die Straße zur Kampfzone.
    foto: pez hejduk / azw

    Dietmar Steiner: Autos machen die Straße zur Kampfzone.

Der anhaltende Kampf gegen die Ausweitung des Parkpickerls widerspricht jeglicher urbanistischer Rationalität: Plädoyer für eine radikale Reduktion des privaten Wohnraums "Auto" im öffentlichen Raum

"A developed country is not a place where the poor have cars. It's where the rich use public transport." (Gustavo Petro, Bürgermeister von Bogotá)

Es ist im Straßenbild deutlich erkennbar: Die Ausweitung der Parkraumbewirtschaftung hat weitere Wiener Bezirke von der automobilen Belagerung befreit und bringt den nun von parkenden Pendlern überschwemmten restlichen Teil Wiens in Bedrängnis. Es ist nur eine Frage der Zeit und der Vernunft, bis das Problem für ganz Wien gelöst sein wird. Das Problem der Pendler kann niemals am Zielort, sondern immer nur am Ausgangspunkt der Verursachung gelöst werden. Diese physikalische Tatsache hat vor allem Niederösterreich endlich zur Kenntnis zu nehmen.

Fassungslos und wütend machte mich deshalb der Kampf gegen die Ausweitung des Parkpickerls in Wien zuvor. Auf welchem dumpfen Niveau hier Autofahrer-Lobbys und lokale Provinz-Parteien polemisierten und mobilisierten, die heilige Kuh des privaten Automobils als alleinigen Herrscher der Stadt zum Schaden der Bevölkerung anbeteten, widerspricht jeder rationalen urbanistischen Analyse.

Denn Tatsache ist, dass die europäische Stadt mit einer weiteren Vorherrschaft des privaten Automobils ihre Funktionsfähigkeit heute und in Zukunft nicht mehr aufrechterhalten kann. Deshalb ist die Einschränkung und Reglementierung der individuellen Besetzung des öffentlichen Raums durch private Automobile die einzige Möglichkeit, Lebensraum und Mobilität für alle Bewohner zurückzugewinnen.

Wir müssen in allen europäischen Städten, auch in Wien, den privaten Autoverkehr dramatisch reduzieren zugunsten eines für alle zugänglichen öffentlichen Raums, der durch die europäische Stadtstruktur historisch gegeben und nicht vermehrbar ist. Die urbane Struktur der europäischen Stadt, sagte mir einmal Vicente Guallart, der heutige Stadtarchitekt von Barcelona, wurde nicht für Autos, sondern für Pferde gestaltet. Vicente ist kein verträumter Konservativer, sondern ein experimentell erfahrener Architekt und Stadtplaner, der die katalanische Metropole mit revolutionären Visionen einer neuen Energie- und Mobilitätspolitik zukunftsfähig machen will.

Dieser Einsicht folgten in den letzten Jahren die Stadtplaner aller westeuropäischen Länder. Mit erfolgreicher City-Maut in skandinavischen Metropolen, mit radikalem Rückbau von innerstädtischen Autostraßen in Frankreich, Spanien oder der Schweiz. Die Exhibition Road im Zentrum Londons wurde als Shared Space gestaltet, bei dem sich Fußgänger, Radfahrer und Automobile friedlich denselben Straßenraum teilen. Als London dafür im Wettbewerb "European Urban Public Space" ausgezeichnet wurde, geschah das mit dem Unverständnis der spanischen Jurymitglieder. In ihren Städten ist dies längst schon eine Selbstverständlichkeit, dass in engen historischen Straßen und Gassen Gehsteig und Fahrbahn auf einer Ebene sind.

Aber man muss auch die Autokanäle selbst reduzieren. Die wichtigste Stadtausfahrt von Madrid in Richtung Portugal wurde auf eine Fahrspur zurückgebaut, die Haupterschließung des neuen Stadtteils Öresund in Kopenhagen überhaupt nur mit einer Fahrspur gestaltet, die sich der private Pkw mit dem öffentlichen Bus und den Wartezeiten vor seinen Haltestellen teilen muss.

Nirgendwo führte dies zum Kollaps der Mobilität, wie unsere autofixierten Verkehrsplaner dies immer noch behaupten. Denn der Rückbau der "Autokanäle" hat einen Effekt, der überall in Westeuropa vor Ort zu beobachten ist. Er "entspannt" die Stadt, weil dann eben nicht mehr die emotionale Notwendigkeit besteht, auf einer mehrspurigen Straße von Ampel zu Ampel auf 80 km/h zu beschleunigen, nur weil die Möglichkeit des Überholens räumlich gegeben ist. Er fördert den Respekt der Autofahrer vor anderen Verkehrsteilnehmern:

Es ist evident, und westeuropäische Städte zeigen dies, dass eine Reduktion und Verlangsamung des Autoverkehrs auch die anderen Verkehrsteilnehmer entspannt. Es senkt auch die Aggressivität der Radfahrer, und es muss nicht mehr, einzigartig in Wien (!), in den U-Bahn-Haltestellen gerannt und gerempelt werden, um den gerade einfahrenden Zug zu erreichen, als ob es lebensentscheidend wäre, fünf Minuten früher oder später am Zielort anzukommen.

Warum diese westeuropäische Entwicklung der Verkehrspolitik in deutschen und österreichischen Städten noch nicht vollzogen wird, hat meiner Einschätzung nach vor allem kulturelle Gründe. In Deutschland ist die Automobilindustrie ganz einfach ein Religionsersatz, und Österreich ist eben ein osteuropäisches Land mit einem vergleichbar unterentwickelten Verhältnis zum Automobil. So bekennt und zelebriert das Wiener Verkehrsverhalten seine Verwandtschaft mit den Verhältnissen in Belgrad, Kiew, Baku, Sofia oder Skopje: der Straßenraum als tagtäglicher Kampfplatz, auf dem der Stärkere gewinnt.

Diese osteuropäische Strategie wird in Wien immer noch von den zuständigen Magistratsabteilungen verfolgt. Der soeben aufwändig erfolgte Umbau des Gürtels beim neuen Hauptbahnhof zeigt dies exemplarisch. Eine fatale Fortschreibung des Status quo. Realisiert wurde eine völlige Missachtung eines künftigen urbanen Raums für Fußgänger, keine entsprechende Berücksichtigung von Fahrradstraßen, keine Idee einer entsprechenden Gestalt des öffentlichen Raums, eines möglichen großzügigen baumbestandenen Boulevards.

Eine Umkehr dieser zum Untergang der europäischen Stadt führenden Wiener Ideologie osteuropäischer Verkehrsplanung ist nur möglich, wenn die individuellen Vorteile einer Reduktion der automobilen Mobilität in der Stadt erkannt und kommuniziert werden. Dies spricht nicht gegen den individuellen Besitz von Automobilen, die für Überlandfahrten und allfällige Besorgungen verwendet werden, als zusätzlicher "Wohnraum", der bei Nichtgebrauch stadtschonend geparkt und verwahrt werden muss. Denn nur dann, wenn wir das "Auto" grundlegend umdenken, kann die europäische Stadt gerettet werden:

Das Auto muss als Bestandteil des privaten Wohnens gesehen werden, und seine Rolle im öffentlichen Raum ist allen anderen Mobilitätsformen nur bei radikaler Reduktion seiner Verwendung gleichberechtigt. (Dietmar Steiner, DER STANDARD, 25./26.10.2012)

Dietmar Steiner, Jg. 1951, ist Leiter des Architekturzentrums Wien.

Share if you care
Posting 1 bis 25 von 1236
man sollte sich einfach damit abfinden

das gute leute nicht in die politik gehn.
darum werden hier auch nicht kompetente stadtplaner als berater geholt sonder es wird IRGENDWAS gemacht, um wieder gewählt zu werden (weil man hat ja was vorangebracht).

endlich jemand vernünftiger

wer keine autos will soll aufs land ziehen.

alternativen in ruhiger lage aber guter verkehrsanbindung gibt es auch: nennt sich friedhof.

danke,

für diesen klugen Artikel :)

Natürlich führt der Rückbau des Autoverkehrs nirgends zum Kollaps der Mobilität...

...er verdrängt einfach Menschen in öffentliche Verkehrsmittel in denen sie oft für die gleiche Strecke dann zweimal so lange brauchen.

Und was den städtischen Stress angeht... von wegen "als ob es lebensentscheidend wäre, fünf Minuten früher oder später am Zielort anzukommen..."

Ich behaupte mal es soll Firmen/Chefs geben wo fünf Minuten zu spät ankommen bereits negativ wahrgenommen wird. Und es gibt U-Bahnlinien in Wien wo eben NICHT sicher ist ob der nächste Zug wirklich in fünf Minuten kommt.

Solange die Wirtschaft die Leute in enge Zeitkorsette zwingt, und die Öffis so gerne zufällige Verspätungen mehrmals die Woche produzieren, wird individuelle selbstplanbare Moblität ein Teil von Lebensqualität sein.

Kompletter Schwachsinn:

1. die Aussage über Öffis. Bist wohl noch nie mit einem gefahren.
2. +-5 min. Ja mim Auto ist eine Strecke durch Wien sicher auf die min genau planbar! Unsinn.
3. Selbstplanbare Mobilität: ist eben nicht selbst planbar, weil Autos ALLE anderen Teilnehmer verdrängen (willst echt von älteren Leuten fordern, dass sie sich mim Rad auf eine stärker befahrene Straße werfen?! - lebensgefährlich, die dürfen dann halt nimma am Verkehr teilnehmen oder wie?), dabei aber gleichzeitg ALLE, auch SICH SELBST, bis zur verblödung ausbremsen. Siehe Durchschnittsgeschw. in der Stadt.

Haha, danke für die witzige Einlage.
Als ob man mit dem Auto in der Stadt die Zeit besser planen könnte.

Ja kann man. Kleinräumig ausweichen ist immer einfacher als großräumig...

...und letzteres kann schon bald mal passieren wenn man zb. von einer ausgefallenen U-Bahn auf Bus und Bim umsteigen muss.

Mit dem Auto etwas abseits der wirklichen Hauptverkehrszeiten reichts oft eine Gasse weiter.

Artikel wie dieser gehören in eine Grüne Parteizeitung ...

... aber nicht in ein Blatt das sich durch die Presseförderung erhält.

Ich reiche ein l nach.

Konformismus bis zur Selbstaufgabe ist ihre Devise, was? Können sie eigentlich gleichzeitig gehen und Kaugummikauen? Oder ist die intelektuelle Anstrengung zu groß dafür?

Bitte den Rückbau der Brünnerstrasse in Floridsdorf auf eine Spur bald und zügig! Nachdem das G3 Shopping Center in Gerasdorf vor ein paar Tagen eröffnet hat, ist hier wieder ein PKW-Aufkommen mit kilometerlangem Stau wie vor dem Bau der Weinviertelautobahn. Die Wiener/innen fahren nämlich nicht über die Autobahn ins G3 (das war sicher ein Argument für den Standort...), sondern über die Brünnerstrasse.

Interessanter Artikel ... vor allem die vielen hoch engagierten Bürgerinitiativen (wie zB derzeit aktuell http://www.hirschstetten-retten.at in Bezug auf eine in Wien geplante Verbindungsstrecke) zeigen ja, dass es höchste Zeit für die Stadtplaner ist, umzudenken und umzustrukturieren.

"Rückbau" der Wiener Straßenanlagen sehe ich da persönlich als guten Plan für die Erhaltung unseres Lebensraumes ...

ein Hoch auf Herrn DI Steiner für diesen Artikel!

foromat, die 2.: weil hier soviel von "lebensqualitaet" gefaselt wird, gestatten sie mir einen exkurs in sachen "hypokrisie" (hinterfotzige verlogenheit) oder "meine ellenbogen gehoeren geschuetzter als alle andern"?...

...ich gehe einmal davon aus, die meisten der gruenen foehns (so wie in "heiße luft") haben ein handy, ebenso wie deren familie, freunde, etc.

wussten sie, dass um die "seltenen erden", die in diesen geraeten verwendung finden in afrika und sonstwo KRIEGE stattfinden, dass dabei taeglich kindersoldaten sterben, kinder dazu entfuehrt und unter drogen gesetzt werden? dass zu deren erzeugung abgruendigst ausgenutztes proletariat bis zum selbstmord front?

ja, das alles wissen sie, aber die LEBENSQUALITAET der betroffenen ist diesen heuchlern egal. moegen die doch krepieren.

aber die EIGNE lebensqualitaet, die ist EXKLUSIV. und geht UEBER ALLES. und wenn die anderer darunter leiden sollte: AUCH EGAL.

tja gruene herrenmenschen halt!

es wird nicht besser umso öfter sie es posten!

ja? und?...

...typisch gruen: fordern, johlen, strampfen.

aber hack'ln?

wie gesagt: gruene gewissens-sedierung durch pseudo-forderungen, NIE durch tatsaechliches handeln.

oeko-foehns, eben.

Mit so einem schlichten Weltbild lebt es sich einfach, gelt? Da weiß man wer der "Böse" ist und schon hat der Tag Struktur. Sogar für so simple Gemüter wie sie.

Du bist noch schlimmer...

Was hat das alles mit "die Stadt vom Auto befreien" zu tun?

Ihr Kreuzzug gegen Grüne ist unpassend.

Ein Problem gegen ein anderes auszuspielen ebenso.

zusatz, es ist nicht "kreuzzug gegen gruen"...

...es ist ein auflehnen gegen "gruene polemik in wien".

weil: wie's wirklich gehehn kann zeigt ja der gruene beurgermeister von frankreich.

aber der hat ja auch a ahnung von seinem g'schaeft. im gegensatz zur frau witze-buergermeister.

lesen sie nochmals: es geht darum, dass sich "gruen"...

...immer nur um die eigene "lebensqualitaet" schert, diese aufgrund ihrer durch nichts belegten oder nachvollziehbaren aber dennoch autodeklarierten "ueberlegenheit der besseren menschen" zum allgemein gueltig zu sein habenden postulat erklaert, und ihnen eigentlich die "lebensqualitaet" anderer dabei sch...egal ist.

hamses, herr ramses? oder brauchen s' a zeichnung?

bei den naechsten wahlen in wien gibt's watsch'n. vielleicht net so sehr fuer die gruenen foehns, aber sicher fuer'n haeupl, obwohl der fuer den unfug noch am wenigsten kann.

naja, er hat sich ja die supp'n einbrock't, ausloefflen wird's der/die nachfolger/in muessen.

Also die Leute in Ottakring ...

... in der Kurzparkzone sind immer noch froh drüber. Weiß nicht, sind denke ich nicht alles Grünwähler.

und die wollan alle, dass autofahren in wien verboten wird und radfahrer alle rechte bekommen?...

...net polemisch vermischen.

Lustig, ...

... dass Sie von Polemisieren reden und schon wieder behaupten, das irgendwer das Autofahren verbieten möchte.

Es geht um eine Reduktion auf ein vernünftiges Maß, so dass dann auch genug Platz für Fußgänger und Radfahrer zur Verfügung steht.

DAVON ist in dem artikel da oben...

...und in den uebrigen kommentaren hier aber ganz und gar nicht die rede.

Posting 1 bis 25 von 1236

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.