"Entschädigungsgesetze waren unzureichend"

Interview |
  • Heinz Düx, pensionierter Jurist in Unruhe, über seine Außenseiterposition im 
Auschwitz-Prozess: "Ich bin nicht auf der bürgerlichen Welle mitgeschwommen. Das 
hat meine Position geschwächt."
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    Heinz Düx, pensionierter Jurist in Unruhe, über seine Außenseiterposition im Auschwitz-Prozess: "Ich bin nicht auf der bürgerlichen Welle mitgeschwommen. Das hat meine Position geschwächt."

Heinz Düx, Untersuchungsrichter im ersten Frankfurter Auschwitz-Prozess, meint, die Opfer der Nazis hätten nur Almosen bekommen. Peter Mayr und Petra Stuiber sprachen mit ihm über Wiedergutmachung, Schuld und Jäger aller Art

STANDARD: Ihre große Leistung im Frankfurter Auschwitz-Prozess in den 1960er-Jahren war, dass Sie die Zeugen so detailliert befragten, dass die deutsche Öffentlichkeit erstmals das bestialische Regime in den KZs deutlich vor Augen bekam. Woher hatten Sie die Kenntnisse?

Düx: Die hatte ich, in abstrakter Form, schon zuvor. Ich habe als Kind die Judenverfolgung in Marburg erlebt. Ich kann mich entsinnen, dass ein jüdischer Student mit einem großen Schild um den Hals "Ich habe ein Christen-Mädchen geschändet" durch die Straßen getrieben wurde. Das hat mich als Zehn-, Zwölfjährigen schon stark beeinflusst. Die Details von den Massentötungen hatte ich zwar nicht, aber man wusste natürlich, dass die Nazis mit vermeintlichen Gegnern nicht human umgegangen waren. Das wusste jeder. Und die Leute, die behaupten, sie hätten das nie gewusst: Das halte ich für eine Lüge.

STANDARD: Der Dokumentarfilm "Der Einzelkämpfer", der gerade in Wien präsentiert wird, zeigt Ihren Kampf um den Prozess in Frankfurt, der Sie in Gegensatz zur Justizelite im Nachkriegsdeutschland gebracht hat. Sie waren damals ein Außenseiter, warum das?

Düx: Ich bin nicht auf der bürgerlichen Welle mitgeschwommen, die damals hochschwappte. Das hat meine Position geschwächt.

STANDARD: Was war die bürgerliche Welle?

Düx: Der Nationalsozialismus kam ja praktisch legal an die Macht - aufgrund des Ermächtigungsgesetzes, das die Bürgerlichen unterstützten. Die Kommunisten waren alle verhaftet, nur die SPD widersetzte sich dem. Als der Nationalsozialismus zusammenbrach, war die bürgerliche Welt zunächst kleinlaut. Nach einer Zeit fand dieser Zusammenschluss gegen die Linke wieder statt. Der Kalte Krieg ab 1948/49 hat das begünstigt.

STANDARD: Sind Sie nicht ungerecht? Kann man so pauschal sagen, das Bürgertum sei schuld an Hitlers Aufstieg?

Düx: Pauschal geht das natürlich nicht, es gab auch bürgerliche Kritiker des NS-Regimes. Zu meiner Großmutter kamen Damen aus der katholischen Diaspora zu Kaffeegesellschaften. 1934, nach dem sogenannten Röhm-Putsch, saßen die Damen weinend zusammen, besorgt darüber, dass auch Priester zu Schaden kommen könnten.

STANDARD: Es gab vor dem Auschwitz-Prozess fast 1000 Anzeigen, aber nur 17 Verurteilungen. Waren Sie mit dem Prozessausgang zufrieden?

Düx: Ich war einigermaßen zufrieden. Man hätte den Prozess noch intensiver gestalten können, gewiss. Aber die Widerstände waren doch beträchtlich.

STANDARD: Wie wurde der Prozess in der Bevölkerung aufgenommen? Es heißt, Polizisten hätten vor SS-Schergen im Gericht salutiert?

Düx: Das wird vorgekommen sein. Aus eigener Beobachtung kann ich das nicht bestätigen. Dass manche der Angeklagten von der Bevölkerung als ihresgleichen angesehen wurden, halte ich für zutreffend. Man muss sehen, die Auschwitz-Angeklagten setzten sich aus allen möglichen Berufsgruppen zusammen: vom Sparkassendirektor bis zum Arbeiter. Das war ein Sammelsurium des sogenannten gewöhnlichen Deutschen.

STANDARD: Sehen Sie diese "bürgerliche Justiz" heute noch? Gab es da einen Bruch?

Düx: Den Bruch gab es 1968. Die Studentenrevolte kann man als kleine Kulturrevolution betrachten. Das war ein partieller Befreiungsschlag. Die Strukturen sind zum Teil aber noch vorhanden - in abgemilderter Form.

STANDARD: Sie sagen in dem Dokumentarfilm, Deutschland habe wegen seiner NS-Vergangenheit bis heute keine Legitimation, in Menschenrechtsfragen zu sprechen. Halten Sie diesen Satz aufrecht?

Düx: Zumindest sollte man sich mit Rücksicht auf die Vergangenheit zurückhalten. Mit einem zeitlichen Abstand von 100 Jahren, wenn nichts Neues passiert, ist man wieder dazu legitimiert.

STANDARD: Sie sind furchtbar streng zu Deutschland - wie sehen Sie Österreich, das seine Aufarbeitung Jahrzehnte später begonnen hat, unter internationalem Druck?

Düx: Wenn ich die Wochenschauen von 1938 sehe, als der Anschluss vollzogen wurde: Viel nachgestanden hat die österreichische Bevölkerung der deutschen nicht.

STANDARD: Haben Sie während des Frankfurter Auschwitz-Prozesses auch nach Österreich geschaut, ob sie da irgendetwas tut?

Düx: Ich habe damals einen hiesigen Untersuchungsrichter kennengelernt, der auch einen Auschwitz-Prozess führte. Ich war ein paar Mal hier am Landesgericht für Strafsachen und habe mit ihm gesprochen. Was aus dem Prozess geworden ist, weiß ich aber nicht.

STANDARD: Die Aufarbeitungen von NS-Verbrechen in Österreich war eher lasch. Der als Kriegsverbrecher gesuchte Milivoj Asner lebte unbehelligt im Land, 2011 starb er in einem Klagenfurter Pflegeheim.

Düx: Ja, solche Fälle gibt es natürlich auch in Deutschland.

STANDARD: Oder der Fall Heinrich Gross, jener auch nach dem Krieg angesehene, von der SPÖ lange geschützte Mediziner, der wesentlich am NS-Euthanasieprogramm an Kindern in Wien beteiligt war. Der stand dann zwar vor Gericht, konnte aber wegen angeblicher Demenz nicht belangt werden.

Düx: Tatsächlich? Damit habe ich mich nicht beschäftigt. Ich war mit dem Euthanasieprogramm im Kinderheim Hartheim bei Salzburg befasst. Da ging es aber nur um einige Leute, die dort in der Verwaltung tätig waren. Der eigentliche Euthanasie-Arzt in Hartheim ist gestorben, bevor es zum Prozess kommen konnte. Von den Verwaltungsleuten haben drei oder vier noch ein paar Jahre Zuchthaus bekommen.

STANDARD: Ist die späte Restitution wenigstens geglückt, oder gibt es nach wie vor weiße Flecken?

Düx: Die gibt es, und das sehen Sie an Folgendem: Die Entschädigungsgesetze waren natürlich unzureichend, die meisten haben nur ein Almosen bekommen.Was sind 5000 D-Mark, gemessen an den Jahren, die einer in einem Lager verbracht hat?

STANDARD: In Österreich sprach man von Gesten ...

Düx: ... wie auch in Deutschland. Ein jüdischer Schriftgelehrter sagte einmal: "Sprich wenig und tue viel." Wir haben etwas getan, aber man hätte noch mehr tun können. Geredet wurde hingegen sehr viel.

STANDARD: Also doch zu wenig aus der Geschichte gelernt?

Düx: Ich habe die Hoffnung, dass sich so etwas nicht wiederholt. Aber die Gefahr ist vorhanden, und sie wird akut, je stärker die Finanzkrise ist. Das kann man fast kabarettistisch beantworten: Die Deutschen sind ein Volk von Jägern. Judenjäger, Kommunistenjäger, Schnäppchenjäger. (Peter Mayr/Petra Stuiber, DER STANDARD, 25./26.10.2012)


Heinz Düx (88) leitete als Untersuchungsrichter den ersten Frankfurter Auschwitz-Prozess 1961. Er hält sich auf Einladung der Meidlinger VHS-Direktorin Nicolette Wallmann und des Gerichtsvorstehers Oliver Scheiber zur Präsentation des Dokumentarfilms "Der Einzelkämpfer" in Wien auf.

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Wöchentlich grüßt das Murmeltier

Man darf keine Menschen töten, man darf keine Menschen deportieren, man darf kein Ghetto bauen, man darf kein Land besetzen, man darf kein Wasser stehlen, darf keine rechten Politiker in der Regierung haben...
Wir haben unsere Lektion gelernt.

Wir haben unsere Lektion gelernt

wann?

...

und überhaupt wer ist Wir?

da fragen Sie den 'vierten Lemming von links'

Prälat L. Kaas, Zentrumsvorsitzender

war der Steigbügelhalter zum Ermächtigungsgesetz. Der rechtskonservative Bürgerliche sah seine Feinde in der Sozialdemokratie und paktierte mit Hitler. Als es richtig Ernst wurde, verschwand er elegant im Vatikan.

Wann werden die Palistinänser ihr Land zurück erhalten ?

Nur bei der katholischen Kirche war man schnell

Die kriegt für angebliches NS-Unrecht jährlich 44 Mio. Euro - obwohl das seinerzeit (von den Nazis) mit dem Kirchenbeitrag abgegolten wurde. Eine detaillierte Darstellung findet sich in "Gottes Werk und unser Beitrag"
http://kirchenfinanzierung.at/

Man darf heute in Menschenrechtsfragen nicht sprechen, weil die Väter der Väter ...? Ich soll genetisch dazu veranlagt sein, Kommunisten oder Juden zu jagen? Die bürgerliche Welt soll in den 1950er kleinlaut gewesen sein? Hallo? Wieso gibt man einem solchen Ideologen, der offenbar nicht mehr alle beisammen hat, so ein Podium?

Ich habe mir das Interview jetzt nochmals durchgelesen. Ich denke, er hat schon in etwa den Tatsachen entsprechend gesprochen.
Die Deutschen, meine ich, sind eher rechthaberisch und wollen immer Erste sein. Aber Jäger???

eine dümmliche Reaktion auf

unangenehme Wahrheit, P. Paradox.
Zunächst: Lesen mit Verständnis hilft. Die Sache mit den Jägern war ausdrücklich kabarettistisch gemeint.

Und ja, hallo: die bürgerliche Welt war kleinlaut (und ist es wohl so geblieben). Es mussten Studenten kommen, die den Finger auf die offene Wunde legten. 1968 war ein Wendepunkt, dank dieser jungen Leute - und ja, Gewalt gab es, aber auf beiden Seiten. Zur Erinnerung: der Polizist, der den Student Ohnesorg bei einer Demonstration rücklings erschossen hat, ging frei.

Warum man diesem Mann so ein Podium gibt? Damit wir es immer wieder gesagt bekommen, was damals gelaufen ist und heute noch nachwirkt.

Der Polizist war wie man heute weis ein Kommunistischer Spion

Und dieses ewige Vorhalten der lange vergangenen Gräueltaten, die von den Grossvätern und -Müttern ev. begangen wurden, bewirkt das genaue Gegenteil.
Machen Sie das einmal in Ihrem Alltag und Sie werden die Bestätigung erhalten. Es entsteht nur Hass.Einsicht entsteht entweder gleich oder gar nicht.

Bei Ihren Ausführungen zu den Jägern und vor allem der bürgerlichen Welt stimme ich zu.

Wo ich allerdings voll und ganz bei P.Paradox bin ist die Aussage des Hrn. Düx bezüglich der Zurückhaltung in Sachen Menschenrechte. Einen 100jährigen Maulkorb wegen den Verbrechen EINER Genereation zu verhängen halte ich gelinde gesagt für eine Frechheit!
Ja er meinte auch etwas von zurückhalten, was nicht einem Verbot gleichkommt, aber allein die zugrundeliegende Botschaft sollte nicht von jemandem kommen, der diese furchtbare Zeit miterlebt hat, es sollte zur Bewältigung aufgerufen, nicht 100 Jahre der Mund gehalten werden!

zum 100jährigen Maulkorb

sollten wir unaufgeregt diskutieren.
Auch ich finde das eine harte Aussage und natürlich wird es dazu eine Vielzahl von Meinungen geben.
Eine Überlegung: Wir sprechen von etwa 3 Generationen. Die erste und unmittelbar beteiligte ist wohl kaum mehr am Leben. Die nächste - also die zweite, zu der auch ich gehöre - hat das Gedankengut der vorhergehenden Generation oft noch unkritisch übernommen. In jedem Fall gibt es unter uns 60jährigen noch "ehemalige" Strukturen.

Am meisten Sorge macht mir aber die Generation meiner Kinder, also die dritte. Sagen wir etwa ab Jahrgang 1970. Hier scheint jegliches Interesse zu fehlen, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen weil wir - ja, WIR, die zweite Generation - geschwiegen haben als wir sprechen sollten

das letzte was wir brauchen ist ein

Maulkorb, aber von dem hat Dück ja auch nicht gesprochen. Sondern von Zurückhaltung und von Legitimation in Menschenrechtsfragen zu sprechen, nach etwas 3 Generationen - was übrigens ja fast schon der Fall ist.
Diese heutige Generation muss sich intensiv mit Menschenrechtsfragen auseinandersetzen - wir haben es zuwenig getan - um international gehört zu werden.
Dabei geht es nicht nur um Juden. Noch bis vor einigen Jahren hatten es Deutsche in den Niederlanden und Frankreich sehr schwer, vorbehaltlos akzeptiert zu werden. Warum wohl?

"Gehört" zu werden muss erarbeitet werden. Ich wünschte, wir würden mehr tun dafür.

Das heißt im KLartext wir sollen die Klappe zu Nah Ost

Problemen halten. Ich finde die Aussagen nicht immer glücklich sondern oft dümmlich siehe Günther Grass aber einige Dinge muss man sagen. ZB den Flächeneinsatz der Clusterbomben im Südlibanon die einfach eine Sauerei ohne gleichen war.

Zum Iran kann man geteilter Meinung sein. Ich finde dass er nicht so harmlos ist, da er als Schutzmacht der Schiiten eine viel umfassendere Rolle spielt als die Sichtweise der Linken es wahrhaben will. Nur was will Israel dagegen tun. Zu bombardieren wäre eine dümmliche Agression die die Lage verschlimmert nicht reagieren geht aber auch nicht. Es ist ein typisches Totes Ende was immer sie machen werden es wird falsch sein.

Inwiefern ist er Ideologe?

Er ist Staatsanwalt und verfolgt als solcher Gesetzesbrecher und klagt sie an.

Er wischt halt nicht alles so vom Tisch wie sich die Mehrheit das wünscht. Er hat klar gesagt, dass aus seiner Sicht 100 Jahre vergehen müssen bevor man neuerlich moralische Legitimation erlangt.

Sehr differenziert der Herr:

"Die Deutschen sind ein Volk von Jägern. Judenjäger, Kommunistenjäger, Schnäppchenjäger. "

Sagt wohl alles...

man könnte ja jetzt auf gleicher Ebene entgegnen welches Volk die Juden sind (Israel,..), aber das darf man natürlich nicht.

tja, aber komischerweise zahlen wir immer noch unsummen an so viele opfer. überlebt haben ca. 200.000. zahlen tun wir aber heute noch an 500.000. ähm, wie ist das möglich?

2 500 € pro Mensch ist eine Unsumme?

Die Republik Österreich hat uns nach 50 Jahren des Vertröstens für meine verschleppten, enteigneten und grauenvoll ermordeten Großeltern 5 000 € zuerkannt. Unsumme?

Da haben ja die durch Union Carbide gekillten

Bhopal-Opfer mehr gekriegt...

Das ist dann möglich,

wenn Sie bedenken, daß die Zahl 6 Mio. Opfer von einem Herrn I. Ehrenberg in Moskau, lange vor der Befreiung des 1. Lagers in den Raum gestellt wurde und von den Alliierten ungeprüft übernommen. Stellen Sie dazu die vom JWC damals genannte Zahl von 12 Mio. Juden weltweit gesamt und überlegen Sie, in welchen Gebietedie Nazis Kontrolle oder Kollaborateure hatten, welche bei der Deportation und Ermordung mithalfen, dann tun sich noch ganz andere Fragen auf.- Ich bin sehr für diese Form der 'Wiedergutmachung' für ein Unrecht, welches eigentlich nicht wieder gut zu machen ist. Aber nicht ohne Maß. Wer, ausser den ehemaligen Nazi-Staaten D und A hat sich jemals bemüht, geschehenes Unrecht anzuerkennen und dafür eine Leistung zu erbringen?

Jüdische Weltbevölkerung

1939: 17 Mio
1945: 11 Mio

Zu Ihrer letzten Frage: für vergangene Verbrechen haben sich viele entschuldigt. Nur ein paar die mir prompt einfallen:
- die USA bei den Schwarzen
- Australien bei den Aborigines
- Frankreich bei Algerien
- Russland bei Polen für das Katyn-Massaker
- Allen voran der Vatikan mit den meisten Entschuldigungen http://en.wikipedia.org/wiki/List... hn_Paul_II

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