"80 Prozent der Israelis sind für Mitt Romney"

25. Oktober 2012, 05:30
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In Israel wird die Wahl des neuen US-Präsidenten genau verfolgt - Die Meinungen über den Amtsinhaber Obama sind gespalten, Herausforderer Romney profitiert davon, dass man dort kaum etwas über ihn weiß

US-Präsidenten mögen im Nahen Osten jetzt weniger Einfluss haben als früher, aber zumindest Israel und die Palästinenser stellen ihre politischen Uhren noch immer nach US-Wahlterminen.

Im Jänner 2009 etwa wurde, als eine Art Gefallen für den damals so populären neuen Präsidenten, der Gazakrieg genau zwei Tage vor der Amtseinführung Barack Obamas beendet. Heuer spekulierte man, Israel würde im Herbst den Iran angreifen, weil Obama im Wahlkampf wenig dagegen sagen könnte - oder Israel würde umgekehrt damit noch warten müssen, weil man vor US-Wahlen besser keine Probleme macht. Genauso halten es die Palästinenser, die aus Rücksicht auf Obama ihren neuerlichen UN-Vorstoß auf Ende November verschoben haben.

Für Jay Shultz, vor sechs Jahren aus New York nach Israel eingewandert, ist dabei völlig klar, wen die Israelis zum nächsten US-Präsidenten wählen würden: "80 Prozent sind für Mitt Romney, 20 Prozent für Obama." Nach seiner Wahrnehmung sieht so die Sympathieverteilung nicht nur unter den Ex-Amerikanern, sondern in der breiten Bevölkerung aus.

Shultz selbst, der im Auftrag des World Jewish Congress US-Einwanderer betreut, hat in der Vergangenheit auch für demokratische Kandidaten wie Bill Clinton und Al Gore gestimmt, doch bei Obama fühlt er sich "unbehaglich": "Obama ist nicht schlecht für Israel, aber ich glaube nicht, dass er so aktiv gut wäre wie eine Romney-Regierung."

Ungewohnt kühler Ton

Mit einem ungewohnt kühlen Ton und mit der überraschenden Forderung nach einem "totalen Siedlungsstopp" als Vorbedingung für Verhandlungen hatte Obama die Israelis gleich in den ersten Wochen seiner Amtszeit vergrault. Premier Benjamin Netanjahu wurde im Weißen Haus herablassend behandelt, und die Israelis ärgern sich darüber, dass Obama schon im Juni 2009 in einer Rede in Kairo die islamische Welt umschmeichelt habe, aber als Präsident nie in Israel gewesen ist. Stattdessen schickte er seinen Vize Joe Biden, und wegen eines Bauvorhabens in Ostjerusalem kam es prompt zum Eklat.

Seither hat sich das Verhältnis wieder entspannt - vielleicht deswegen, weil Obama bei der Uno gegen die Aufnahme eines Palästinenserstaats die Mauer machte, oder weil die Palästinenserfrage samt Siedlungsstopp nicht mehr so aktuell ist oder weil man gegenüber dem Iran kooperieren muss. Trotzdem - Netanjahus Werben für eine "rote Linie", also ein Ultimatum an den Iran, wurde auch in Israel von manchen als unverfrorener Versuch ausgelegt, über Obamas Kopf hinweg in die US-Politik einzugreifen. Und umgekehrt vertrauen die Israelis Obama nicht so recht, wenn er verspricht, alles zu tun, "um zu verhindern, dass der Iran Kernwaffen bekommt".

Von Romney erwartet man sich da mehr, auch wenn man ihn kaum kennt. "Die israelische Öffentlichkeit weiß von Romney nur, dass er nicht Obama ist" , schrieb die Jerusalem Post im Sommer vor dem Israel-Besuch des republikanischen Kandidaten, "und das ist für viele Grund genug, ihn zu mögen."

Offiziell hält man natürlich Äquidistanz. "Wer immer zum Präsidenten der USA gewählt wird, wir werden mit ihm zusammenarbeiten", sagte Likud-Minister Dan Meridor. "Es wäre nicht klug, den Eindruck zu erwecken, dass wir den einen oder den anderen bevorzugen." Nachman Schai von der oppositionellen Kadima-Partei ist da weniger verkrampft: "Netanjahu betet dreimal am Tag für einen Sieg Romneys", sagte er in einem Radiointerview, "aber ich gehe mit Obama - Romney verspricht vieles, doch Obama hat schon einiges gehalten." (Ben Segenreich, DER STANDARD, 25.10.2012)

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    In Israel hofft die Mehrheit der Bevölkerung laut Jay Shultz vom World Jewish Congress auf einen Sieg des Republikaners Romney.

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