14-Jähriger raubte Mutter in Wien aus

24. Oktober 2012, 17:41
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Urteil: Sechs Monate bedingt und Anti-Gewalt-Training

Wien - "Wer von euch soll wissen, ob ich einsichtig bin?", fragt Markus S. im Schlusswort das Wiener Schöffengericht unter Vorsitz der geduldig verhandelnden Martina Frank. Antwort bekommt er keine. Welche sollte es auch sein.

"Ich kann mich nicht mehr erinnern", ist die erste Antwort des 14-Jährigen auf den schwersten Tatvorwurf. Der schmächtige Teenager sitzt hier, da er seine Mutter beraubt hat. Eine Tasche mit 950 Euro war die Beute.

"Ich habe das Geld schon vorher in einer Tabakdose gesehen", sagt er schließlich. "Was haben Sie damit vorgehabt?", will Frank wissen. "Ich habe nix vorgehabt." "Warum haben Sie es dann weggenommen?" "Ich bin ausgezuckt und habe rotgesehen." Ob er Taschengeld bekommt? "Hin und wieder." "Wenn Sie zu wenig bekommen, ärgert Sie das?" "Ja."

Mutter zeigte Sohn an

Am 22. August hat es S. offensichtlich geärgert. Als ihm die Mutter die Tasche, in der sie das Geld verstaut hatte, nicht gegeben hat, verfolgte er sie durch die Wohnung in Wien-Simmering, im Stiegenhaus riss er ihr die Tasche mit Gewalt von der Schulter.

Die 47-Jährige zeigte ihren Sohn an. "Das tut ihr heute leid. Aber vielleicht wollte sie eine Art Erziehungshilfe", mutmaßt Verteidiger Hans Rainer Handl. Das allein kann es wohl nicht gewesen sein: Die Mutter erwirkte auch ein zweiwöchiges Betretungsverbot, nachdem der vorbestrafte Jugendliche aus der zehntägigen Untersuchungshaft entlassen wurde. Mittlerweile lebt er wieder in der elterlichen Wohnung. Im Prozess verweigert die Mutter die Aussage und belastet ihren Sohn auf diese Weise nicht.

Mit Sicherheit kann man sagen, dass die Kindheit von S. verheerend gewesen sein muss. Mit elf Jahren kam er zum ersten Mal in ein Krisenzentrum, wo Kinder untergebracht werden, wenn "der Schutz in der Familie nicht mehr gewährleistet ist", wie es amtlich heißt. Mit zwölf schluckt er eine Überdosis Medikamente, danach kommt er noch einige Male in das Krisenzentrum. "Er schluckt vieles hinunter, dann explodiert er", diagnostizieren dort Psychologen.

Anti-Aggressions-Training

Die Bewährungshelferin empfiehlt dem Gericht ein Anti-Aggressions-Training für den Schüler. Was das ist, weiß S. nicht. Die Richterin erklärt ihm, dass er dort lernt, seine Emotionen unter Kontrolle zu bringen. "Das kann ich nicht lernen", ist seine Replik. "Dann kann ich Ihnen sagen, dass Ihre weitere Zukunft immer wieder im Gefängnis sein wird. Aber Sie können es lernen, das Auszucken ist nicht in Ihnen drinnen."

Derzeit ist es drinnen. Er reagiert immer wieder bockig, während des Prozesses schnauzt er einen Reporter an, der über seinen Fall berichtet hat. Nach der Verhandlung wird er ihm auf dem Gang "Dich seh' ich sicher einmal auf der Straße" nachrufen.

"Er ist offenbar mit den gesellschaftlichen Werten überhaupt nicht vertraut", sagt Staatsanwalt Stephan Wehrberger in seinem Schlussplädoyer. "Was man dagegen machen kann, müssen die Psychologen klären", erklärt Verteidiger Handl.

Das Gericht urteilt weise: Bei einem Strafrahmen bis zu fünf Jahren erhält er - nicht rechtskräftig - sechs Monate bedingt und die Weisung, bis zu drei Jahre lang ein Anti-Aggressions-Training zu besuchen. "So haben Sie die Chance, auf den rechten Weg zurückzufinden", schließt Frank. (Michael Möseneder, DER STANDARD, 25./26.10.2012)

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