Briefwechsel bei derStandard.at: Onliner fordern Gleichbehandlung, Bronner versteht Unmut

25. Oktober 2012, 15:03
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Solidaritätserklärungen aus mehreren Redaktionen - Gewerkschaft unterstützt Forderungen der derStandard.at-Redakteure - Brief an STANDARD-Herausgeber und Antwort von Oscar Bronner im Wortlaut

Wien - Nach einem Brief der Mitarbeiter von derStandard.at gegen arbeitsrechtliche Missstände und Ungleichbehandlung signalisiert STANDARD-Herausgeber Oscar Bronner Gesprächsbereitschaft: "Ich bin Ihr Verbündeter im Bemühen um würdig entlohnten Qualitätsjournalismus, und ich möchte die Probleme in diesem Bereich gemeinsam mit Ihnen beheben", antwortete Bronner und verwies auf die Verhandlungen im Journalisten-KV: Es könne in niemandes Interesse sein, "dass ein Kollektivvertrag, der die Existenz der Printmedien gefährdet, in Zukunft auch Online gefährdet." Dass die Verhandlungen zwischen Verlegern und Gewerkschaft schon mehr als drei Jahre dauern, sei inakzeptabel: "Die offenen Punkte könnten bei gutem Willen in wenigen Tagen erledigt sein". (APA, DER STANDARD, 25.10.2012)

Brief der Online-RedakteurInnen von derStandard.at an STANDARD-Herausgeber Oscar Bronner im Wortlaut:

"Sehr geehrter Herr Bronner,

DER STANDARD und derStandard.at stehen im österreichischen Medienwettbewerb für Qualitätsjournalismus und transportieren dieses Image auch nach außen. Allein: Diesen Qualitätsanspruch vermissen wir im Umgang mit Ihren MitarbeiterInnen. Hier gibt es immer noch ein Zweiklassensystem. 

Auf der einen Seite stehen die KollegInnen der Print-Redaktion, die dem Journalisten-Kollektivvertrag unterliegen. Wir Journalistinnen und Journalisten der Online-Redaktion hingegen werden als 'RedakteurInnen' im IT-Kollektivvertrag oder gar als 'InternetbetreuerInnen' geführt. Als solche sind wir in jeder Hinsicht schlechter gestellt: finanziell, rechtlich und sozial. Es schadet der Moral, dass unsere Arbeit gering geschätzt wird.

Wir sind keine InternetbetreuerInnen. Wir sind JournalistInnen. Wir verlangen, als solche wertgeschätzt, bezeichnet, angestellt und vergütet zu werden. Unsere Vertragsverhältnisse entsprechen nicht unserer Arbeit.

derStandard.at hatte für viele Medienunternehmen eine Vorbildfunktion: Als erstes deutschsprachiges Medium gab es uns im Internet. Der Erfolg gibt uns recht. Dieser Vorreiterrolle heißt es nun auch in arbeitsrechtlichen Belangen gerecht zu werden.

Wir arbeiten jeden Tag einen Schritt an der Medienzukunft und der Zukunft unseres Unternehmens. Dabei sind Flexibilität, Kreativität und Einsatz gefragt. Wir sind zugleich LayouterInnen, FotografInnen, RedakteurInnen und GrafikerInnen. Wir berichten live, interaktiv, fundiert. Unsere Arbeit wird von unseren UserInnen und KollegInnen aus der Branche geschätzt. Wir gewinnen Preise und zeigen jeden Tag, dass qualitätsvoller Online-Journalismus möglich ist. Weder sind wir eine Redaktion niedrigerer Ordnung, noch ist es das Produkt unserer Arbeit.

Unsere Fähigkeiten werden aber nicht entsprechend entlohnt. Bei Anstellung verdient man für eine Vollzeitstelle bei derStandard.at 2200 Euro brutto. In den meisten Fällen werden dabei Vordienstzeiten als freier Dienstnehmer oder als Angestellter nicht berücksichtigt. Für Sonntagsarbeit gibt es keinen Zuschlag, Randdienste werden nur zwischen 23 Uhr und 7 Uhr gesondert vergütet. Das Gehalt wird nicht regelmäßig inflationsangepasst.

Selbst innerhalb der Redaktion gibt es noch ein Gefälle zwischen gleichwertigen KollegInnen. Besonders Teilzeitkräfte werden in die Scheinselbstständigkeit gedrängt und arbeiten als freie Dienstnehmer zu noch schlechteren Konditionen. In der Praxis agieren sie dennoch wie Angestellte, werden auch in die Dienstpläne eingetragen und müssen zu fixen Zeiten arbeiten. Sie bekommen vor Abzug von Steuern und Sozialversicherung ab 11,30 Euro in der Stunde. Freie Dienstnehmer sind es meist nicht freiwillig.

Wer wann und unter welchen Bedingungen angestellt wird, folgt keinem nachvollziehbaren Modell. Neue Mitarbeiter werden zum Teil angestellt, langjährige RedakteurInnen warten nach wie vor darauf. Willkür ist hier Tür und Tor geöffnet. Wir wollen transparente Regeln für Anstellungen. Außerdem sollte - wie in anderen Unternehmensteilen - die Anstellung von Teilzeitkräften in der Redaktion genauso erfolgen, wenn eine Anstellung der Realität des Dienstverhältnisses entspricht.

Wir werden in alledem seit zu vielen Jahren auf einen neuen Journalisten-Kollektivvertrag vertröstet, der alles besser machen soll. Deshalb hat sich für die einzelnen JournalistInnen auch in guten Geschäftsjahren wenig verbessert, während das Unternehmen gewachsen ist. Wir wollen nicht länger warten.

Vom Gebaren und der Argumentation des VÖZ als Unternehmer-Interessenvertretung bei den Verhandlungen des neuen KV fühlen wir uns vor den Kopf gestoßen. Die geschäftlichen Entscheidungen der Vergangenheit und die Vertragssituation unserer Print-KollegInnen dürfen unserer Gleichbehandlung nicht länger im Weg stehen. Sie sind nicht unser Versäumnis und sollten daher nicht unser Problem sein.

Enorme Lohngefälle zwischen KollegInnen - von Angestellten nach Journalisten-KV in der Print- bis zu freien DienstnehmerInnen in der Online-Redaktion - vergiften das Betriebsklima und verunmöglichen eine befruchtende Zusammenarbeit zwischen Print und Online. Insbesondere im Hinblick auf die kommende räumliche Zusammenführung der Redaktionen ist der Status quo der Ungleichbehandlung nicht aufrechtzuerhalten.

Mit diesem Brief protestieren wir in aller Deutlichkeit gegen diese Ungleichbehandlung. Wir wenden uns damit an Sie persönlich, weil wir Sie als Eigentümer aufgrund Ihres Lebenswerks als Verbündeten im Bemühen um würdig entlohnten Qualitätsjournalismus sehen, der Probleme in diesem Bereich mit uns beheben möchte.

Tag für Tag investieren wir unsere Ideen und unser Können in dieses erfolgreiche Medium, das uns am Herzen liegt. Wir entwickeln die journalistische und ökonomische Zukunft des Unternehmens. Es ist an der Zeit, dass sich nun auch unsere Situation verbessert. Wir wissen, dass jedes Jahr im Herbst Budgetverhandlungen in der STANDARD Medien AG stattfinden. Aus diesem Grund wenden wir uns gerade jetzt an Sie. Wir Online-RedakteurInnen verdienen bessere Arbeitsbedingungen und eine gerechte Entlohnung.

Bitte nehmen Sie unser Anliegen ernst. Setzen Sie sich dafür ein, dass rasche Verbesserungen - Anstellungen, Gehaltserhöhungen und allgemein ein Umgang auf Augenhöhe - auch unabhängig von Verhandlungen über den Kollektivvertrag umgesetzt werden. Sorgen Sie für die längst fällige Besserstellung der Online-RedakteurInnen Ihres Hauses in finanzieller, sozialer und rechtlicher Hinsicht!

Mit freundlichen Grüßen, Journalistinnen und Journalisten von derStandard.at"

 

Antwort von Oscar Bronner

"Liebe Kolleginnen und Kollegen,

Ihren Unmut kann ich verstehen. Selbstverständlich trete auch ich für faire Gehaltssysteme ein. Den Grundsatz vom gleichen Lohn für Gleiche Arbeit erfüllt aber keiner der Österreichischen Kollektivverträge, weil diese immer jüngere Mitarbeiter benachteiligen. Manche Kollektivverträge führen in einer Branche geradezu zu einer Umverteilung von unten nach oben. Dazu zählt leider der Tageszeitungs-KV. 

Auch ich trete dafür ein, dass die ungleiche kollektivvertragliche Situation zwischen Print und Online geändert wird. Daher habe ich es begrüßt, als die Verhandlungen für einen gemeinsamen Kollektivvertrag für alle Journalisten begannen, wobei eine Grundbedingung die Bereitschaft zum Verzicht auf unfinanzierbar gewordene Privilegien war. Es kann in niemandes Interesse sein, dass ein Kollektivvertrag, der die Existenz der Printmedien gefährdet in Zukunft auch Online gefährdet.

Ich empfinde es ebenfalls als unakzeptabel, dass diese Verhandlungen schon über drei Jahre dauern. Und dass die Gewerkschaft heuer bereits abgehakte Punkte wieder in Frage stellte. Es entstand der Eindruck, dass die Gewerkschaft als Vertreter der Besitzstandswahrer die Verhandlungen nur so lang wie möglich hinausziehen wollten. Auch auf Ihre Kosten.

Ich habe daher im VÖZ für eine Kündigung des Journalisten KV gestimmt, in der Hoffnung, dass wir auf diese Weise schneller zu einem Ergebnis kommen. Wolfgang Bergmann als Verhandlungsteilnehmer berichtet mir, dass der Vertrag weitgehend ausverhandelt ist, die offenen Punkte könnten bei gutem Willen in wenigen Tagen erledigt sein.

Sie haben recht: Ich bin Ihr Verbündeter im Bemühen um würdig entlohnten Qualitätsjournalismus, und ich möchte die Probleme in diesem Bereich gemeinsam mit Ihnen beheben. Ich muss dabei allerdings auch auf die Leistbarkeit achten. Auf Basis des Zeitungs-KV wäre ein Online-Startup gar nicht möglich gewesen.

Ich hoffe daher, dass Sie Ihre Anliegen nicht nur mir mitgeteilt, sondern in gleicher Weise Ihren Unmut über die Zwei- Klassen-Gesellschaft auch an den Präsidenten der Journalistengewerkschaft herangetragen haben.

Was die budgetären Möglichkeiten ohne den Abschluss eines neuen KV betrifft, hat Wolfgang Bergmann als Personalvorstand schon anlässlich des Abbruches der Verhandlungen bei einer Infoveranstaltung in der Online-Redaktion angekündigt, dass hier im Budget vorsorgen getroffen werden. Dazu gibt es auch schon konkrete Gespräche mit Geschäftsführung und Betriebsrat. Auch möchte ich in Erinnerung rufen, dass heuer zehn zusätzliche Anstellungen in der Online-Redaktion erfolgt sind. Ich glaube nicht, dass ein anderes Medium hier vergleichbare Zahlen aufweisen kann.

In der Hoffnung auf eine weitere gute Zusammenarbeit und
mit besten Grüßen

Oscar Bronner

PS: Gerne stehe ich, wenn Sie dies wünschen, zu einer internen Diskussionsveranstaltung zur Verfügung.

 

Gewerkschaft untersützt Forderungen der derStandard.at-Redakteure

Die Journalistengewerkschaft unterstütze "vollinhaltlich die Forderungen von Standard Online nach Gleichbehandlung mit der Print-Redaktion". Franz C. Bauer, Vorsitzender der Journalistengewerkschaft in der GPA-djp: "Bei der Kollektivvertragsreform im Jahr 1999 wurde auf Gehaltsteile verzichtet, damit die Online-Redaktionen in den Kollektivvertrag genommen werden. Die Unternehmer haben sich jedoch nicht daran gehalten und die Beschäftigten der Online-Redaktionen durch fragwürdige Konstruktionen um die ihnen zustehenden Verträge gebracht".

"Das Geschrei der Unternehmer wegen angeblich zu hoher Löhne ist ein scheinheiliger Versuch, von dieser Vorgangsweise abzulenken, an der die Kolleginnen und Kollegen bis heute leiden, und überdies der Versuch, die jüngeren gegen die älteren Kolleginnen und Kollegen aufzuhetzen und den Abschluss eines fairen Kollektivvertrages zu torpedieren", sagt er.

Solidaritätserklärungen von "Wiener Zeitung"

Update: Wiener Zeitung-"Freie Dienstnehmer" erklären sich solidarisch mit derStandard.at: "Auch in der ältesten noch erscheinenden Tageszeitung der Welt, der "Wiener Zeitung", sie sich im 100-prozentigen Eigentum der Republik Österreich befindet, wird gleichwertige Arbeit ungleich behandelt. Hier gibt es vor allem eine Ungleichbehandlung zwischen "Angestellten" und nicht angestellten Mitarbeitern, die die gleiche Arbeit machen, denen aber die gleichen Rechte verwehrt werden.

Eine Demokratie braucht Qualitätsmedien, eine moderne Demokratie braucht Online- und Print-Journalisten, die von ihrer Arbeit auch leben können und ausreichend bezahlt werden, um unabhängig berichten zu können. Wir erklären uns daher solidarisch mit den Online-Journalisten des derStandard.at."

... und DiePresse.com

Auch Kollegen von DiePresse.com erklären sich solidarisch: "Liebe Kollegen, Der Brief der Kollegen von derStandard.at wurde in der Redaktion von DiePresse.com mit großem Interesse aufgenommen. Auch in der seit 1848 erscheinenden Tageszeitung "Die Presse", die im Besitz der Styria steht, gibt es eine Mehrklassengesellschaft mit verschiedenen Kollektivverträgen, was nicht dem Grundsatz "gleiche Rechte für gleiche Arbeit" entspricht.

Eine Demokratie braucht Qualitätsmedien, eine moderne Demokratie braucht Online- und Print-Journalisten, die von ihrer Arbeit auch leben können und ausreichend bezahlt werden, um unabhängig berichten zu können. Wir unterstützen daher den Brief der den Online-Journalisten von derStandard.at vollinhaltlich. Grüße aus der Hainburger Straße".

Auch "Mediengruppe Online" erklärt sich solidarisch

"Liebe Redakteure von derStandard.at: Auch die Mediengruppe Online erklärt sich vollinhaltlich solidarisch mit den Kollegen bei derStandard.at: In allen Online-Redaktionen Österreichs werden falsche Kollektivverträge angewendet, der VÖZ reagiert auf Hinweise darauf mit durchschaubaren Halbwahrheiten wie Oscar Bronner, das lassen wir uns nicht mehr bieten, denn es muss den Grundsatz in der Medienlandschaft geben: Gleiche Rechte für gleiche Arbeit!"

Unterstützung von Kurier.at

Aus der Redaktion von Kurier.at kommen ebenfalls Unterstützungserklärungen: "Der Betriebsrat der Onlineausgabe einer der größten österreichischen Tageszeitungen erklärt sich mit den Kollegen von Standard.at solidarisch - die Probleme sind fast ident, gleiche Arbeit muss gleich bezahlt werden, die Zweiklassengesellschaft in den Redaktionen in Österreich aufhören."

Solidaritätserklärung der Freien MitarbeiterInnen des ORF

"Liebe der/die/daStandard.at-KollegInnen,

Euer Brief an Standard-Herausgeber Oscar Bronner, sowie die Solidaritätserklärungen von presse.com, kurier.at, der *mediengruppe*online* und der Wiener Zeitung, führen deutlich vor Augen, dass arbeitsrechtlich äußerst fragwürdige Dienstverhältnisse und Unterbezahlung Teil des österreichischen Mediensystems sind und selbst so genannte Qualitätsmedien nicht davor zurück schrecken, JournalistInnen prekär zu beschäftigen.

Angesichts der von Euch geschilderten Beschäftigungsbedingungen ist es nur verständlich, dass Ihr "bessere Arbeitsbedingungen und gerechtere Entlohnung" fordert.

Wir, die Freien MitarbeiterInnen des ORF, sind der Meinung, dass eine Demokratie Print-, Online-, Rundfunk- und Agentur-JournalistInnen braucht, die gerecht entlohnt und arbeitsrechtlich korrekt beschäftigt werden. Solidarität!

Die Freien MitarbeiterInnen des ORF" 

Solidaritätserklärung der Kleinen Zeitung Digital

"Liebe KollegInnen von derStandard.at!

wir als Digital-Redaktion der Kleinen Zeitung erklären uns vollinhaltlich solidarisch mit allen genannten Punkten in dem offenen Brief an Herausgeber Oscar Bronner. 

Auch bei uns gibt es eine Mehrklassengesellschaft mit verschiedenen Kollektivverträgen und zahlreichen freien Mitarbeitern, die die gleiche Arbeit wie ihre Kollegen leisten und unverzichtbare Mitglieder der Redaktion sind.
Eine moderne Demokratie braucht fair bezahlten Journalismus - im Internet genauso wie im Printbereich.
Daher fordern auch wir: Gleiche Rechte für gleiche Arbeit.

Liebe Grüße nach Wien,

Die Redaktion der Kleinen Zeitung DIGITAL"

(red, derStandard.at, 24./25.10.2012)

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