Vermasselte Chancen

Melissa Leo in dem rau-surrealen US-Drama "Francine"

Im Rahmen der Schau Real America, einer Erkundung realistischer Strategien im neueren US-Kino vor wenigen Monaten, war die Schauspielerin Melissa Leo in Frozen River zu sehen, dem Drama zweier Frauen, die an den Rändern der Gesellschaft zurechtkommen müssen. Die Rolle der Titelfigur in Francine von Brian M. Cassidy und Melanie Shatzky könnte man durchaus als eine Fortschreibung dieses Interesses an Außenseiterinnen verstehen.

Hier beginnt die Geschichte mit einer Entlassung aus einem Gefängnis. Für Francine erweist es sich bald, wie schwer es ist, ein Leben in den Griff zu bekommen, wenn man dafür möglicherweise nicht begabt ist und wenn die Haft dann auch noch die Perspektiven verengt hat. Dabei spielt dieser Film in einer sanften Landschaft, in der ein einfaches Leben möglich scheint.

Doch Francine vermasselt so ziemlich alles, was sich für sie an Chancen ergibt, was konkret nicht viel mehr bedeutet als schlecht bezahlte Jobs. Die fremde und seltsame Welt der Provinz kippt bei Cassidy und Shatzky, deren Herkunft aus dokumentarischen Arbeiten man durchaus erkennen kann, gerade in dem Maß manchmal ins Surreale, das noch durch das Gefühl von Nichtzugehörigkeit erklärbar wird, das die Protagonistin vermittelt.

So wirkt es durchaus nicht forciert, dass sie einmal unter Leute gerät, die einer wilden Band bei einem Parkplatzkonzert zuhören, und es hat auch eine gewisse Plausibiliät als typisch US-Crossover, wenn fromme Menschen sie zum Rollschuhfahren einladen. Francine macht manches mit, fällt aber zunehmend aus der Welt und umgibt sich mit Tieren, denen sie keine sorgsame "Mutter" sein kann.

Melissa Leo schafft das Kunststück, eine Frau zu spielen, die dem Leben nicht gewachsen ist, und spielt diese Rolle so, dass von dem Überschuss an Bewusstsein, den sie da zum Verschwinden bringen muss, tatsächlich nichts mehr auch nur zu ahnen ist. Wodurch Francine zu einem interessanten Beispiel diskret konstruierter Unmittelbarkeit und unerschließbarer Subjektivität wird. (Bert Rebhandl, Spezial, DER STANDARD, 25./26.10.2012)

26.10., Urania, 21.00

27.10., Stadtkino, 15.30

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