Zum Fürchten schöne Trivialkunst

24. Oktober 2012, 20:35
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Unter dem Motto "They Wanted to See Something Different" präsentiert der deutsche Filmemacher Jörg Buttgereit einen subjektiven Streifzug durch die Geschichte von Horror-, Splatter-, Monsterfilm und Co.

Vor genau 50 Jahren wurde der Schrecken real: Im Zuge der Kubakrise stand die Welt an einem atomaren Abgrund. Einige Teenager in Florida (also ziemlich nahe dran am Weltgeschehen) bewegte allerdings die Frage viel mehr, was der Produzent Lawrence Woolsey, ein Garant für aufregende Horrorfilme, als Nächstes für sie bereithielte. Sie maßen die Zeit in den Tagen bis zur Premiere seines neuen Films in ihrer Heimatstadt.

So jedenfalls erzählte es Joe Dante 1993 in Matinee, gleichermaßen ein Tribut an die Schrecken der Kindheit auf der Leinwand wie an den realen Schrecken - schließlich inspirierte die Furcht vor der Atombombe all jene Filme, in denen sich durch radioaktive Strahlung Menschen und Tiere in gigantische Monster verwandelten.

Matinee (der eine Wiederentdeckung wert wäre) steht leider nicht auf dem Programm der diesjährigen Viennale, dafür aber gibt es ein Special, das zeigt, wie sich das Gruseln im Lauf der Jahrzehnte gewandelt hat. Jörg Buttgereit, Berliner Filme-, Theater- und Hörspielmacher, Buchautor, Mitarbeiter und Kolumnist mehrerer Filmzeitschriften in Deutschland und Österreich, hat 14 Programme zusammengestellt, die ein halbes Jahrhundert Filmgeschichte Revue passieren lassen und dabei die Bandbreite zwischen Ernsthaftem und Trivialem ausloten, die wohl auch prägende Kindheitserlebnisse im Kino, vor dem Fernseher oder auf Video waren.

Was man an den Filmen ablesen kann, ist die Veränderung des Schreckens, weg von der Andeutung hin zum Zeigen, in den Achtzigerjahren mittels mechanischer Effekte, heute digital, wo alles möglich und deshalb nichts wirklich real ist. Aber es war schon immer die Imagination des Zuschauers, an die der fantastische Film appellierte. In The Thing (1954) bekommt man den Besucher aus dem Weltall, der die Besatzung einer Forschungsstation in der Antarktis dezimiert, erst spät in seiner vollen Größe zu sehen. John Carpenter verwendet in seinem Remake (1983) hingegen große Anstrengung darauf, die Formwandlungen der außerirdischen Lebensform ins Bild zu setzen, etwa wenn aus einem abgetrennten Menschenkopf Spinnenbeine wachsen. Bei Fans der Erstverfilmung produzierte das seinerzeit eher das Gefühl des Overkill.

Den hatte Ridley Scott vermieden, als er einige Jahre zuvor bei Alien die berühmt-berüchigte Chestburster-Sequenz, in der das Monster sich durch den Brustkorb von John Hurt seinen Weg ins Freie bahnt, mit klassischem Suspense umgab: Die Besatzung des Raumschiffes spürt die Anwesenheit des Anderen, bekommt das Monster aber kaum einmal zu sehen. Als Alien vor einigen Jahren noch einmal in die Kinos kam (als Promotion für eine DVD Special Edition), konnte man im Publikum die Unruhe spüren angesichts des doch eher gemächlichen Tempos zu Beginn und in Erwartung jener Sequenz, von der wohl jeder schon gehört hatte.

Schneller (und bunter) hatte ein italienischer Film 15 Jahre vor Alien eine sehr ähnliche Geschichte erzählt; auch diejenigen, die nur das Alien-Prequel Prometheus kennen, dürften bei Terrore nello spazio (Planet der Vampire) Déjà-vu-Gefühle bekommen. Umgekehrt darf John Boormans Deliverance als Inspirationsquelle für das ganze Genre des backwoods slasher dienen, in dem Großstädter debilen Hinterwäldlern zum Opfer fallen.

Schönste Trivialkunst schließlich ist angesagt bei den beiden japanischen Filmen des Programms - unverzichtbar, schließlich ist Buttgereit ein bekennender Fan der japanischen Monsterfilme und ihres Bastelcharakters, hat Bücher und eine TV-Dokumentation dazu verfasst und sich mehrfach als Audiokommentator betätigt. So kommen Viennale-Besucher in den Genuss von Matango, in dem Inoshiro Honda - neun Jahre nach seinem bahnbrechenden Godzilla - eine Gruppe von Ausflüglern mit Mutationen in Gestalt von Pilzmenschen konfrontiert. Ein konkurrierendes Studio kreierte 1967 Guila - Frankensteins Teufelsei, in dem die Erde von einem auf 60 Meter Größe angewachsenen Huhn aus dem Weltall bedroht wird.

Getarnter Schrecken

1978 bemühte sich der deutsche Verleih noch, das Andere als Spiegel menschlicher Unzulänglichkeiten vom Zuschauer fernzuhalten, und machte aus der radioaktiv verseuchten Hinterwäldlerfamilie, die die bürgerliche Mittelstandsfamilie in The Hills Have Eyes attackiert, mittels Synchronisation Aliens. Der zur selben Zeit entstandene italienische Cannibal Holocaust versah seine Spielfilmhandlung mit einem dokumentarischen Anstrich und nahm damit die zwei Jahrzehnte später entstandenen Found-Footage-Filme im Gefolge von The Blair Witch Project vorweg - hier allerdings vorrangig, um unter dem Deckmantel dokumentarischen Materials ausgesuchte Scheußlichkeiten präsentieren zu können.

Eine eher unfreiwillige Reflexion über die Macht der Bilder, die mit den Scream-Filmen (seit 1996) abgelöst wurde von einem Vexierspiel, wenn die Figuren auf der Leinwand sich mit Kenntnissen der Gesetze des Slasher-Films brüsten (aber nicht wirklich gegen den Serial Killer gefeit sind, der längst unter ihnen ist). Die Zeiten haben sich geändert, die Möglichkeit des Zurückspulens, die sich ab den Achtzigern mit Video bot, hat die Wahrnehmung verändert, den Schrecken entzaubert.

Mittlerweile ist Carpenters The Thing nicht länger indiziert, sondern sogar ab 16 Jahren freigegeben. Selbst Tobe Hoopers The Texas Chainsaw Massacre wurde nach langem Rechtsstreit vom Index gestrichen und steht als aufwändige Blu-ray/DVD-Kombi-Box mittlerweile in den Mediamärkten. Das hätte man sich nicht träumen lassen, als man diesen Film das erste Mal als Videokopie der x-ten Generation und meist dubiosen Ursprungs sah, damals in den frühen Achtzigern, als man den "Splatterfilm" gerade erst entdeckte. Hoffen wir, dass diese Filme - kollektiv auf der großen Leinwand gesehen - noch einmal all ihre Kraft entfalten können. (Frank Arnold, Spezial, DER STANDARD, 25./26.10.2012)

Filmschau ab 28. 10.; DVD-Abend "Terror, Chips und Bier" mit Jörg Buttgereit am 1. 11., Zentrale, 19.30

  • Blaupause fürs "backwoods slasher"- Genre: John Boormans Männeralbtraum "Deliverance" (1972) mit Burt Reynolds (v. re.), Bill McKinney, Ronny Cox 
(hinten) und Jon Voight. 
    foto: viennale

    Blaupause fürs "backwoods slasher"- Genre: John Boormans Männeralbtraum "Deliverance" (1972) mit Burt Reynolds (v. re.), Bill McKinney, Ronny Cox (hinten) und Jon Voight. 

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