Drei Jahre unbedingt für Aktienjongleur Kerviel

Sigrid Schamall
24. Oktober 2012, 13:37

Jérôme Kerviel, Ex-Banker der Société Générale, hat hoch gepokert und verloren: Das Berufungsgericht bestätigte das Urteil erster Instanz

Das Berufungsgericht ist dabei geblieben: Jérôme Kerviel muss wegen Veruntreuung, Fälschung und betrügerischer Manipulation für fünf Jahre in Haft, drei davon unbedingt. Zudem muss er 4,9 Milliarden Euro an seine ehemalige Arbeitgeberin, die Société Générale, zurückzahlen. Der Anwalt Kerviels kündigte an, das Urteil möglicherweise vor dem Kassationsgerichtshof anfechten zu wollen. David Koubbi sprach außerdem von einer "absolut bedauerlichen Ungerechtigkeit", wie mehrere französische Medien berichten. Die Anwältin der Bank zeigte sich kämpferisch: Man werde nicht auf Schadenersatzforderungen verzichten und die finanzielle Situation Kerviels - gegebenfalls auch mittels Anwälten - genau prüfen.

Zur Vorgeschichte:

Für den Verlust von 4,9 Milliarden Euro aus - angeblich nicht genehmigten Spekulationsgeschäften bei der Société Générale - verdonnerte ein Pariser Gericht Kerviel im Jahr 2008 in erster Instanz zu drei Jahren unbedingter und zwei Jahren bedingter Haft. Kerviel sollte für sein Verbrechen zahlen - nicht nur mit einer Gefängnisstrafe, den Schaden sollte er auf Euro und Cent zurückerstatten. Ein Erfolg für Frankreichs zweitgrößte börsennotierte Bank, nannte der damalige Vorstandsvorsitzende und Verwaltungsratschef, Daniel Bouton, Kerviel doch einen "Terroristen".

In der Tat hatte der damals 31-Jährige mit 50 Milliarden Euro jongliert. Eine Summe, die den Wert des Bankhauses bei Weitem übertraf. Der Handelsverlust war somit einer der größten in der Geschichte. Er löschte auf einen Schlag fast den gesamten Vorsteuergewinn aus zwei Jahren der Investmentbanking-Sparte der Société Générale aus. Nicht einmal der schillernde Star-Anwalt Olivier Metzner, zu dessen erlauchtem Klienten-Kreis auch die Tochter der L'Oréal-Erbin Liliane Bettencourt zählt, konnte Kerviel diese Strafe ersparen. Er kündigte Berufung an - und kündigte wenig später selbst.

Strategie der Verschwörungskampagne

Kerviel ging in Berufung und pokerte damit hoch. Denn es ist kein Geheimnis, dass in einem Berufungsverfahren die Strafe häufig noch verschärft wird. So forderte die Staatsanwaltschaft bereits im Vorfeld das Höchstmaß von fünf Jahren Haft. Kerviels Gegengift: Er änderte seine Strategie. Hatte er sich im ersten Prozess noch damit verteidigt, dass er bei seinen hochriskanten Geldgeschäften mit Wissen seiner Vorgesetzten gehandelt habe, wollte er mit seinem neuen Anwalt Koubbi beweisen, dass er Opfer einer Verschwörungskampagne geworden war.

Demnach sollte Kerviel freien Handlungsspielraum gehabt haben, um von den desaströsen Subprime-Geschäften der Bank abzulenken. Außerdem wollte er mit zwei Zeugen, ehemalige Angestellte von Fimat, einer Tochterfirma der Société Générale, beweisen, dass diese um Kerviels hohe Spekulationen gewusst hätten. Laut Koubbi wäre das ein Indiz mehr dafür gewesen, dass Kerviel kein Betrüger, sondern das Bauernopfer des Systems gewesen sein musste. Die ganze Affäre sei eine "Maskerade und eine intellektuelle Gaunerei", wurde der Anwalt von der französischen Tageszeitung "Libération" zitiert. Er forderte einen Freispruch für seinen Mandanten.

"Absurd", "grotesk", "eine gigantische Anschuldigung und Lüge", konterte die Bank laut "Le nouvel Observateur", als Koubbi im Sommer Anzeige erstattete. Eines macht jedoch stutzig: 1,7 Milliarden erhielt die Bank für ihren Verlust durch Steuererleichterungen wieder zurück, obwohl die französische Bankenkommission offiziell gravierende Versäumnisse bei der Kontrolle ihrer Händler festgestellt hatte. Darüberhinaus wurde dieses Steuerzuckerl im ersten Prozess nie thematisiert und erst nach der Verurteilung Kerviels publik. Bankenchef Bouton musste gehen, die Société Générale vier Millionen Euro Strafe zahlen. Die Bank kann damit vielleicht ein unschönes Kapitel abschließen. Juristisch bleiben viele Fragen offen. (Sigrid Schamall, derStandard.at, 24.10.2012)

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Wow, tolle Bank ...

wo ein Angestellter so ohne weiteres gleich ein paar Milliarden verzocken kann.
Oder wo es eh nicht geht, die Bank aber die gesamte Verantwortung dennoch auf eine Person abwälzt.
Das schafft Vertrauen!

den verlust wird vom esm übernommen.

im schach nennt man sowas bauernopfer.

Fehlurteil,

denn der Beteurung des Angeklagten, daß die Bank jahrelang sein Treiben gebilligt hat, solange er Gewinne erwirtschaftete, ist glaubhaft. So eine Riesenspekulation kann man nicht aus dem nichts heraus machen. Hierzu ist eine längere Vorentwicklung notwendig.

Das passiert mit Menschen

Die keinen Freundeskreis haben die im richtigen Alter sind

Und was ist mit der Sorgfaltspflicht der Societe Generale haben diese die Vorgesetzen von Kerviel nicht verletzt und hat die SG und die Banken im generellen ihre Mitarbeiter nicht geradezu zu solchen Handlungen ermuntert

ESM

Also ich rate dem Jerome Kerviel sich die billigste Insel in der EU zu kaufen, dort seinen eigenen Staat auszurufen und die 4,9 Milliarden Schulden dann vor den ESM zu tragen. Ich wette die Merkel, Hollande und unser Fayhgmann wären die ersten die sich in ihrem Land für den Jerome stark machen würden und wir alle dürften das auch bezahlen.
:)

Und alle die ihm Geld gegeben haben, alle die ihn gelobt haben für sein Engagement, alle die ihn hätten überwachen und leiten sollen, gehen alle frei aus.

Dieses Urteil ist fast so dumm wie das in Italien, wo man Erdbebenforscher verurteilt hat, weil sie nicht ausreichend vor einem Erdbeben gewarnt haben.

Irgendwie knallen in dieser Vollkaskogesellschaft nur noch die Sicherungen durch? Egal was passiert, es muß immer jemand schuld sein und ins Gefängnis gehen. Selbst bei einem Erdbeben muß es Verurteilte geben.

Das ist krank. Durch und durch krank.

Das ist schon krank, da haben Sie recht. Aber ich denke, das beweist auch, wie die Chefs und Manager in dieser Branche zusammenhalten und sich gegenseitig schützen, zum Schaden der ganzen Bevölkerung und einzelner Sündenböcke. Zuerst wird er der Gute, Tolle gewesen sein, und dann haben sich alle distanziert und mit Fingen auf ihn gezeigt. Obwohl er KEIN Chef war. Und die Justiz müsste da eigentlich auch gekauft sein.

Im Bankwesen gibt es ein aller höchstes Gesetz: die Bank darf nie schuld sein. Werden Konten geplündert, werden Bankomaten ausgeräumt, oder wie hier Gelder verspekuliert muß immer klar zum Ausdruck kommen, das andere die Bösen sind und NIEMALS die Bank schuld sein darf, denn die Bank verwaltet ein Gut, bei dem die Bürger beim leisesten Verdacht das Ihr höchstes Gut, ihr hart verdientes Geld, gefährdet ist, sehr sensibel reagieren.

Und damit kommt es auch zu derartig widerlichen Schauprozessen, nur um einen Schuldigen vorführen zu können und ja nicht die Diskussion über die Verantwortung der Bank gegenüber ihren angestellten Zockern zu diskutieren.

die justiz sollte "drüberstehen", solche erwägungen nicht beachten. die nicht-bestrafung von kerviels vorgesetzten (incl. ceo) ist eindeutig ein fehlurteil/ bestelltes urteil.

Zu dem Thema hab ich grad folgendes angehört. Hör Dir die letzten paar Minuten an, was hier Bernd Senf erzählt über Banken und wie Banken mit dem Ihnen anvertrauten Geld Geschäfte machen und aber die erwirtschafteten Zinsen einfach behalten und welche Strafe für die selben Sache ein Rechtsanwalt bekommen würde.

Das heißt, nicht die Justiz hat ein bestelltes Urteil gefällt, sondern die Gesellschaft ist nicht in der Lage, bei Banken die selben Regeln aufzustellen wie sie für Rechtsanwälte gelten.

https://www.youtube.com/watch?v=wfJitmHmPU0

Der eigentliche Skandal ist m.E. weniger die Summe, die er verloren hat, als daß das technisch überhaupt möglich war und man es nicht schon im Ansatz entdeckt und sofort abgestellt hat. Jedes noch so kleine Handelshaus hat rigide, oft schon an Paranoia grenzende, interne Limits und Kontroll-/Überwachungsprozeduren, die sicherstellen sollen, daß es zu keinen exzessiven Verlusten durch einzelne Trader, Positionen etc. oder durch nicht zulässige Zugriffe durch Mitarbeiter kommen kann. Und ausgerechnet ein äußerst erfahrener Riese wie SocGen soll sowas nicht gehabt haben?! Entweder ist der gesamte Tradingberieich bei denen katastrophal inkompetent, oder die haben bewußt für ihn die Schutzmechanismen ausgehebelt und ihn einfach machen lassen.

Also

so wie ich es in seinem Buch gelesen habe, war es üblich die Trads in einem Testbereich abzuwickeln und fiktive counterparts einzugeben. Erst wenn der Trade durch war, wurde der EDV Deal ins Echtsystem rübergezogen. Kann aber auch sein, dass es entweder nicht stimmt oder ich es nicht ganz oder falsch verstanden haben.

eher opfer einer verschwoerung...

...als Opfer einer Verschwörungstheorie, oder

Und wenn man selbst weder Meinung noch Argumente hat, dann bezichtigt man sein Gegenüber halt der Verschwörung oder der Verschwörungstheorie und ist automatisch auf der Seite der Guten?

Liebe Red,

Man kann das Opfer einer Verschwörung sein,
jedoch kaum "Opfer einer Verschwörungstheorie".

die sollen dem armen typen einfach nochmals um 50 Milliarden zocken lassen, bei unseren banken ist das auch usus und von steuerzahlern gelöhnt, viel spass beim zocken und spielsuchtbefriedigung

Die SOC Gen hat doch seither sicherlich ein Vielfaches der 4.9 Mrd an Luftgeld geschöpft durch Kreditvergabe. Schaden also längst wieder behoben, aber der Kerviel wird trotzdem verknackt.

bauernopfer..

und seine Chef? weiß ma ned mal den Namen..

ratenzahlung vereinbaren. wöchentlich 10 euro!

Ich bin gespannt, ob die SocGen die 4,9 Mrd. als einbringliche Forderung bilanziert

Natürlich.

Das ist doch der Sinn der Bilanz: Des Kaisers Neue Kleider.

Zudem muss er 4,9 Milliarden Euro an seine ehemalige Arbeitgeberin, die Société Générale, zurückzahlen.

Das wird ihm ziemlich egal sein.

Den Letzten beissen die Hunde ! ^^

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