Gruft: "Heute gibt es keinen Nachschlag"

Reportage24. Oktober 2012, 11:50
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Jugendliche und freiwilliges Engagement passen sehr wohl zusammen, beweist eine Klasse, die für Obdachlose gekocht hat

Wien - "Die Straße bedeutet Freiheit. In die Gruft gehe ich gerne, weil man hier seine Freunde und interessante Personen trifft." Sätze wie diese hören wir an diesem Tag immer wieder von den anwesenden Obdachlosen. In der Gruft, dem Betreuungszentrum der Caritas im sechsten Wiener Bezirk, bekommen sie jeden Tag zwei warme Mahlzeiten und einen Platz zum Übernachten und Duschen. Wie so oft kocht auch heute eine ehrenamtliche Gruppe für die "Klienten", wie die Obdachlosen hier genannt werden.

Ausgestattet mit 13 Kilogramm Tomaten und weiteren Zutaten sowie einer Reihe von Kochutensilien setzen die Schüler der Fachschule Hahngasse eines ihrer heurigen sozialen Projekte in die Tat um. Im Rahmen der diesjährigen Aktion "Ich & Du für Uns" bereiten sie eine "Puten-Pilz-Pfanne" für die Obdachlosen zu.

Beim erstmaligen Betreten der Gruft fällt sofort auf, wie klein die Räumlichkeiten bemessen sind. Angeblich soll im Speisesaal Platz für bis zu 150 Personen sein, für uns erscheint die Zahl unfassbar hoch. Überall wird auf das "Alkoholverbot" hingewiesen und bei Missachtung desselben mit einem siebentägigen Hausverbot gedroht. Nichtsdestotrotz steigt einem sofort der Geruch von Bier und Zigaretten in die Nase. Es hängen ebenso Schilder an den Wänden, die darauf schließen lassen, dass es hier auch ein Rauchverbot gibt, doch die aufsteigenden Rauchschwaden zeigen deutlich, wie ernst diese Regel eingehalten wird. Teils schlafen die Leute an den Tischen, teils spielen sie Karten. Wir werden von der Gruft-Leitung darum gebeten, keine Fotos zu machen - für die Obdachlosen wie für uns gleichermaßen unverständlich.

"Alle Freiheit der Welt"

Die Anwesenden begrüßen uns offenherzig, und es dauert nicht lange, bis wir schließlich in ein Gespräch verwickelt sind: "Ich bin in Österreich geboren, aber als Kleinkind nach England emigriert. Als Kameramann habe ich die letzten Jahrzehnte in Simbabwe verbracht", erzählt ein 53-jähriger Obdachloser stolz, wie weit er schon in der Welt herumkam. Er ist gut gekleidet und sieht auch sonst sehr gepflegt aus.

Gleich neben ihm sitzt ein ältlicher Mann, der mit seiner ziemlich heruntergekommenen Kleidung und dem unrasierten Gesicht zwar alle Stereotype eines Obdachlosen erfüllt, von seiner Ausdrucksweise her aber eher an einen Universitätsprofessor erinnert. "Freiheit ist der höchste Wert der Menschheit", lehrt er uns und zieht ein zerfetztes Buch aus seiner Tasche: Die vorgeschichtliche Malerei: Lascaux oder die Geburt der Kunst von George Bataille. "Mein Lieblingsbuch" sagt er, während er es langsam durchblättert. In der einen Sekunde erzählt unser Gesprächspartner von den Lebensweisheiten der Inder, Kunstgeschichte und seinen philosophischen Ansichten - und nur wenige Augenblicke später rennt er wie ein kleines Kind zur Küchentheke, um ein Kuchenstück zu ergattern.

Kochen im Akkord

Warum er denn auf der Straße lebt, wollen wir wissen. "Weil ich hier alle Freiheit der Welt hab: Wenn ich nach links gehen will, gehe ich nach links und muss nicht auf meinen Chef hören, der meint, dass ich nach rechts gehen soll", entgegnet uns der Obdachlose, bevor er sich höflich verabschiedet und wieder hinaus in seine "Freiheit" zieht.

Brennende Augen vom Zerhacken der Zwiebeln, 32 Grad Celsius Raumtemperatur und eine unaufhaltsam tickende Uhr machen das Kochen im Akkord für die Schüler der Fachschule wahrlich zu einer Feuerprobe. Vor den Augen der auf Essen Wartenden zeigen die Schüler vollen Einsatz für den guten Zweck.

Von den 150 Portionen gehen 144 an die Bedürftigen, der Rest an die Mitarbeiter der Gruft. "Heute kein Nachschlag", ruft einer der Bediensteten in die Menge, die sich bereitmacht, um sich ein zweites Mal anzustellen. Das Essen hat sichtbar Anklang gefunden: Die Teller waren schnell geleert und die Schüler voller Stolz.

"Ich bewundere die Leute für ihre Fähigkeit, trotz allem stets ein Lächeln zu bewahren", bemerkt ein Schüler nach einem zögerlichen Blick in den sich allmählich leerenden Speisesaal. Als die letzten Akkorde von Sweet Home Alabama aus dem plärrenden Radio verklingen, strömen auch die letzten Obdachlosen langsam aus dem Raum. Dankbarkeit liegt in der Luft. Mit einer leichten Note von Zigarettenrauch. (Darius Djawadi/Caroline Kulmhofer, DER STANDARD, 24.10.2012)

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    144 Bedürftige wurden von der Schulklasse der Fachschule Hahngasse bekocht. Am Ende waren alle Teller leergegessen, die Mägen voll und die Schüler sichtlich stolz.

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