Nicht Sido, sondern die Quote hat zugeschlagen!

Leserkommentar24. Oktober 2012, 11:53
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Der ORF als Quotenopfer

Der ORF hat bekanntermaßen einen Bildungsauftrag zu erfüllen. Doch wen kann er damit noch vor die Fernsehgeräte locken? Mit Lisa Schüller und Edith Klinger macht man schon lange keine Quoten mehr. Zu wenig Skandale für ein - dank Big Brother & Co. - über die Jahre in Fliesbandmanier stupide gemachtes Publikum. Da braucht es schon etwas mehr, um den mehr oder weniger bereitwilligen Gebührenzahler vom Griff zur Fernbedienung abzuhalten. Und was macht man, wenn man keinen Dieter Bohlen hat? Man nimmt, was der deutsche TV-Markt - vermutlich aus guten Gründen - liegen gelassen hat. Wenn nämlich der nächste Skandal, der nächste „Top Sager" garantiert ist, dann ist auch die Quote sicher. Und von der lebt ein öffentlich-rechtlicher Sender nun einmal genauso wie die Privaten. Die müsse sich nur nicht rechtfertigen.

Der Gebührenzahler bekommt, was der Zuschauer verlangt

Dabei liegt doch auf der Hand, was scheinbar niemandem auffallen will: Wenn eine Sendung wie „Die große Chance", in der - wenn es nach dem offiziellen Konzept geht - neue Talente gesucht werden, nur funktioniert, indem man auf der Jagd nach dem nächsten peinlichen Auftritt Menschen vor laufender Kamera wieder und wieder demütigt, nur Hauptsache, die mit Akribie einstudierten Beleidigungen überholen im Ranking den Kollegen aus Deutschland, dann wird klar, dass die Talente beliebig austauschbare Protagonisten sind und die Show ohne sie im Prinzip auch ganz gut laufen würde. Der Gebührenzahler bekommt, was der Zuschauer verlangt. Und wenn sich nun „Die große Chance" ohne Sido selbst aus dem Rennen nimmt, ist nicht etwa der Hurensohn schuld, sondern der Zuschauer, der in Gestalt des schizophrenen Gebührenzahlers die Talentsuche ohne Skandal nicht konsumieren will.

Ein Österreicher, der geschickt wurde, um Ordnung zu machen

Nun hat der ORF die Notbremse gezogen. War das jetzt doch ein Skandal zuviel? Die Quote womöglich nicht um jeden Preis? Oder nichts anderes, als eine neuerliche, perfide Quotenjagd? Denn der über die Jahre hinweg abgestumpfte und verrohte Zuschauer mag Gewaltexzesse im TV durchaus, auch wenn diese nicht notwendigerweise so blutig enden müssen wie auf Utoya. Anders ist nicht zu erklären, weshalb Sido, der zweifelsohne mehr irrtümlich als durch Absicht mit seiner Faust (oder war es doch nur die flache Hand?) auf dem Gesicht des - wenig liebevoll „Heinzelmännchen" genannten - Prügelknabens der Nation ausgerutscht ist, nun von der allmächtigen ORF-Jury eiskalt rausgeworfen wurde. Hat man sich doch am Küniglberg vor nicht mal einem Jahr eilig bemüht, den legendären Sido-Sager, wir Österreicher hätten da mal einen rübergeschickt, der den Deutschen Ordnung beigebracht hat, als harmlose Ironie herunterzuspielen, welche die Anwesenden mit einem Schmunzeln quittiert hätten.

Nicht die Hure ist das Problem

Niemand hat sich an Sidos einschlägiger Vergangenheit gestoßen, seine frauenverachtenden Songtexte verpönt, seine schwulenfeindliche Geisteshaltung kritisiert. Sein Aggressionspotenzial wurde als vermeintlich kalkulierbares Risiko bereitwillig akzeptiert - alles der Quote zuliebe und um den gebührzahlenden Zuschauer bei Laune zu halten. Der Zweck würdigt bekanntlich die Mittel und das Mittel hieß in diesem Fall - welch Ironie - Paul Würdig. Doch nun hat er die Kontrolle verloren, ganz unwürdig, aber medienwirksam, wie man es von ihm erwartet. Er habe „leider wieder zugeschlagen", gibt Würdig zu und gewährt uns damit Einblick in seine von Gewalt geprägte Seele. Des Heinzelmännchens Mutter sei freilich keine Hure. Dabei ist die Hure gar nicht das Problem, sondern das Publikum, das sich um den Rüpel-Rapper schart. Und wie praktisch, dass dieses Publikum auch schon den wahren Schuldigen gefunden hat: Nämlich das Opfer! Das hat Tradition - nicht nur in Österreich.

Haut das Heinzelmännchen

Und wie einst, lassen sich auch heute Massen mobilisieren, die im Dienste der Sache lautstark ihren einstudierten Schlachtruf „Haut das Heinzelmännchen!" skandieren. Du lieber Himmel! Nichts liegt mir ferner, als Sido mit jenem Österreicher zu vergleichen, der auszog, um den Deutschen Ordnung zu lehren. Mich beunruhigt allerdings, wie leicht es im Informations- und Aufklärungszeitalter noch immer ist, Menschen zu blenden, sie von Fakten zu überzeugen, die nicht existieren und die Vergangenheit vergessen zu lassen. Am Fall Sido besonders erstaunlich ist, dass selbst der Verursacher die Ereignisse verurteilt. Als hätte jener Österreicher seinen Anhängern erklärt, die Ideologie, die er vertritt, sei falsch und trotzdem folgte ihm das ganze Volk. „Die große Chance" wird ihrem Namen also mehr als gerecht, doch anders als ihr Vorläufer aus den 1980er-Jahren, sind die Protagonisten heute vor allem die Juroren und die Show ihre Selbstdarstellungsplattform. Andreas Gloistein

Links zum Thema:
http://de.wikipedia.org/wiki/Sido
http://de.wikipedia.org/wiki/Die_gro%C3%9Fe_Chance_(Fernsehsendung)

 

Andreas Gloistein geboren am 19.07.1972 in Wien, Systementwickler

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