Neue Indikatoren zeigen große Wohlstandslücken

24. Oktober 2012, 10:22
180 Postings

Das BIP gilt nicht mehr als alleinige Wirtschaftskennzahl. Die Statistik Austria hat erstmals andere Lebensstandard-Daten vorgestellt

Wien - Von Bhutan, einem abgeschiedenen Königreich im Himalaya, weiß man, dass es das "Bruttoinlandsglück" seiner Bevölkerung misst. In der Statistik Austria will man nicht so weit gehen: "Wir versuchen erst gar nicht, Glück zu messen", sagt Konrad Pesendorfer, der Generaldirektor der Statistik Austria. "Da müssten wir Werteentscheidungen treffen, und das ist nicht Aufgabe von Statistikern."

Wettersymbole für rasche Lektüre

Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) wird als wichtigste Wirtschaftskennzahl zwar bleiben, doch hat die Statistik Austria begonnen, Daten so aufzubereiten, dass auch Fragen zu "materiellem Wohlstand", " Lebensqualität" und "umweltorientierter Nachhaltigkeit" beantwortet werden können. Jedes Jahr will Pesendorfer diese Indikatoren künftig vorstellen - zusammen mit dem BIP. Und für eine rasche Lektüre werden die Informationen mit Wettersymbolen gekennzeichnet.

Die erste Vorstellung aus der Wohlstands- und Fortschrittsmessung zeigt, dass es doch einige Wolken am österreichischen Wohlstandshimmel gibt - und dass das BIP als alleinige Quelle für die Erklärung wirtschaftlicher Entwicklungen äußerst lückenhaft ist: Während sich das BIP im Jahr 2011 bereits wieder auf dem Vorkrisenniveau von 2008 befand, entwickelten sich die einzelnen Sektoren (Wirtschaft/Staat/Privathaushalte) weiterhin unterschiedlich. Die Einkommen von Unternehmen und Staat stiegen seit 1995 stärker als die Einkommen der privaten Haushalte.

Gleichzeitig geht in Österreich die Einkommensschere immer weiter auf. 1,4 Millionen Menschen sind in Österreich von sozialer Ausgrenzung bedroht oder betroffen, so die Statistik: Diese Menschen sind oft armutsgefährdete Menschen, leben in Haushalten mit wenig oder gar keinem geregelten Einkommen und können sich wichtige Anschaffungen häufig nicht leisten. "1,4 Millionen, das ist für ein so kleines Land ein sehr hoher Wert", sagt Pesendorfer.

Wenig Durchlässigkeit im System

Die jetzt vorgestellten Daten zu materiellem Wohlstand / Lebensqualität und Umwelt spiegeln ein relativ starres gesellschaftliches System wider, mit wenig Durchlässigkeit - weder bei den Einkommen noch bei der Bildung. Dies manifestiert sich in vergleichsweise niedrigen Werten bei abgeschlossenen Universitäts- oder Hochschulstudien.

Auch beim Umweltschutz ist Österreich keine Insel der Seligen. Die hohe Versiegelung von Grünflächen aufgrund eines ausufernden Straßen- und Einkaufscenterwesens wurde als Minus in den Kennzahlen gewichtet. Eine dynamische Produktion steigert zwar die Einkommen einer Volkswirtschaft, verbraucht aber auch Ressourcen. Dies kann Umweltschäden hervorrufen - und die Lebensqualität beeinträchtigen. Besonders exemplarisch: Der Verkehrssektor mit seinem hohen Energiebedarf und Treibhausgasemissionen. (ruz, DER STANDARD, 25.10.2012)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Alles gut in Österreich?

  • Bild nicht mehr verfügbar
Share if you care.