"Embryonale Stammzellen sind der Goldstandard"

Interview23. Oktober 2012, 19:45
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Martin Evans isolierte als Erster embryonale Stammzellen und erhielt den Nobelpreis - Lena Yadlapalli sprach mit ihm über Therapiechancen und beängstigende Ansätze bei Versuchen

STANDARD: Sie erhielten 2007 den Medizin-Nobelpreis für Ihre Arbeit an embryonalen Stammzellen in Mäusen. Die 2012 geehrten Forscher haben gezeigt, dass sich Körperzellen in nicht ausdifferenzierte Zellen zurückführen lassen. Fühlen Sie sich in Ihrer Arbeit bestätigt?

Evans: Zunächst einmal bin ich hocherfreut, dass John Gurdon und Shinya Yamanaka den Nobelpreis bekommen haben. Gurdon zeigte vor 50 Jahren beim Frosch, dass eine adulte Zelle grundsätzlich die Möglichkeit hat, zu einem nicht ausdifferenzierten Ursprung zurückzukehren. Doch man wusste noch nicht, wie das praktisch geht. Yamanaka nutze in seinem außergewöhnlichen Experiment das Wissen über frühe Embryozellen. Aufbauend auf meiner Arbeit wusste er etwa, wie man die Zellen züchtet. Von anderen wusste er mehr über die Zellbiologie. Und er schaffte, die adulten Zellen zu reprogrammieren.

STANDARD: Mit aus Stammzellen gewonnenem Gewebe ließen sich defekte Gewebe und Organe reparieren - so die große Hoffnung. Wo stehen wir?

Evans: Mit Stammzelltherapien ist enorme Hoffnung für medizinische Behandlungen und auch ein großer Hype verbunden. Ich denke aber, dass das meiste davon gerechtfertigt ist. Denn die Forschung hat gezeigt, dass fast alle Schritte, die wir in diese Richtung tun wollen, möglich sind. Jedenfalls im Mausmodell sieht man: Alles ist möglich. Was es aber bisher noch nicht gibt, ist die pure Anwendbarkeit. Und wenn wir Stammzellen für die Behandlung von Patienten nutzen wollen, gibt es noch bedeutende Fragen zur Sicherheit.

STANDARD: Welche?

Evans: Werden die Behandlungen, die vorgeschlagen werden, dem Patienten wirklich Besserung bringen? Gibt es positive Effekte ohne ungünstige Nebeneffekte? Was wir derzeit haben, ist eine Reihe experimenteller Versuche. Unglücklicherweise ist die Mehrzahl nicht reguliert und kontrolliert.

tandard: Können Sie ein Beispiel nennen?

Evans: Ich war für Vorträge in Malaysia. Man fragte mich dort, was ich vom Gebrauch von tierischen Stammzellen halten würde. Ich verstand nicht genau, was gemeint war. Bei einer anschließenden Party habe ich erfahren, dass eine dort gegründete Firma Zellen aus Kaninchenembryonen für Therapiezwecke einsetzt. Das ist beängstigend. Es gibt keinen wissenschaftlichen Hintergrund dafür, dass das eine wirksame Behandlung wäre. Bei neuen Therapien muss einfach sichergestellt sein, dass sie keinen Schaden anrichten - und dass sie den Effekt haben, der erwünscht ist.

STANDARD: Die embryonalen Stammzellen sind ethisch auch umstritten. Als eine Alternative werden die aus Körperzellen gewonnenen verjüngten Stammzellen gesehen. Was könnte man mit diesen Zellen erreichen?

Evans: Mit ihnen bietet sich eine Chance, denn sie sind ethisch mehr akzeptiert. Man könnte ein großes Lager von den sogenannten induziert pluripotenten Zellen aufbauen, die für alle Patienten oder speziell für den Spender eingesetzt werden könnten. Und man könnte mit ihnen Arzneiwirkstoffe testen.

STANDARD: Sind embryonale Stammzellen damit überholt?

Evans: Nein, sie sind der Goldstandard, mit dem eine induzierte pluripotente Stammzelle immer wieder verglichen werden wird. Denn diese gleichen nicht exakt den embryonalen Stammzellen, an denen im Übrigen nach wie vor viel geforscht wird. Und wenn das im Rahmen der Gesetze stattfindet, sehe ich auch nicht, warum man das nicht machen sollte. Andere denken da anders.

STANDARD: Wann wird mit einer breiten therapeutischen Anwendung der Zelltherapien zu rechnen sein?

Evans: Ich bin schon recht alt und könnte vielleicht bald die regenerative Medizin brauchen - bezweifle aber, dass ich Hilfe bekommen werde. Ich bezweifle auch, dass es regulär anwendbare Behandlungen für meine Kinder geben wird. Aber vielleicht für meine Enkel. Ich würde der Entwicklung etwa 50 Jahre geben - bis man zum Arzt geht und sagt, ich habe einen Hörverlust. Und er antwortet: "Ich schicke Sie zu einem Spezialisten, und sobald wir die Zellen haben, können wir loslegen." Das ist derzeit Science-Fiction. Aber es ist nicht unvorstellbar.

STANDARD: Was hat sich verändert, seit Sie mit dem Nobelpreis ausgezeichnet wurden?

Evans: Als Nobelpreisträger habe ich gemerkt, dass man an einigen Orten eine sehr rare Spezies ist. Ich bin Präsident von Techniquest in Cardiff, einer Art Science-Center für Kinder. Wir ermöglichen zum Beispiel 17-Jährigen, während des Sommers in Forschungslabors zu arbeiten. Bei der Verleihungszeremonie für die Zertifikate widmete ich ein paar Worte dem diesjährigen Nobelpreis und meinem sehr guten Freund Gurdon. Danach hörte ich jemanden sagen: "Mein Gott, nicht nur, dass wir hier einen Nobelpreisträger haben. Er kennt auch noch einen weiteren!"

STANDARD: Sie engagieren sich demnach auch für Wissenschaftskommunikation?

Evans: Ja. In Großbritannien unterhält man sich bei einer Dinnerparty auf hohem Niveau über die Oper, Bücher oder Konzerte, aber bloß nicht über das in der vergangenen Woche veröffentlichte Paper - bitte nicht über die Wissenschaft sprechen! Das ist traurig. Aber es tut sich hier auch einiges. Es hat sich schon viel geändert. (Lena Yadlapalli, DER STANDARD, 24.10.2012)


Martin Evans, geb. 1941 in Stroud, Großbritannien, studierte Biochemie. Der ehemalige Leiter der School of Biosciences und Professor für Säugetiergenetik der Cardiff University erhielt 2007 zusammen mit Oliver Smithies und Mario Capecchi den Medizin-Nobelpreis. Evans wurde 2004 für seine Forschungsleistungen von der britischen Queen geadelt. Der Ehrenrektor der Cardiff University nahm vergangene Woche am 7. Wiener NobelpreisträgerInnen-Seminar in Wien teil.

  • Wien-Besucher Martin Evans glaubt an therapeutische Anwendungen der Zelltherapie 
in etwa 50 Jahren.
    foto: standard/corn

    Wien-Besucher Martin Evans glaubt an therapeutische Anwendungen der Zelltherapie in etwa 50 Jahren.

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