Als die Türken die Bücher verbannten

24. Oktober 2012, 10:00
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Özlem Sulak verarbeitet in einer Wiener Ausstellung die Folgen des türkischen Militärputsches von 1980

Am 12. Juli 1980 änderte sich der Alltag der Menschen in der Türkei von einem Tag auf den anderen. Generalstabschef Kenan Evren verlautbarte im Radio den Ausnahmezustand. Von nun an werde sich das Militär aus Sicherheitsgründen um das Wohl und die Unteilbarkeit der türkischen Nation kümmern, lautete Evrens Ansage. Dem Militärputsch vorangegangen war ein Jahrzehnt bürgerkriegsähnlicher Zustände zwischen rechten und linken Gruppen. Politische Morde waren zum Alltag geworden, bis zu 30 Menschen wurden täglich getötet.

Gab es anfangs bei manchen Bürgern die Hoffnung, dass der Militärputsch Sicherheit für die Bevölkerung bringen würde, wurde ziemlich schnell klar, dass das ausgerufene Kriegsrecht (sıkıyönetim) in alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens eindrang. Es gab massenweise politische Verhaftungen; Gewerkschaften, Parteien und Verbände wurden aufgelöst, die Meinungs- und Pressefreiheit eingeschränkt; Ausgangssperren wurden verhängt, und Hausdurchsuchungen durch die Sicherheitskräfte waren jederzeit möglich. Diese Zeit gilt auch als Phase der Entpolitisierung der türkischen Bevölkerung. Der Durchschnittsbürger hielt sich von der Politik fern, um ja nicht ins Visier der Sicherheitskräfte zu geraten.

Gesellschaftliches Trauma

Wie sich der Militärputsch von 1980 auf das gesellschaftliche und kulturelle Leben in der Türkei ausgewirkt hat, damit beschäftigt sich die türkische Videokünstlerin Özlem Sulak schon seit 2008. Bis zum 18. November kann man noch ihre seit September laufende Ausstellung "Fictive Presence" im Bank Austria Kunstforum in Wien besuchen. Vergangene Woche war die Künstlerin wieder in Wien, um den frisch gedruckten Ausstellungskatalog zu präsentieren, und verriet dabei auch einiges über ihre Installationen und sich selbst.

1979, ein Jahr vor dem Putsch, auf die Welt gekommen, erlebte sie als Kind die Zeit nach dem Militärputsch als besonders restriktiv. In der Schule stand körperliche Züchtigung an der Tagesordnung, an öffentlichen Plätzen gehörten Militärpanzer und Soldaten zum Straßenbild. "Das war eine Zeit des gesamtgesellschaftlichen Traumas", sagt Sulak. Lange Zeit wurde in der Türkei über die Schrecken der Militärherrschaft geschwiegen.

Özlem Sulak im Bank Austria Kunstforum

Dieses Schweigen über die Zeit vor und nach dem dritten Militärputsch wollte Sulak aufbrechen. Vor allem der Einschnitt in das Alltagsleben interessierte die Künstlerin. "Ich wollte wissen, was den Menschen passiert ist, was sie erlebt haben, wie sie über den 12. September 1980 denken, als ihr Alltag wie von einem Schnitt mit dem Messer unterbrochen wurde."

Was in den Gesprächen mit Zeitzeugen herauskam, erstaunte Sulak. Einerseits ging für viele das Leben einfach weiter, sie passten ihren Alltag an die Militärherrschaft an. "Es gibt auch positive Erinnerungen über diese Zeit wie das Fußballspielen mit Soldaten auf dem Schulhof oder der Straße", sagt Sulak.

Selbstzensur

Überrascht war sie auch über den hohen Grad der Selbstzensur in der Bevölkerung. So gab es keine offizielle "Schwarze Liste" von verbotenen Büchern, dennoch haben türkische Bürger oft als Vorsichtsmaßnahme die eigene Hausbibliothek zerstört. "Es gab quasi eine informelle Liste. Bücher, von denen Menschen annahmen, dass sie verboten wären, wurden zu Hause in der Badewanne verbrannt oder zerschnipselt und in die Toilette geworfen", erzählt Sulak. Diese internalisierte Zensur sieht sie als obskure und perfide Logik der Bücherzensur.

Sulak hat in den vergangenen zwei Jahren in Archiven 780 Bücher aufgestöbert, die inoffiziell als verboten galten, in Kellern oder auf Dachböden landeten oder unter der Hand weitergegeben wurden. Diese Bücher sind in der Ausstellung in Wien zu besichtigen.

Erinnerungskollaborateure

Damit die zensurierten Bücher dennoch gelesen werden konnten, behalf sich die Bevölkerung mit einigen Tricks. Sulak kann sich noch gut daran erinnern, dass sie zusammen mit dem Vater Bücher einwickelte. Aber während sie als Kind ihre Schulbücher mit einer Schutzfolie überklebte, versteckte der Vater mit dem Packpapier das Titelblatt der Bücher. In ihrer Ausstellung hat Sulak diese Kindheitserinnerung in der Videoarbeit "Verborgene Bücher" verarbeitet, bei der in einer Doppelprojektion zwei Personen beziehungsweise deren Hände im Close-up beim Einbinden von Büchern zu sehen sind.

Das Interessante dabei ist, dass die Protagonisten im Video aus der ehemaligen DDR stammen. Sulak fand nämlich während ihrer zahlreichen Stipendienaufenthalte in Deutschland heraus, dass auch DDR-Bürger durch Einbinden von verbotenen Büchern in Packpapier der Bücherzensur zu entgehen versuchten. Durch die geteilte Praxis des Bücherverpackens sind ostdeutsche und türkische Bürger für Sulak "Erinnerungskollaborateure".

Identität, Sprache und Fiktion

In ihrer Ausstellung über fiktive Präsenz widmet sich die Videokünstlerin, die eigentlich Balletttänzerin war und nach einer Verletzung vom Tanz zur Videokunst fand, "weil ich dort mein Wissen über Bewegung auf das Video übertragen konnte", nicht nur dem Akt des Büchereinbindens als Mittel, um der Zensur zu entgehen.

Da gibt es die Videoinstallation "Originalfassung ohne Untertitel" mit Bildsequenzen von vier Orten, untermalt mit einem Soundtrack von vier gleichzeitig sprechenden Stimmen, die denselben Text in vier Sprachen - Deutsch, Englisch, Französisch und Türkisch - wiedergeben. Überrascht war sie darüber, dass es drei Worte gibt, die in allen vier Sprachen gleich sind: Bürokratie, System und Lego.

Für Sulak stellt das Stimmenwirrwarr von vier Sprachen die perfekte Kakophonie dar und die bewegten Bildsequenzen ihr eigenes nomadisches Künstlerleben. "Alle vier Jahre wechsle ich den Wohnort", sagt sie. Mobilität sieht als Bestandteil ihrer Künstlerexistenz und Sprache als Teil wandelbarer Identität: "Wenn ich eine neue Sprache lerne, mir die Ausdrucksweise und sozialen Codes einer Gesellschaft aneigne, dann verändere ich auch mich selbst."

Postkarten zur freien Entnahme mit einer "Fiktionsbescheinigung" als Motiv gibt es auch in der Ausstellung. Diese erinnern an Sulaks Zeit in Deutschland. Als Nicht-EU-Bürgerin musste sie während ihres Stipendienaufenthalts bis zur endgültigen Entscheidung der deutschen Aufenthaltsbehörde - und das kann Monate dauern - die "Fiktionsbescheinigung", einen temporären Aufenthaltstitel, bei sich tragen.

Anfangs empfand Sulak diese "Fiktionsbescheinigung" als amtliche Willkür, dann aber war sie ob der Erfindung des Wortes über die Kreativität deutscher Beamter erstaunt. Eine ausgerissene Ateliertür aus Marseille steht ebenfalls im Ausstellungsraum. Was das mit dem nomadischen Künstlerleben von Sulak zu tun hat, können Interessierte noch bis 18. November herausfinden. (Güler Alkan, daStandard.at, 24.10.2012)

Özlem Sulaks Werke sind noch bis 18. November im Bank Austria Kunstforum in Wien zu sehen.

  • Özlem Sulak erinnert sich, dass sie zusammen mit dem Vater Bücher einwickelte. Während sie ihre Schulbücher mit einer Schutzfolie überklebte, versteckte der Vater mit dem Packpapier das Titelblatt der Bücher.
    foto: özlem sulak

    Özlem Sulak erinnert sich, dass sie zusammen mit dem Vater Bücher einwickelte. Während sie ihre Schulbücher mit einer Schutzfolie überklebte, versteckte der Vater mit dem Packpapier das Titelblatt der Bücher.

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