"Ich werde die ganze Branche revolutionieren"

Interview29. Oktober 2012, 17:24
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Jean-Michel Karam ist Techniker, sagt er, und seine Kosmetiklinie ioma sei ihm quasi passiert - Rund um den Globus installiert er Maschinen, die Hautwerte messen, um dann ganz individuell Wirkstoffe in eine Creme mischen zu können

Irgendwie ist es so, als ob er begierig wäre, in einen Ring zu steigen. Die Kampforte dieser Welt sehen unterschiedlich aus. Jean-Michel Karam, Geschäftsführer der in Österreich neu lancierten Kosmetikmarke ioma, sitzt auf einem weißen Fauteuil in einem Wiener Hotel. Dunkler Anzug, dunkles Hemd. Mit seinen stechend braunen Augen blickt er in die Runde, wo auf den ebenfalls weißen Sofas rund um ihn Beauty-Journalistinnen Platz genommen haben. Einige kommen zu spät, jedes Mal unterbricht Karam seinen Smalltalk ("Ja, ich liebe Wien, besonders die Oper" oder "Die Aussicht von meinem Bett aus auf den Stephansdom ist spektakulär, nur das Bett ist viel zu groß"), steht auf und begrüßt die neu Eingetroffenen mit Handschlag. Karam hat früher Basketball gespielt. Seine Größe beeindruckt. Aber irgendwann ist es genug mit den Höflichkeiten, er will seine Story erzählen und tut es mit Enthusiasmus.

STANDARD: Sie sind IT-Experte. Wie sind Sie auf die Idee gekommen, Hautcremen zu produzieren?

Jean-Michel Karam: Es war purer Zufall, ganz ehrlich. Hätten Sie mich vor zehn Jahren getroffen, hätte ich Ihnen sicherlich gesagt, dass hinter jeder Art von Kosmetik einzig und allein eine Marketingmaschinerie steckt. Damals produzierte ich ausschließlich Mikroprozessoren. Das Besondere ist, dass diese sogenannten Mems nicht nur elektronische Signale senden und empfangen, sondern auch andere Werte - etwa mechanische oder physikalische Impulse - verarbeiten. Sie können Umweltparameter messen und reagieren. In Airbags zum Beispiel: Unsere miniaturisierten Mikrochips erkennen einen Stoß und lösen dann den Mechanismus aus, der einen Ballon aufbläst. Diese Chips sind mein Kerngeschäft.

STANDARD: Brachte es Ihnen nicht genügend Erfolg?

Karam: Doch, aber die Wirtschaftskrise 2002 hat mich darüber nachdenken lassen, meine Geschäftsmodelle zu diversifizieren. Ich habe neue Einsatzbereiche für die Mems gesucht. Eine Idee war, sie als Messinstrumente für Dermatologen zu nutzen. Wir haben dann diese medizintechnische Anwendung umgesetzt, und als es publik wurde, gab es da plötzlich dieses gewaltige Interesse aus der Kosmetikindustrie. Ich lernte Véra Strubi von Thierry Mugler kennen. Wir wurden Freunde, und irgendwann hatte ich sie an Bord, und wir haben gemeinsam die Idee weiterentwickelt.

STANDARD: Welche Idee genau?

Karam: Die Idee, eine Maschine Hautwerte messen zu lassen, um so eine Art Diagnostik zu erstellen. Das haben wir geschafft. Dann kannten wir also die Hautprobleme, wollten aber auch Lösungen anbieten können. Ich habe viel recherchiert und dann den Sprung in eine mir bis dahin unbekannte Branche gewagt.

STANDARD: Maschinen, die Hautwerte messen, gab es aber doch schon sehr lange?

Karam: Es gibt Maschinen, die einzelne Hautwerte - zum Beispiel nur die Durchfeuchtung - messen. Ein System, das in nur wenigen Minuten sieben verschiedene Parameter erfasst, teils mit Kameras, teils mit Sensoren, gab es hingegen nicht. Das war nur durch die miniaturisierte Technologie der Mems möglich. Auf das System der umfassenden Messung verschiedener Hautparameter halte ich mittlerweile ein Patent.

STANDARD: Als Kundin steht man also vor einem Gerät, eine Verkäuferin hält einem ähnlich wie beim Ultraschall zwei Joystick-ähnliche Geräte ins Gesicht. Und dann?

Karam: Hinter ioma ist Software. Das System analysiert das in verschiedenen Lichtbrechungen fotografierte Hautbild, prüft mit einem Sensor Feuchtigkeitsversorgung, Säureschutzmantel, UV-Schäden, Pigmentflecken, Rötungen und Falten. Je nach Ergebnis ist ein Mix unterschiedlicher Wirkstoffe erforderlich. In der Parfümerie wird dann eine entsprechend individuelle Creme vor Ort gemischt. Unsere Strategie: individualisierte Hautpflege.

STANDARD: Diesen Trend könnten Sie aber aus der Medizin kopiert haben, dort klingt es ähnlich, wenn Ärzte von personalisierter Medizin sprechen.

Karam: Es ist kein Trend, es spiegelt die Realität wider. Jeder Mensch ist unterschiedlich, auch was seine Haut betrifft. In der Kosmetikindustrie werden heute Massenprodukte produziert und vermarktet. Sie sind nur durchschnittlich gut, weil sie für so viele Menschen passen müssen. Cremen maßzuschneidern ist aus unserer Sicht der logische Schritt. Personalisierung ist der neue Luxus.

STANDARD: Könnte jetzt aber, ehrlich gesagt, auch nur Ihr Marketing-Gag für ioma sein ...

Karam: Nein, ich bin ein Mann der Wissenschaft, damit habe ich bisher mein Geld verdient, und mit ioma, meiner achten Firma, halte ich es genauso. Ich trete ja auch den Beweis an. Wer seine Haut analysieren lässt, bekommt eine Creme und kann dann nach ein paar Wochen wiederkommen, um seine Haut neu messen zu lassen. Jede Kundin kann die Resultate selbst vergleichen. ioma macht in Frankreich und den USA 7000 Hautdiagnosen pro Tag. Es gibt immer ein Vorher und Nachher. Die Wirkung unserer Produkte ist evidenzbasiert.

STANDARD: Aber wie soll eine Creme den natürlichen Alterungsprozess tatsächlich aufhalten?

Karam: Es geht darum, die Haut als Schutzschild gegen alle Umwelteinflüsse bestmöglich zu unterstützen, Schwächen frühzeitig zu erkennen und gegenzusteuern. Der Unterschied zwischen sorgfältig gepflegter Haut und nicht gepflegter Haut ist sichtbar.

STANDARD: Aber Falten entstehen trotzdem?

Karam: Klar, wenn sie einmal da sind, bekommt man sie nicht mehr weg. Wir sehen Falten, bevor sie entstehen, da lässt sich noch viel machen.

STANDARD: Und Ihre eigenen Falten?

Karam: Die hat das Leben verursacht, der Krieg im Libanon wahrscheinlich. Meine Familie hat ein paarmal ganz von vorne beginnen müssen. Meine Falten werden und sollen auch nicht mehr weggehen, aber insgesamt bin ich ein sehr glücklicher Mensch.

STANDARD: Wie halten Sie es mit dem Datenschutz? ioma speichert Kundendaten.

Karam: Jede Kundin kann selbst entscheiden, ob sie Daten speichern lassen will. Es wird grundsätzlich alles anonymisiert, um einzelne Ergebnisse geht es mir nicht. Wir wollen unsere Produkte aber schon auch weiterentwickeln. Die Haut reagiert auf Umwelteinflüsse, auf Jahreszeiten, vielleicht können wir eines Tages eruieren, was Frauen und Männer in Wien brauchen, und klimatisch angepasste Produkte anbieten.

STANDARD: Ihr Ziel?

Karam: Ich werde die gesamte Branche revolutionieren, 2013 werden wir Spektakuläres vorstellen, das kann ich wirklich versprechen. Der direkte Kundenkontakt ist für mich neu, als IT-Experte komme ich aus der Business-to-Business-Welt. Das ist eine persönliche Herausforderung. ioma-Produkte sollen Kunden glücklich machen. Schön sein will doch jeder, oder? (Karin Pollack, Rondo, DER STANDARD, 25.10.2012)

Zur Person:
Jean-Michel Karam (43) ist Vorstand des IT-Unternehmens Memscap mit Sitz in Bernin nahe Grenoble. Die ersten 21 Jahre seines Lebens verbrachte er im Libanon, wo er in Beirut studierte. 1990 wechselte er an die École Supérieure d'Ingénieurs en Électronique nach Paris. 1997 gründete er sein eigenes Unternehmen Memscap und brachte es 2001 an die Börse. Mit ioma ist er 2008 gestartet, Marionnaud übernimmt den Vertrieb.

  • Jean-Michel Karam steigt in den lukrativen High-End Konsmetik-Markt ein um eben diesen zu revolutionieren.
    foto: debourgies, hersteller

    Jean-Michel Karam steigt in den lukrativen High-End Konsmetik-Markt ein um eben diesen zu revolutionieren.

  • Die Maschine für Hautdiagnostik steht in Marionnaud-Filialen.
    foto: hersteller

    Die Maschine für Hautdiagnostik steht in Marionnaud-Filialen.

  • Nach der Analyse: Entweder "Le Coffre", das ist die 
Haute-Couture-Kosmetiklinie von ioma (260 Euro) und maßgeschneidert. 
Oder: "Pro Line" (40 bis 90 Euro), Produkte für generellere 
Hautbedürfnisse.
    foto: hersteller

    Nach der Analyse: Entweder "Le Coffre", das ist die Haute-Couture-Kosmetiklinie von ioma (260 Euro) und maßgeschneidert. Oder: "Pro Line" (40 bis 90 Euro), Produkte für generellere Hautbedürfnisse.

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