Der neue Obdachlosen-Chic

Kolumne28. Oktober 2012, 17:14
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Warum das Sandler-Shooting der deutschen "Vogue" ein Griff ins Klo ist

Es ist heute an der Zeit, uns einen Filmcharakter in Erinnerung zu rufen, der wahrscheinlich mehr mit der Wirklichkeit zu tun hatte, als uns damals bewusst war. Es handelt sich um Zoolander, das nicht nur bekannteste Model der Welt, sondern auch das blödeste. Das ist eine Kombination, die in Filmen öfters vorzukommen beliebt, in unserem Fall aber von Ben Stiller durchaus nachvollziehbar verkörpert wurde. In einer der schönsten Szenen des Films stellt Zoolander die neueste Kollektion eines Modeschöpfers vor, und zwar eine von den Obdachlosen der Stadt inspirierte Sandler-Kollektion. Die Modepresse ist begeistert.

Elf Jahre nachdem der Film in die Kinos gekommen ist, hatte man für die Oktober-Ausgabe der deutschen "Vogue" eine ähnliche Idee. Vor den Luxustempeln von New York lichtete man eine Reihe zerzauster Models ab, die sich in Hauseingänge verkriechen oder an Einkaufswagerln mit Getränkedosen lehnen.

"Bag Lady"

Statt Plastiksackerln sind sie allerdings mit Luxushandtaschen bepackt. "Bag Lady" ist in den USA ein Ausdruck für eine obdachlose Frau, und man kann wohl davon ausgehen, dass die Redaktion von diesem Sprachspiel ganz begeistert war.

In der Onlineausgabe des Magazins wird die Fotostrecke übrigens nicht vorgestellt, weil man die "unkontrollierte Verbreitung im Netz und damit eine aus dem Kontext gerissene Darstellung vermeiden wollte". Wenn das mal kein Fortschritt ist: Auf diesen Gedanken wäre Zoolander sicher nicht gekommen. (Stephan Hilpold, Rondo, DER STANDARD, 25.10.2012)

  • Vor den Luxustempeln von New York lichtete man eine Reihe zerzauster 
Models ab, die sich in Hauseingänge verkriechen oder an Einkaufswagerln 
mit Getränkedosen lehnen.
    foto: hersteller

    Vor den Luxustempeln von New York lichtete man eine Reihe zerzauster Models ab, die sich in Hauseingänge verkriechen oder an Einkaufswagerln mit Getränkedosen lehnen.

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