Frauenquote und EZB-Direktorium: Fachmann geht vor Frau

Kommentar23. Oktober 2012, 18:23
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Etwas verrückt ist es, den Geschlechterstreit bei der Nachbesetzung eines von sechs Direktoren in der Spitze der Europäischen Zentralbank auszutragen

Keine Frage, in einigen Ländern der Union ist es für Frauen viel schwerer als für Männer, berufliche Karriere zu machen, in Spitzenpositionen zu kommen. Das gilt - statistisch signifikant - in Deutschland und Österreich, weniger in Frankreich oder Skandinavien. Ein Konnex von Kind & Karriere mit historischen, gesellschaftspolitischen Hintergründen drängt sich auf.

Nun kann man über die Behebung dieses Problems durch gesetzlich vorgegebene Frauenquoten trefflich streiten. Die Verschiebung eines lange angekündigten Richtlinienvorschlages durch EU-Kommissarin Viviane Reding ist dafür ein ideales Beispiel. Die Kommission rangelt dem Vernehmen nach darum, ob die Quote in Aufsichtsräten 39 oder doch 41 Prozent betragen sollte. Was für ein Unterschied!

Etwas verrückt ist es freilich, diesen "Geschlechterstreit" bei der Nachbesetzung eines von sechs Direktoren in der Spitze der Europäischen Zentralbank auszutragen, wie das EU-Parlament das tut. Den nach monatelangem Ringen der Staaten nominierten Kandidaten madig zu machen, obwohl man ihn für hochqualifiziert hält, läuft auf Rufbeschädigung der EZB hinaus. Es ist unerträglich, dass deren Spitze mitten in der Eurokrise monatelang in der Luft hängt. Gefragt war ein Kandidat mit langer geldpolitischer Erfahrung, aus einem Land mit Hartwährungstradition wie Österreich oder Finnland, möglichst aktive Notenbankerin. So brutal es klingt: Da war die Auswahl nicht sehr groß. Leider. (Thomas Mayer, DER STANDARD, 24.10.2012)

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