Auf den Spuren eines digitalen Infernos

23. Oktober 2012, 17:35
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Die Medienexpertin Miriam Meckel ging den Folgen und Grenzen der virtuellen Welt nach. In einem Klassiker der Weltliteratur fand sie die Anleitung dazu. In Wien sprach sie über "Dante digital".

Manchmal tue es gut, meint Miriam Meckel, die Gedanken weiter schweifen zu lassen. Zum Beispiel sich nicht von der digitalen Umwelt lenken und ablenken zu lassen, wenn man über sie nachdenken will.

Meckel denkt viel über den Cyberspace nach, über die ständige digitale Vernetzung, bereits in ihren Jahren als TV-Journalistin, als Autorin für Zeitungen und den Onlinedienst Bloomberg.com, als unter anderem für Medien zuständige Staatssekretärin in Nordrhein-Westfalen und erst recht in ihrer Arbeit als Direktorin am Institut für Medienmanagement in St. Gallen.

Da kann es leicht passieren, dass man sich von der virtuellen Welt aufsaugen lässt und sie für bare Münze nimmt. Umso wichtiger wurde für Meckel die Differenz "which makes a difference", wie Gregory Bateson vor vielen Jahrzehnten Information definierte. Oder die Unterscheidung, die der Autor Malcolm Gladwell traf, zwischen der realen Gefahr in brenzligen Situationen und dem bloßen Klicken auf "Like", um Solidarität zu bekunden.

Das führte sie zu einem weiten Sprung in die Tiefe der Geistesgeschichte. "Es gibt höllische Elemente im Netz, die an Dante erinnern": Damit begann sie die 15. Lamarr-Lecture am vergangenen Montag an der Akademie der Wissenschaften mit dem Titel "Dante digital - das gute Leben in digitalen Zeiten". Die Telekom Austria hatte sie gemeinsam mit dem Medienhaus Wien zu dieser Vortragsreihe über aktuelle Forschung geladen.

Gewisse Parallelen zwischen der Art, wie der Dichter im 14. Jahrhundert in der Göttlichen Komödie Sünden und Tugenden darstellte, und dem Treiben im Netz waren ihr klargeworden. Mit luziden Vergleichen und Bildern (siehe unter anderem links oben) lud sie die Zuhörer zu einer Wanderung durch die Kreise der Hölle, des Fegefeuers und des Paradieses ein.

Unterbrechungsunkultur

Wir durchschreiten eine virtuelle Pforte zu höllischen Elementen, wenn wir nur "@" schreiben, so Meckel. Wir geben Kontrolle auf, öffnen Überwachung, Maßlosigkeit, Verrat, Bosheit die Tür: Was sonst sind Mobbings, die bis zum Selbstmord führen, oder die erzwungene Weitergabe von Daten?

Durch das Fegefeuer mussten Dante und sein Begleiter Virgil gehen, die Buße für Todsünden vor Augen. Auch heute sollten wir uns fragen, wo diese Sünden uns führen. Stolz und Hochmut etwa, die Meckel in dem jüngst unternommenen Sprung aus 40 Kilometern Höhe wahrnahm - wie wäre der Sponsor mit einem Fehlschlag umgegangen?

Oder der Neid - hat sich viel geändert seit dem Mittelalter, wenn heute Netzteilnehmer permanent um Aufmerksamkeit buhlen, die des Nächsten missgünstig beobachten und ihre eigene digitale Schlagkraft von entsprechender Software ermitteln lassen?

Oder Trägheit - lassen wir uns nicht gerne und leichter denn je ablenken, um nicht arbeiten zu müssen? "Unterbrechungsunkultur" nannte Meckel das und zitierte Jonathan Franzen: "Wer dauernd im Internet surft, kann keine guten Romane schreiben." 685.000 Facebook-Postings soll es alle 60 Sekunden geben.

So wie das Werk der Literatur kam jedoch auch die Netzexpertin zu einem tröstlichen letzten Teil. "Zurückdrehen kann man die Entwicklung nicht", doch es gebe neben dem "@" eine weitere Taste, die man nutzen sollte: " Esc". Das entspräche, wieder Dante folgend, der Tapferkeit.

Ihrer bedarf es, um den virtuellen Raum zu verlassen. Die Wirklichkeit sei eben mehr als "just another window" am Schirm, sie gelte es zurückzuerobern. Ebenso sei es eine Form der Güte (ebenfalls eine Kardinaltugend), etwas nur virtuell zu tun, wenn man es auch real tun würde - etwa 50 Kollegen zugleich einen Brief zu schreiben.

Zum Thema Gerechtigkeit stellte Meckel die Frage, ob diese im Digitalen tatsächlich herrsche. Der Cyberspace sei keineswegs so demokratisch, offen und neutral, wie vielerorts behauptet wird, vielmehr ein Spielball der IT-Konzerne.

Bei der letzten und höchsten Tugend in Dantes Universum fand Meckel nicht nur weitere Analogien zum Netzgeschehen, sie zog darüber hinaus Konsequenzen ethischer Natur. "Welches Ziel hat deine Seele", fragte sie. Eine Antwort darauf sei, Grenzen zwischen sich und den Maschinen zu markieren. Letztere könnten berechnen, auch uns berechnen - etwa Gedanken lesen, eine realistische Perspektive etwa für Querschnittgelähmte und durchaus eine löbliche Sache.

Aber der Mensch könne mehr als nur berechnen. Er könne nachdenken, er könne sich auf andere beziehen, "Wir" als Gemeinschaft begreifen: "a difference which makes a difference". Er könne innehalten.

Das mag erstaunlich klingen als Schlussfolgerung einer Medienprofessorin, die - man sehe nur ihre Website - mit modernen digitalen Mitteln sozusagen in Lichtgeschwindigkeit unterwegs ist. Doch es wird verständlich, wenn man die Versuchungen, die uns umgeben, und die Abhilfen radikal zu Ende denkt. Wie Dante. (Michael Freund, DER STANDARD, 24.10.2012)

  • Plädoyer für Innehalten: Miriam Meckel.
    foto: freund

    Plädoyer für Innehalten: Miriam Meckel.

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