Prozess in Wien: Ein Manager und 14 verletzte Polizisten

23. Oktober 2012, 18:23
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36-Jähriger griff während Bürobesetzung zu Selbstjustiz und starkem Pfefferspray

Wien - Recep E. ist ja quasi ein Opfer der Trägheit Wiener Polizisten. Zumindest versucht er im Wiener Landesgericht Richterin Andrea Wolfrum so zu erklären, warum er im Juni 14 Beamte und sieben Zivilisten verletzt hat. Mit Pfefferspray. Im Büro der Turkish Airlines nahe der Ringstraße, wo er Manager ist.

"Er ist kein gewalttätiger Mensch, er hat die Nerven weggeschmissen", sekundiert sein Verteidiger Roland Kier. "Die Beamten haben aus seiner Sicht zu langsam gearbeitet, und er wollte die Aktivisten aus seinem Geschäftslokal haben. Die Beamten waren da leider ein Kollateralschaden."

Politischer Hintergrund

Der Hintergrund des Prozesses um Nötigung und schwere Körperverletzung durch den 36-Jährigen ist nämlich ein politischer.

Am 27. Juni kamen kurdische Aktivisten in das Stadtbüro der Fluglinie, um gegen das türkische Verhalten in Syrien und die Haftbedingungen des Kurden-Führers Abdullah Öcalan zu demonstrieren. Sie hängten Poster in die Auslage und skandierten Slogans, nachdem sie eigenen Aussagen zufolge den Angestellten versichert hatten, es werde alles friedlich verlaufen.

Einen Eindruck, den auch die eintreffenden Exekutivbeamten bekamen, wie Werner Granig, der die Polizeiaktion geleitet hat, als Zeuge ausführt. "Die Manifestanten sind auf dem Boden gesessen, es war keine Gefahr im Verzug." Daher habe er sich entschlossen, einen Polizeijuristen zu rufen, der die Versammlung für aufgelöst erklären sollte.

Manager griff zum Pfefferspray

Das habe er auch Recep E. erklärt, der erst auftauchte, als die Polizei schon vor Ort war. Nur: Wie dieser aussagt, habe ihm das zu lange gedauert. "Ich habe dann einen Polizisten gefragt, ob ich einen Pfefferspray aus dem Auto holen und ihn einsetzen darf. Vielleicht hat es da ein sprachliches Kommunikationsproblem gegeben."

Der Manager stürmte jedenfalls in das Geschäftslokal und sprühte den Demonstranten ins Gesicht. An sich schon schlimm genug. Dummerweise war da aber auch schon das gute Dutzend Polizisten im Raum. Und der Spray sei "kein Vergleich mit dem polizeilichen" gewesen, wie Zeuge Granig sagt. Der starke Wirkstoff verbreitete sich rasch, noch Stunden später klagten die Opfer über brennende Augen und Hälse.

Mildes Urteil

Richterin Wolfrum urteilt am Ende erstaunlich milde. Es stört sie zwar, dass der Angeklagte Selbstjustiz geübt hat. Aber Recep E. kommt mit einer Diversion davon, er muss 5000 Euro, ein Monatsgehalt, zahlen und den Opfern je 100 Euro Schmerzensgeld.(Michael Möseneder, DER STANDARD, 24.10.2012)

  • Kleiner Spray, große Folgen.
    foto: der standard/urban

    Kleiner Spray, große Folgen.

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