Grüne Lebensphasen mit Sollbruchstellen

  • 121 Wohnungen, und kein Geschoß gleicht dem anderen.
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    foto: hertha hurnaus

    121 Wohnungen, und kein Geschoß gleicht dem anderen.

  • Ein Mix aus Garçonnièren, Studenten-WGs und flexibel adaptierbaren Familienwohnungen.
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    Ein Mix aus Garçonnièren, Studenten-WGs und flexibel adaptierbaren Familienwohnungen.

Das Projekt "Herzberg" in Wien-Donaustadt, geplant von AWG und feld72, ist ein Musterhaus mit wildem Wohnungsmix

Der Bezirk Donaustadt gilt traditionell als Familien- und Kinderbezirk. Vor allem an der Peripherie wurden in den Sechziger- und Siebzigerjahren hauptsächlich Drei- und Vierzimmerwohnungen errichtet. Das bauliche Erbe aus dieser Zeit ist unverkennbar. "Das war einmal, aber die Bevölkerung im 22. Wiener Gemeindebezirk hat sich seitdem radikal verändert", sagt Robert Korab, Geschäftsführer des Raumplanungsbüros raum & kommunikation. "Daher war es dringend an der Zeit, ein Musterwohnhaus zu bauen, das ganz bewusst auf die neuen Bevölkerungsgruppen zugeschnitten ist und somit eine sinnvolle Ergänzung zum klassischen Wohnungsmodell bietet."

Auf Korabs Initiative nahmen die beiden Wohnbauträger Österreichisches Volkswohnwerk (ÖVW) und Erste Gemeinnützige Wohnungsgesellschaft (EGW Heimstätte) sowie die beiden Wiener Architekturbüros AllesWirdGut (AWG) und feld72 im Jahr 2007 an einem Bauträgerwettbewerb teil und gewannen. Das Projekt "Herzberg" - der Name leitet sich von der Adresse Erzherzog-Karl-Straße ab - besteht aus Wohngruppen, Wohngemeinschaften, flexibel adaptierbaren Familienwohnungen, kompakten Home-and-Office-Maisonettes und kleinen Single-Garçonnièren mit Dachterrasse. Das wilde Potpourri wird von einem grün gestreiften Fassadenkonzept zusammengehalten.

"Für viele Menschen gibt es in Donaustadt keinen entsprechenden Wohnungsmix", sagt Helene Petutschnig-Dollinger vom ÖVW, zuständig für Projektentwicklung. "Herzberg ist daher ein theoretisches und praktisches Modell, das die unterschiedlichen Wohnbedürfnisse in den jeweils unterschiedlichen Lebensphasen abdeckt." Oder, wie es Herbert Mühlegger, Projektleiter bei der EGW, formuliert: "Wenn man Singles, Studenten-WGs und Senioren haben will, dann muss man auch die Voraussetzungen dafür schaffen. In einem Haus mit lauter Vierzimmerwohnungen wird das nicht möglich sein."

Begegnungen im Laubengang

Insgesamt gibt es 121 Wohneinheiten, die auf fünf unterschiedliche Baukörper aufgeteilt sind (Gesamtbaukosten: zwölf Mio. Euro). Manche Wohnungen werden über Stiegenhäuser erschlossen, manche über Laubengänge mit Blick zum Hof, die zugleich als Kommunikationsdeck für die Bewohner dienen sollen. So sieht es zumindest Architekt Mario Paintner von feld72. "Jeder Laubengang ist auch ein Nachbarschaftsraum", sagt er. "Hier trifft man sich und kommt womöglich leichter ins Gespräch als in einem anonymen Stiegenhaus." Ob dieser Wunsch aufgeht, wird sich in Zukunft weisen.

Fest steht jedoch: Nachbarn gibt es viele. Mit 370 Euro für eine 40-Quadratmeter-Garçonnière und 609 bis 669 Euro für eine 77-Quadratmeter-Wohnung - abhängig von der jeweiligen Förderstufe - ist das Haus bis auf den letzten Wohnungsschüssel vermietet. Vor allem die üblicherweise Benachteiligten kommen hier in den Genuss von Freiraum und Aussicht. "Meist sind die kleinen Wohnungen recht unattraktiv, weil sie in den unteren Geschoßen untergebracht sind und über keinen Freiraum verfügen", erklärt Andreas Marth von AWG-Architekten. "Hier ist es genau umgekehrt. Wenn schon klein, dann zumindest hoch oben und mit schöner Dachterrasse!"

Nachhaltigkeit am Rande: In die Statik des Hauses wurden bereits Eventualitäten für die Zukunft miteinbezogen. In den tragenden Stahlbetonwänden gibt es "Sollbruchstellen", die sich leicht abbrechen und entlang der sich zwei oder drei Wohnungen bei Bedarf eines Tages leicht zusammenlegen lassen. "Eine solche Zusammenlegung ist im derzeitigen Fördermodell zwar nicht möglich", meint Marth, "aber ich denke, dass sich die gesetzliche Situation diesbezüglich eines Tages lockern wird. Das Gebäude ist dafür bereits gewappnet." (woj, DER STANDARD, 24.10.2012)

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4 Postings
". "Hier ist es genau umgekehrt. Wenn schon klein, dann zumindest hoch oben und mit schöner Dachterrasse!" "

interessanter ansatz. warum sollten auch größere Wohnungen immer bevorzugt werden, die besten Terrassen, Grünflächen zu haben.

stufenterrassen

wenn die EGW da wieder so bauen lässt wie bei uns dann empfehl ich den Mietern Regenschirm en gros zu besorgen.

ich sehe einen sozialen wohnbau mit den üblichen billigsdorfer sozialen wohnbau ausstattungsdetails, der üblichen vws-fassade, den üblichen zu kleinen loggien, und der der ganz innovativen laubengangerschließung, die wir architekten so gerne als kommunikations oder wasweißich-noch-sonst-raum verkaufen

ich bitt sie, diese einladend kuschelige sichtbetonstiege zum romantischen, gut und gerne 50 Meter fast gradaus laufenden laubengang mit sichtbetondecke und den total coolen smart-leuchten in post-skandinavisk-design: wenn sie sich da nicht sofort die kleider vom leib reißen und den nachbarn viel mehr als nur ihre hand reißen, sind sie schon extrem gefühlskalt .... und diese total coolen hipster-thujenm-setzlinge zur grünraumbegrenzeung (damit mir da keiner einesteigt!) .... das ist irgendwie so .... so total urbanistisch halt.

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