Paradiescreme mit Weltraumecho

  • Kevin Parker (links) und seine australischen Psychedeliker Tame Impala gastieren am Donnerstag, 25. 10., in Wien.
    foto: rough trade

    Kevin Parker (links) und seine australischen Psychedeliker Tame Impala gastieren am Donnerstag, 25. 10., in Wien.

Kevin Parker beschwört mit seiner Band Tame Impala die große Zeit der spinnerten Psychedelic-Musik der 1960er-Jahre

Am Donnerstag gastiert er erstmals live in Wien.

Wien - Der Mann klingt, als habe man den in den Diensten Hauptmann Pfeffers stehenden John Lennon mit Helium und vielen, vielen bunten Smarties aus osteuropäischen Drogenlabors gefüttert und dann im gelben Unterwasserboot Richtung Klub einsamer Herzen geschickt. Schau mal, wie drollig er die Augen verdreht, während er sich die Gitarre mit den Saiten auf dem Bauch liegend umhängt! Ha, ha! Jetzt singt er auch noch statt ins Mikrofon in eine Küchenmaschine, die gerade Paradiescreme mit Weltraumecho anrührt, und spielt mit den Zehen zähe Orgeleien von Pink Floyd!

Nothing that has happened so far has been anything we could control: Ein Lied auf dem neuen, nach dem Debüt Innerspeaker nun Lonerism betitelten Album trägt zwar diesen trotzigen Titel. Unser Held weiß aber entgegen erster Höreindrücke jederzeit ganz genau, was er da so treibt; in dieser inflationär Wirklichkeiten, Sachzwänge und jugendlichen Erlebnisdrang aus dem Zeit- und Argumentationsgefüge bringenden Wunderwelt.

Der australische Musiker Kevin Parker tritt mit seiner in Perth beheimateten Band Tame Impala einen Beweis an. Geschichtsbewusstsein in Sachen fröhlich-drogenverseuchter, psychedelischer Musik aus den 1960er-Jahren muss erstens schon auch mit Bewusstsein im Sinne luzider Momente zu tun haben. Zweitens ist der Mann mit jener Musikalität gesegnet, die es ihm und seiner Band ermöglichen, Geschichte nicht nur über den gern damit verbundenen Schleier über der Erinnerung nachzustellen.

Freak-out mit Elefant

Über die Ergebnisse, die herauskommen, wenn man etwa das Sgt. Pepper -Album der Beatles über die Methode Malen nach Zahlen nachstellt, während man sich dabei auf einem mehrstündigen Trip befindet, könnte man ohnehin nur spekulieren. Freiwillig hören würde die Welt das sehr wahrscheinlich nicht wollen.

Außerdem würde sich Kevin Parker auch gar nicht zwischen all den vielen Knöpfen und Reglern des Equipments zurechtfinden, die für die Schaffung dieses zeitgenössischen Freak-outs unbedingt nötig sind. Im Gegensatz zu diversen anderen jungen Bands, die heute Musik lieben, zu der einst die Großväter ihre Haare tief herabhängen ließen, sind Tame Impala keine Technikfetischisten, die nur das gute, steinalte Analogequipment ins Wohnzimmerstudio lassen. Tame Impala sind ja auch nur live eine richtige Band. In Wahrheit schreibt, singt, spielt und mischt Kevin Parker im Studio ohnehin alles fast ausschließlich im Alleingang.

Einmal mehr trifft ein Klischee zu: das Studio als Instrument. Zwar zerren und jaulen die Gitarren im Vintage-Sound, dass es eine Freude ist, etwa im mit Wimmerorgel zusätzlich behübschten Song Elephant. Dieser stampft im schönsten Glamrock-Boogie-Sound seit Marc Bolan durch den Porzellanladen.

In Wahrheit aber arbeitet Kevin Parker in moderner Schichtbauweise. Spur für Spur werden im Intro Be Above It über ein Vokal-Loop Keyboards gelegt, zielt Parker in Liedern wie Endors toi auf Pink Floyd in der vertrackten, spinnerten Syd-Barrett-Phase oder in Apokalypse Dreams mit Falsettgesang und Hall, Hall, Hall auf majestätische Breite und Getragenheit, die sich im Zusammenbruch immer wieder ihrer selbst versichern muss.

Über Tame Impala liest man, diese Musik lehne sich gerade auch an zeitgenössische Psychedelic-Verwalter wie Secret Machines, MGMT oder The Flaming Lips an - sowie in den vertrackteren Momenten an den Laptop-Progrock Radioheads. Von den Flaming Lips und MGMT hat sich Kevin Parker für Lonerism zumindest den Koproduzenten Dave Fridmann ausgeborgt, der die zischenden und polternden Drums gern nach vorne schraubt.

Tame Impala stehen mit ihrer überbordenden, spinnerten Musik jedenfalls nicht für einen Retrostil, sondern für eine durchwegs moderne Deutung der historisch gut abgesicherten Psychedelic-Musik im Jahr 2012. Copy bedeutet ja nicht zwangsläufig Paste. (Christian Schachinger, DER STANDARD, 24.10.2012)

Hören Sie hier das aktuelle Album von Tame Impala im Spotify-Stream:

Do., 25. 10., Fluc, Wien, 21.00

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6 Postings
der sound gestern war jenseits.

frühzeitig gegangen. schade, dennoch gute band.

Absolut coole Band !

Sehens- und Hörenswert !

Für die Verwendung von "spinnerten" statt "großartigen"

kriegen Sie eine mit dem Nudelholz!

einsamkeit ist glück

und da soll noch einer sagen, schach zerreisst alles in der luft. und gerade hier böten sich für miesepeter einige angriffspunkte. man hört die wanne ist bereits voll, umso schöner 2 tickets zu besitzen....

Herrn C.Schachingers Liebe trägt ihn bis nach Berlin.

Und zwar "schon" am 31.Oktober. Bis dahin werden all seine Artikel im Zeichen der Vorfreude auf die für unsere Generation glücklichmachende Droge Wiedervereinigung von Crime & The City Solution, stehen :-) Klarerweise nur so eine Mutmaßung, weiß ja nichts wirklich.
C&TCS: My Love Takes Me There http://soundcloud.com/muterecor... -1/s-voYLF

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