Stationen eines Wohnlebens

23. Oktober 2012, 17:06
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Die Autorin Julya Rabinowich bot auf dem Wohnsymposium einen persönlichen Blick auf die Hoffnungen und Zwänge, die jede Wohnungswahl bestimmen

Eine gefeierte Autorin bot auf dem Wohnsymposium einen persönlichen Blick auf die Hoffnungen und Zwänge, die jede Wohnungswahl bestimmen. Der Einführungsvortrag in Auszügen.

Die englische Redewendung "My home is my castle" beschreibt das Gefühl noch recht nobel. Im Deutschen wird es noch konkreter: "In meiner Badewanne bin ich Kapitän." Das einzige Problem dabei ist natürlich, dass die Mobilität im Unterschied zur Intimität deutlich auf der Strecke bleibt - und weitere Fragen aufgeworfen werden: Mit wem will ich eigentlich meine Badewanne teilen?

Eine Wohnung sollte Heimat bieten, Geborgenheit, das Gefühl der Sicherheit. Einer Wohnung werden unter anderem Eigenschaften zu geschrieben, die auch einer Beziehung zugeschrieben werden. Stabil soll diese Wohnbeziehung sein. Legal. Verlässlich.

Manchmal für immer, manchmal nur für kurze Zeit, manchmal eine On/Off-Beziehung. Hier kommen nun die verschiedenen Wohnmöglichkeiten und Wohnformen ins Spiel, geprägt leider nicht nur durch Wünsche und Bedürfnisse, sondern auch durch äußere Rahmenfaktoren wie Familienstand, Gebrechlichkeit und Kostenpunkt. (...)

Als ich 17 Jahre alt wurde und von zu Hause weglief, war alles, was ich besaß, eine lächerlich geringe Waisenrente als Tochter eines nicht gerne vorsorgenden Malers, die Kinderbeihilfe und etwaige Einkünfte aus absurden Nebenjobs. Ich weiß, dass ich mir bis auf ein ebenso hochromantisches wie unpraktisches hübsches Loch im damals unrenovierten Schlossquadrat sicherlich keine normale Bleibe hätte leisten können. Das Loch besaß zwar wunderschöne Pawlatschengänge, um die mich alle meine Kumpels sehr beneideten, vor allem, weil man im Frühjahr und Herbst so entspannt dort rauchen und ganz furchtbar philosophisch werden konnte, aber auch ein Klo auf dem Gang, in dem winters das Wasser gefror und das ich - in der Nacht manchmal aus Faulheit barfuß - durch den Schnee erreichen musste.

Das größte Problem war jedoch, dass ich, die ich so ungern alleine lebte, das inklusive Küche und Dusche 19 Quadratmeter messende Loch zwar mit Bewohnern zu teilen versuchte, es aber leider mehr bei den Versuchen denn bei der Erfüllung dieser Wünsche blieb. Wiener sind einfach keine Japaner, und das Zusammenleben auf engstem Raum will nicht nur gelernt, sondern auch gelebt werden. (...)

Eine Singlewohnung ist definiert durch die Größe und Anlage der Lebensräume. Vermutlich muss eine solche aufgegeben werden, wenn sich der Status in Richtung Zuwachs und Lebens- oder Lebensabschnittspartner verändert. Eine Singlewohnung definiert auch eine ganz bestimmte Lebensphase, oft eine am Anfang seiner Wohnverhältnisse, aber auch eine nach Scheidung, Trennung, nach dem Auszug der Kinder, und dann noch einmal, im hohen Alter. Diese Phase ist für mich persönlich jene, die die intensivsten Angstbilder an die Leinwand meiner Schwarzmalereien zaubert. Die Vorstellung, allein, sogar gebrechlich in einer Wohnung vor sich hin zu hausen, bis einen der Tod von dieser scheidet oder das drohende Altenheim. Verlassen. (...)

Spiegelbild des Lebens

Wohnbereiche spiegeln das Leben der Bewohner wider, zeigen die Aufs und Abs des Lebensweges, dokumentieren Veränderungen innerhalb der Gesellschaft und der Lebenspläne der Einzelpersonen. Gerne stelle ich mich dafür nochmals als Versuchskarnikel zur Verfügung und rekonstruiere die Stationen meines Wohnlebens, die stellvertretend stehen können für viele, viele andere:

Die WG, in die ich in der UdSSR hineingeboren wurde, hatte mit der Vorstellung einer hiesigen WG rein gar nichts zu tun. Wahllos und höchst unfreiwillig zusammengewürfelte Menschen machten sich gegenseitig ein Bad und eine Küche streitig, es herrschte Anspannung, absurder Alltag, Klassenfeinde Tür an Tür sorgten für Bulgakow'sche Szenen. Familien, die je ein bis zwei Zimmer in der riesigen Wohnung bewohnten. Wir kamen locker auf circa 40 Menschen, für die nur ein Klo vorhanden war.

Als Kind war das für mich aber recht nebensächlich, ich freute mich, immer Spielkameraden in Rufweite zu haben, Haustiere, die nicht mir gehörten, die ich aber täglich sehen konnte. Abgesehen davon war immer irgendetwas los.

Meine Eltern hatten einen solchen Schaden von dieser erzwungenen Nähe nach Wien mitgebracht, dass sie in Wien schließlich eine fast ebenso riesige Wohnung mieteten - und diese ganz allein bezogen. Monatlich ging das gesamte Geld dafür drauf, aber der eigene Raum schien es ihnen wert gewesen zu sein. Als ich auszog, folgte die Kleinstwohnung am Margaretenplatz. Ich wollte eine WG, das war das, was ich kannte. Meine Eltern waren entsetzt. Eine WG war für sie ein Zustand, der mit Ärger, Streit und Zwang besetzt war. Ich aber folgte meinen niederen Instinkten und ließ drei Freunde gleichzeitig einziehen. Womit die Raumbelegung sogar das UdSSR-WG-Format sprengte. Selbst dort waren die Menschen nicht dazu gezwungen, im gleichen Bett zu schlafen, weil sich schlicht kein zweites im Zimmerchen ausging.

Dienstrad am Schlafplatz

Günstigerweise war mindestens einer der Mitbewohner jede Nacht stundenlang unterwegs, um seine Jugend zu verschwenden. Dadurch entstand eine Art Dienstrad am Schlafplatz und löste die allergröbsten Probleme. Es folgten mehrere zwangseinsame Jahre. Danach zog ich mit meinem Freund zusammen, und als wir die erste Zwei-Zimmer-Studentenbude gegen eine Vier-Zimmerwohnung wechselten, die wir uns eigentlich nicht hätten leisten können, nahmen wir einen Untermieter auf.

Kurz darauf wurde ich schwanger. Der Mitbewohner quittierte diese Neuerung mit einem "Mein Mietverhältnis endet mit der ersten Wehe" und hielt sich auch daran.

Danach folgte das gesetzte Berufsleben und eine schöne Eigentumswohnung, anschließend die Scheidung, und ich fand mich plötzlich in einer weniger komfortablen Wohnsituation wieder. Die Entscheidung für diese war ausschließlich über die Nähe des Kindergartens und der Wohnung des Kindesvaters geprägt. Das war die erste Wohnung, in die mich das Leben planlos hineingespült hatte. Ein fauler Kompromiss und keine Entscheidung, hinter der ich stehen konnte. Genau so fühlte sich das Leben in diesem Raum auch an.

Wenn man einmal ins Trudeln gerät, spiegelt sich auch das in der Wohngeschichte wider - ebenso wie die Höhepunkte und das Erobern neuer Territorien. Ich erholte mich und zog abermals um - diesmal in die Wohngegend, die ich wollte, in ein Haus, das mir gefiel, in eine Wohnung, sowohl groß genug, um sie mit mehreren Menschen, als auch alleine zu bewohnen - meine Idealsituation, die meiner Lebensführung entspricht.

Das Betreten dieses Ortes war ein tatsächliches Heimkommen.

Insofern steht und fällt das Glücken des Bewohnens mit der Eignung und der Entsprechung der Bedürfnisse - samt einem Schuss Flexibilität für die Zukunft. In Anbetracht der steigenden Wohnkosten würde das für mich unter anderem eine genaue Planung der Räume bedeuten, ein Grundriss, der prinzipiell auch ein Miteinander ermöglicht - oder ein Abgrenzen.

Warum sich für Singlewohnung oder WG entscheiden müssen, wenn man träumen darf. Warum nicht beides. Eine eierlegende Wollmilchsau, sicherlich. Aber warum nicht ewig streben, der Augenblick ist doch so schön. (DER STANDARD, 24.10.2012)

Julya Rabinowich, geboren 1970 in Leningrad, ist Autorin von Romanen und Theaterstücken sowie STANDARD-Kolumnistin.

  • Julya Rabinowich: "Warum sich für Singlewohnung oder WG entscheiden müssen, wenn man träumen darf. Warum nicht beides."
    foto: standard/newald

    Julya Rabinowich: "Warum sich für Singlewohnung oder WG entscheiden müssen, wenn man träumen darf. Warum nicht beides."

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