"Ich dachte, er will bloß ein paar Dollar"

Reportage | Frank Herrmann aus Chicago
23. Oktober 2012, 18:41
  • Pastor Alvin Love, ein alter Freund Obama.
    foto: frank herrmann/der standard

    Pastor Alvin Love, ein alter Freund Obama.

  • Artikelbild
    foto: grafik/der standard

Unweit der Trostlosigkeit der Chicagoer South Side leitet Pastor Alvin Love die Lilydale First Baptist Church. Er kennt Barack Obama seit bald 30 Jahren, und er nimmt ihn gegen all jene in Schutz, die nicht mehr an ihn glauben.

Wer verstehen will, warum Schriftsteller Chicago die kontrastreichste Stadt Amerikas nennen, der muss einmal von Nord nach Süd hindurchfahren. Die Reise beginnt in Evanston, einem lauschigen Vorort am Michigan-See und führt weiter durch die Wolkenkratzerschluchten der City immer tiefer hinein in die South Side, die Welt der Afroamerikaner, bis man an der 115th Street auf einen einsamen Gottesmann trifft. In bester Sonntagskleidung steht er hinter Bahnschranken auf einer Brachfläche und ruft im Ton eines Weltuntergangspredigers immer wieder dasselbe: "Folgt Jesus! Folgt nicht irgendwem, folgt Jesus!"

Trostloser könnte das Ambiente kaum sein. Aus Ritzen am Gehsteig sprießt das Unkraut, an der vernagelten Imbissbude namens Baba's Famous Steaks wird schon lange keiner mehr bedient, bei Hip-Hop Foods steht außer Cola und Kartoffelchips kaum etwas in den Regalen.

Freund Obamas

Fährt man indes über die Bahngleise nach Westen, ändert sich das Bild schlagartig, was beweist, dass die Realität deutlich facettenreicher ist als das Klischee von der tristen, verarmten South Side: Keine hässlichen Baracken und Baulücken mehr - dafür backsteinrote Einfamilienhäuser mit viel Grün in den Straßen. In Sheldon Heights wohnt die schwarze Mittelklasse.

Es ist Sonntag neun Uhr, der Gospelchor der Lilydale First Baptist Church hat sich warmgesungen. Die Frauen tragen Goldbrokat, roten Samt und fantasievolle Hüte, die es locker mit dem Kopfschmuck der Rennbahntribünen von Ascot aufnehmen könnten, wahre Blütenkunstwerke aus Stoff. Alvin Love hat sich eine schneeweiße Lilie ans Revers geheftet - irgendwie lässt er an einen Brautvater auf einer sehr traditionellen Hochzeit denken.

Und dass er ein Freund Barack Obamas ist, sieht man schon an den Fotos in seinem Büro, in das er den Reporter gleich nach der Predigt führt. Eines zeigt ihn mit stolzem Lächeln in der Mitte zwischen dem Präsidenten und der First Lady, unter einem Gemälde George Washingtons im Weißen Haus.

Die Armen vergessen

Love kennt Obama seit 1985, als der junge, bisweilen frustrierte Sozialarbeiter auf der Suche nach Verbündeten Klinken putzte und auch in die Lilydale Church kam - spontan, ohne Anmeldung. Unglaublich dünn sei Barack damals gewesen, erinnert sich der Pastor. Erst wollte er gar nicht öffnen, als er den Zufallsgast durchs Fenster seines Büros sah. " Ich dachte, der will doch sicher bloß ein paar Dollar für ein Mittagessen." Doch dann begann eine Freundschaft zwischen zwei Außenseitern, denn nicht nur Obama hatte einen schweren Start in der South Side - auch Love war gerade erst in das Viertel gezogen, eher belächelt von den älteren Pfarrern, die sich ihre Lorbeeren im Tränengas der Bürgerrechtskämpfe verdient hatten.

Heute irritiert ihn, wie hart mancher schwarze Intellektuelle mit dem Präsidenten ins Gericht geht. Der Princeton-Professor Cornel West etwa wirft Obama vor, die Armen vergessen zu haben. Im Oval Office sei er zum Maskottchen der Wall Street geworden, zur "schwarzen Marionette der Plutokraten".

Als die Rede auf dieses Zitat kommt, richtet sich der sanfte Reverend kämpferisch auf in seinem Sessel, um seinen alten Freund in Schutz zu nehmen: Bildhaft vergleicht er das Reformwerk Obamas mit einer Baugrube, in der die Fundamente bereits gelegt seien, aus der aber noch kein Gebäude aufrage. Die Gesundheitsreform etwa: schon durchgesetzt, aber im Kern erst ab 2014 in Kraft. Der Wandel, doziert Love, löse Widerstand aus. Da halte es mancher verunsicherte Normalbürger eben mit dem heimlichen Leitspruch der Konservativen: "Besser mit dem Teufel, den du kennst, als mit dem Teufel, den du nicht kennst."

"Habt Geduld"

99th Street, Ecke Yates Boulevard: eine stille, gepflegte Gegend. Nur die Reste eines gelben Absperrbands mit dem Aufdruck "Crime Scene", um ein Verkehrsschild gewickelt, erinnern daran, dass an der Kreuzung vor drei Tagen ein Teenager starb. Terrance Wright wurde auf dem Heimweg von der Schule von einer fünfköpfigen Bande ausgeraubt und erschossen. Keine Kränze, keine Blumen, keine Gedichte am Straßenrand, wie sie sonst in Amerika zum Ort einer Tragödie gehören.

Es war der 409. Mord des Jahres in Chicago, wo speziell in der South Side kein Tag, keine Nacht ohne Schüsse vergeht. Der Anstieg der Opferzahlen ist so bedenklich, dass Lokalpolitiker in hilflos anmutendem Aktivismus fordern, auf jede verkaufte Patrone eine Sondersteuer von fünf Cent zu erheben. Love kennt die Lage, er hat täglich damit zu tun. Er kennt auch die Statistiken, nach denen Afroamerikaner unter der Rezession am stärksten gelitten haben.

Nach Angaben des Pew-Instituts fiel das Vermögen eines schwarzen Durchschnittshaushalts seit 2008 um 53 Prozent, das eines weißen nur um 16 Prozent. Jeder siebente Schwarze ist arbeitslos, die Quote ist fast doppelt so hoch wie im US-Schnitt. "Kein Wunder, man heuert uns als Letzte, um uns dann als Erste zu feuern", sagt Love. Es sei absurd, dies alles Obama in die Schuhe zu schieben. Man kenne doch den uralten Spruch: "Wenn sich das weiße Amerika eine Erkältung einfängt, kriegen die Afroamerikaner eine Lungenentzündung." So sei es immer gewesen - und genau das versuche der Präsident allmählich zu ändern. "Deshalb: Habt Geduld!" (Frank Hermann, DER STANDARD, 24.10.2012)

 

Share if you care
Posting 1 bis 25 von 77
1 2 3

als linker schwanke ich zwischen "ohnehin egal, wer von beiden gewinnt" und "besser noch, obama macht das rennen". dennoch würde ich gerne - der ausgewogenheit halber, die es in österreichischen medien diesbezüglich nicht zu geben scheint - folgenden artikel aus der (pronociert, oft schon leider dogmatisch linken) uni-zeitschrift "unique" posten, der einige negative aussagen zu mitt romney relativiert.

http://alturl.com/436iq

danke, rotstrichler. das konzept der posting-bewertung habt ihr offensichtlich nicht verstanden.

[...]
Bei den heutigen Republicans handelt es sich um eine mehr oder minder verrückte Bande wildgewordener ExtremistInnen, WaffenlobbyistInnen und LakaiInnen im Dienste von Wall Street und Großkapital, die alles daran setzen, der politischen Lichtgestalt Obama keinerlei Erfolge zu gönnen und ihn um jeden Preis aus dem Amt zu jagen.
[...]

...stimmt doch. Oder as willst du uns damit sonst sagen?

Viele usaler wählen ja romney weil sie einfach net obama wählen wollen. Packen es halt net das a schwarzer die weltweite Vertretung fur sie macht. Wenn man sagt diese sein dann rassisten heißt es u.a. folgendes: die schwarzen sind ja die eig rassisten weil bei der letzten Wahl haben mehr als 90% der schwarzen obama gewählt! U warum: 'cause he's black!
yobama hatte auch laut diesen menschen nie einen Job.. also kein Business. Wie soll dann so einer einen Staat zum rennen bringen wenn He never ran a Business...
Einige sind halt einfach so dagegen eingestellt, sie wollen ihr Weltbild net andern. Gilt fur beide Lager. U ich find als aussenstehende zu urteilen fällt immer ganz ganz leicht..

viele Schwarze finden auch Mitt Romney für unwählbar, weil er weiss ist, bestimmt...

aber:

Obamas Gegenkandidat bei der letzten Wahl war ohne Frage weitaus schwächer und wäre einfach eine lächerliche Alternative zu Obama gewesen.

Obama hat es schwerer, weil Mitt Romney einfach noch nicht mit einem Fuß im Grab steht wie - wie hieß er noch gleich? - und nicht, weil er als Schwarzer keine tendenziös "Schwarze Politik" gemacht haben sollte.

Problem

In der europäischen und insbesondere österreichischen Medienwelt gilt Obama als LINKER und hat daher automatisch diese Medienwelt auf seiner Seite, da diese ja tendenziell links ausgerichtet ist. Bestes Beispiel: Der Nobelpreis für Obama, kaum dass er im Amt war. Wie das Nobelpreiskomitee politisch tickt, weiß ja auch ein jeder. Angeblich würde Obama in Europa 89:2 gegen Romney gewinnen, was klar ist, wenn in den eigenen(europäischen) Medien monatelang tendenziell berichtet wurde und immer noch wird, siehe ORF, wo sich Korrespondenten in ihrer Einseitigkeit für Obama geradezu überschlagen. Das Problem ist nur: Europa ist nicht die USA. Die Menschen in den USA ticken anders. Daher könnte es bei der Wahl in zwei Wochen ein böses Erwachen

???

"Medienwelt auf seiner Seite, da diese ja tendenziell links ausgerichtet ist."
seit wann ist die medienwelt links?

Die alte Ente mit den "linken Medien"! Ha! Ich werde es noch einmal erklären: Es ist wie mit "Standard" und "Presse". Der "Standard" ist "cooler", aber in Wahrheit schlimmer, weil bei der "Presse" nämlich niemand Zweifel hat, für wen die arbeiten.

Barack Obama kommt aus der globalen Parallelgesellschaft der Stiftungen, deren Arbeit darin besteht, jede Art von Reformbewegung einzuvernahmen und einzuschläfern; und genau das macht er mit der Demokratischen Partei ...

Es ist

bezeichnend für Obamas schwache Präsidentschaft, daß sogar ein Romney Obama die Präsidentschaft streitig machen kann.

@Standard:

Grafik nächstes Mal bitte noch kleiner! :D

U S A!

Warum sind hier im Standard immer soooooo viele Anthi U S A postings. Nur eine Frage und nicht gleich den Krieg erklären, danke.

Österreicher in Colorado U S A

Ja die U S A ist jetzt meine Heimat und ich liebe sie sehr.

ich habe bei einem relocation service gearbeitet und amerikanische expats in wien betreut - ich weiss, wovon ich rede:

amerikaner sind weitgehend uninteressiert am rest der welt, außer wenn das konzept des exceptionalism sanft in frage gestellt wird.

in den augen von amerikanern ist europa ein zurückgebliebenes geschichtsmuseum, das hart am rande des ökonomischen und intellektuellen untergangs laviert.

nicht nur eine suburban mom, die ihrem gatten auf seinem karriereweg hierher gefolgt ist, war höchst überrascht, dass es in wien autos, supermärkte und sogar kinos mit originalversionen gibt.

die aufgeschlosseneren konnte nach einiger zeit sogar zugeben, dass es angenehm ist, in einem land mit fehlerlos funktionierender infrastruktur zu leben...

ich weiss nicht, in welchen kreisen sie sich aufgehalten haben, aber ich kenne amerikaner, die jeden europäer herzlichst vereinnahmen, und fragen: wie macht ihr das nur, daß bei euch alles so perfekt funktioniert?

Mit "perfekt" meinen sie einfach nur "nicht so beschissen wie bei uns"

die sind sehr neugierg und weltoffen. natürlich gibts auch andere, aber das hat wohl etwas mit natürlich vorkommender xenophobie zu tun, etwas, daß bei uns nachweislich auch grassiert.

ich kann garnicht zählen, wie oft ich von amerikanern entweder als nazi oder als kommunist beschimpft worden bin, die mich nach der aufklärung, dass die nazis besiegt seien und ich zwar deutsch spreche, aber nicht aus deutschland stamme, irritiert fragen ob ich aus österreich gefolhen bin wie arnold schwarzenegger bzw ob wir schon kühlschränke und asphalt kennen. (echt. kein scherz.) das lässt sie ungebildet aussehen. finden sie nicht?

Weil viele Europäer die schlechten Seiten der USA sehen, aber nicht die guten. Und meistens auf die negativen Aspekte der Aussenpolitik und des Wirtschaftssystem blicken. Wenn man wie sie die Leute kennt, sieht man das anders. :)

Ich bin ein starker US-Kritiker, wenn es um

Außenpolitik & Indianerpolitik geht!

zb in der Innenpolitik kritisiere ich die USA kaum, da man Ostküste, Westküste, mittleren Westen, Südstaaten usw. nicht miteinander vergleichen kann...(Habe selbst Verwandte in NYC..)

Für die anderen Anti USA Poster kann ich nicht sprechen ; )

Es freut uns, dass es Ihnen gut geht.

Ein kritischer Blick auf das mächtigste Land der Erde ist wolhl zulässig. Soll man vielleicht andauernd die starke Armee loben die nicht untätig herumlungert? Soll man die Dominanz in Wirtschaft und Wissenschaft preisen?

Die Leute hier können - so wie ichauch - einfach nicht verstehen, warum ein Bush Jr. zwei mal gewählt würde und warum ein Mit Romney nicht irgendwo bei 25% Wählerstimmen herumkrebst.

Weil die meisten wenig ahnung haben, eine art sündenbock, bzw. blitzableiter für ihre frustationen suchen und nur sehr wenige leute kontakt mit echten amerikanern hatten. Dadurch herrschen vorurteile im denken vor, die zwar leicht zu widerlegen, aber nicht aus den köpfen zu kriegen ist; wie zb, dass alle amerikaner prinzipiell und ohne ausnahme dumm sind und keine kultur besitzen, allen eliteunis und nobelpreisträgern zum trotz.

Das hat nichts mit den USA zu tun. Ist eine folkloristische Erscheinung bestimmter weltanschaulicher Konstellationen.

Die meisten dieser Leute mögen auch keine Lederhosen.

versuch einer erklärung:

absurde Umweltpolitik vielleicht?

Ungerechtfertigte Kriege vielleicht?

Vor nicht allzu langer Zeit konnten wir das aber auch noch sehr gut ...

Gibt es wirklich eine Rechtfertigung für Krieg?

Posting 1 bis 25 von 77
1 2 3

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.