"Ich dachte, er will bloß ein paar Dollar"

Reportage |
  • Pastor Alvin Love, ein alter Freund Obama.
    foto: frank herrmann/der standard

    Pastor Alvin Love, ein alter Freund Obama.

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    foto: grafik/der standard

Unweit der Trostlosigkeit der Chicagoer South Side leitet Pastor Alvin Love die Lilydale First Baptist Church. Er kennt Barack Obama seit bald 30 Jahren, und er nimmt ihn gegen all jene in Schutz, die nicht mehr an ihn glauben.

Wer verstehen will, warum Schriftsteller Chicago die kontrastreichste Stadt Amerikas nennen, der muss einmal von Nord nach Süd hindurchfahren. Die Reise beginnt in Evanston, einem lauschigen Vorort am Michigan-See und führt weiter durch die Wolkenkratzerschluchten der City immer tiefer hinein in die South Side, die Welt der Afroamerikaner, bis man an der 115th Street auf einen einsamen Gottesmann trifft. In bester Sonntagskleidung steht er hinter Bahnschranken auf einer Brachfläche und ruft im Ton eines Weltuntergangspredigers immer wieder dasselbe: "Folgt Jesus! Folgt nicht irgendwem, folgt Jesus!"

Trostloser könnte das Ambiente kaum sein. Aus Ritzen am Gehsteig sprießt das Unkraut, an der vernagelten Imbissbude namens Baba's Famous Steaks wird schon lange keiner mehr bedient, bei Hip-Hop Foods steht außer Cola und Kartoffelchips kaum etwas in den Regalen.

Freund Obamas

Fährt man indes über die Bahngleise nach Westen, ändert sich das Bild schlagartig, was beweist, dass die Realität deutlich facettenreicher ist als das Klischee von der tristen, verarmten South Side: Keine hässlichen Baracken und Baulücken mehr - dafür backsteinrote Einfamilienhäuser mit viel Grün in den Straßen. In Sheldon Heights wohnt die schwarze Mittelklasse.

Es ist Sonntag neun Uhr, der Gospelchor der Lilydale First Baptist Church hat sich warmgesungen. Die Frauen tragen Goldbrokat, roten Samt und fantasievolle Hüte, die es locker mit dem Kopfschmuck der Rennbahntribünen von Ascot aufnehmen könnten, wahre Blütenkunstwerke aus Stoff. Alvin Love hat sich eine schneeweiße Lilie ans Revers geheftet - irgendwie lässt er an einen Brautvater auf einer sehr traditionellen Hochzeit denken.

Und dass er ein Freund Barack Obamas ist, sieht man schon an den Fotos in seinem Büro, in das er den Reporter gleich nach der Predigt führt. Eines zeigt ihn mit stolzem Lächeln in der Mitte zwischen dem Präsidenten und der First Lady, unter einem Gemälde George Washingtons im Weißen Haus.

Die Armen vergessen

Love kennt Obama seit 1985, als der junge, bisweilen frustrierte Sozialarbeiter auf der Suche nach Verbündeten Klinken putzte und auch in die Lilydale Church kam - spontan, ohne Anmeldung. Unglaublich dünn sei Barack damals gewesen, erinnert sich der Pastor. Erst wollte er gar nicht öffnen, als er den Zufallsgast durchs Fenster seines Büros sah. " Ich dachte, der will doch sicher bloß ein paar Dollar für ein Mittagessen." Doch dann begann eine Freundschaft zwischen zwei Außenseitern, denn nicht nur Obama hatte einen schweren Start in der South Side - auch Love war gerade erst in das Viertel gezogen, eher belächelt von den älteren Pfarrern, die sich ihre Lorbeeren im Tränengas der Bürgerrechtskämpfe verdient hatten.

Heute irritiert ihn, wie hart mancher schwarze Intellektuelle mit dem Präsidenten ins Gericht geht. Der Princeton-Professor Cornel West etwa wirft Obama vor, die Armen vergessen zu haben. Im Oval Office sei er zum Maskottchen der Wall Street geworden, zur "schwarzen Marionette der Plutokraten".

Als die Rede auf dieses Zitat kommt, richtet sich der sanfte Reverend kämpferisch auf in seinem Sessel, um seinen alten Freund in Schutz zu nehmen: Bildhaft vergleicht er das Reformwerk Obamas mit einer Baugrube, in der die Fundamente bereits gelegt seien, aus der aber noch kein Gebäude aufrage. Die Gesundheitsreform etwa: schon durchgesetzt, aber im Kern erst ab 2014 in Kraft. Der Wandel, doziert Love, löse Widerstand aus. Da halte es mancher verunsicherte Normalbürger eben mit dem heimlichen Leitspruch der Konservativen: "Besser mit dem Teufel, den du kennst, als mit dem Teufel, den du nicht kennst."

"Habt Geduld"

99th Street, Ecke Yates Boulevard: eine stille, gepflegte Gegend. Nur die Reste eines gelben Absperrbands mit dem Aufdruck "Crime Scene", um ein Verkehrsschild gewickelt, erinnern daran, dass an der Kreuzung vor drei Tagen ein Teenager starb. Terrance Wright wurde auf dem Heimweg von der Schule von einer fünfköpfigen Bande ausgeraubt und erschossen. Keine Kränze, keine Blumen, keine Gedichte am Straßenrand, wie sie sonst in Amerika zum Ort einer Tragödie gehören.

Es war der 409. Mord des Jahres in Chicago, wo speziell in der South Side kein Tag, keine Nacht ohne Schüsse vergeht. Der Anstieg der Opferzahlen ist so bedenklich, dass Lokalpolitiker in hilflos anmutendem Aktivismus fordern, auf jede verkaufte Patrone eine Sondersteuer von fünf Cent zu erheben. Love kennt die Lage, er hat täglich damit zu tun. Er kennt auch die Statistiken, nach denen Afroamerikaner unter der Rezession am stärksten gelitten haben.

Nach Angaben des Pew-Instituts fiel das Vermögen eines schwarzen Durchschnittshaushalts seit 2008 um 53 Prozent, das eines weißen nur um 16 Prozent. Jeder siebente Schwarze ist arbeitslos, die Quote ist fast doppelt so hoch wie im US-Schnitt. "Kein Wunder, man heuert uns als Letzte, um uns dann als Erste zu feuern", sagt Love. Es sei absurd, dies alles Obama in die Schuhe zu schieben. Man kenne doch den uralten Spruch: "Wenn sich das weiße Amerika eine Erkältung einfängt, kriegen die Afroamerikaner eine Lungenentzündung." So sei es immer gewesen - und genau das versuche der Präsident allmählich zu ändern. "Deshalb: Habt Geduld!" (Frank Hermann, DER STANDARD, 24.10.2012)

 

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