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Ursprünglich hieß er Josef Hnatek. Der "Wenzel" kam erst viele Jahre später als Radionachrichtensprecher im ORF hinzu, um seine tschechische Herkunft zu betonen. Eines Tages erzählte er mir, dass sein Vater zu dem Zeitpunkt bereits tot war, ihn ansonsten "wohl der Schlag getroffen hätte". Betont wurde der "Wenzel" mit einem Bindestrich, nicht zwischen Wenzel und Hnatek, sondern nach dem Josef, darauf hatte er stets bestanden. Dabei konnte er recht spitzbübisch lachen, diese Geschichte mochte er. Gerne rauchte er dann Menthol-Zigaretten, bis zuletzt.
Josef-Wenzel Hnatek war als langjähriger Nachrichtensprecher auf der ganzen Welt bekannt. Meist oder sehr oft wurden diese Nachrichten auf Kurzwelle in der Nacht verlesen. Einmal hat er zum Jüdischen Neujahrsfest die Hörer mit Schalom! begrüßt, und dafür am nächsten Tag prompt einen Rüffel von Gerd Bacher erhalten. Oder ein anderes Mal festgestellt, dass "die Österreicher wieder mehr Käse essen!". Auf meine Frage, warum er nie als Fernsehsprecher zu sehen war, sagte er kurz und bündig: "Dazu bin ich viel zu schiach!"
Sein Vater Joszef war ihm nicht nur Vorbild, Zeit seines Lebens versuchte Josef, es seinem Vater auch gleichzutun. Sein Vater war Ingenieur, er arbeitete für Kapsch und Schrack an neuen technischen Entwicklungen. Und er war Kommunist, bis zuletzt ein überzeugter Stalinist. Rund 150 Kilo schwer stand er stets zu seiner politischen Überzeugung ein. Im Zweiten Weltkrieg wurde er wegen einer Schlägerei mit einem SS-Mann zum Tode verurteilt, "mit aufschiebender Wirkung bis zum Endsieg". Dazu soll er nur kurz angemerkt haben: "Da kann mir dann eh nichts passieren!", als Entwicklungsingenieur war er für die Kriegsindustrie unersetzbar.
In der Zwischenkriegszeit verdingte er sich als "rasender" Taxifahrer und überquerte die Floridsdorfer Brücke während eines Straßenumbaus auf den Gleisen der Straßenbahn. Auf der anderen Seite wurde er dann gleich von der Polizei erwartet. Josef erzählte auch einmal, dass sein Vater auf dem Nachhauseweg in Wien-Margareten gerne in Wirtshäuser einkehrte und Josefs Frau und Josefs Mutter sich bei den Wirten erkundigte, wo er denn grade sei. Überliefert ist, dass er - leicht angeheitert - in der 62er zwischen zwei Sitze fiel und dazwischen hoffnungslos eingeklemmt war. Die Straßenbahn musste in die Remise eingezogen und dort die Sitze demontiert werden, um seinen Vater schließlich daraus zu befreien. Englisch hat er sich selbst beigebracht, konnte es aber mangels Lehrers nur mit deutscher Betonung aussprechen. Anders bei Josef-Wenzel Hnatek, sein Englisch war schon in der Schule herausragend.
Acht Jahre lang habe ich (Anm.: Erik Würger) mit ihm die Schulbank gedrückt, davon war er zwei Jahre lang mein Sitznachbar. Wir wurden enge Freunde. Gemeinsames Schummeln prägt. Später studierte er Nachrichtentechnik an der TU Wien.
Von seinem Vater hatte er auch seine Liebe zum Weltraum und zur Astronomie. Schon in der Schulzeit hat er mit ihm nächtelang Sterne beobachtet. Er wollte immer einen neuen Planeten entdecken. Viele Jahre später hat er mit der Kuffner Sternwarte zusammengearbeitet. In der Buch-Trilogie "Der Mann im All" berichtet er über das Austro-MIR-Projekt. Von dort startete Franz Viehböck zur russischen Raumstation MIR. Dem Start einer Sojus wohnte Josef-Wenzel Hnatek im kasachischen Weltraumbahnhof Baikonur aus nächster Nähe bei. Bei dem Versuch, diese Erfahrung in Worte zu fassen, hielt er lange inne. Dann mit seiner wohlklingenden Stimme: "Der Himmel hat geknarrt, ja, der Himmel hat dabei regelrecht geknarrt!"
Neben seinen allgemein bekannten Tätigkeiten war Josef ein ausgesprochener Liebhaber der keltischen Musik. Ihm verdanke ich (Anm.: Erik Würger) den Zugang zur irischen und bretonischen Volksmusik sowie viele Aufnahmen aus dem Fundus des ORF. Jede CD und jedes Buch hatten seinen Platz, er hatte ein ausgeprägtes visuelles Gedächtnis, von seinem Bett aus steuerte er zuletzt alles. Zwei misslungene chirurgische Eingriffe an der Wirbelsäule fesselten ihn mit Titanwirbel an sein Bett. Josef-Wenzel Hnatek hatte in seinem Leben einige Schicksalsschläge erlitten. Innerhalb eines Jahres starben seine Eltern und später seine Frau. Ein Treffen war geplant, Josef hat letzten Samstag nicht mehr auf den Anruf reagiert. Das einzige Mal. (Doris Lippitsch, Erik Würger, derStandard.at, 23.10.2012)
Doris Lippitsch ist Chefredakteurin von "Quer - Seiten für Architektur und Urbanes", Erik Würger ist Bodengutachter in Wien und war ein enger Freund von Josef-Wenzel Hnatek.
Link
Wettlauf im All - Artikel im "Quer" mit Fotos von Josef-Wenzel Hnatek
Nachlese
Nachrichtenstimme des Radios": Josef Wenzel Hnatek gestorben - ORF-Radiodirektor Amon würdigt "Radio-Legende"
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Er war nicht nur der beste und kultivierteste Sprecher, den der ORF je hatte; er konnte auch als einer der ganz wenigen im hiesigen Rundfunk tschechische (und überhaupt slawische) Namen richtig aussprechen. Und er war einer der wenigen Österreicher, die sich bewusst zu ihrer böhmischen Herkunft bekannten. Ich vermisse nicht nur seine Stimme.
Vielleicht nimmt der ORF Hnateks Tod zum Anlass, den weniger bedarften Nachfolgern endlich die korrekte Aussprache von Namen und Wörtern aus ehemaligen österreichischen Kronländern beizubringen.
...
Zum einen: Hnatek hatte nicht nur eine kultivierte Stimme, sondern auch eine korrekte und gepflegte Aussprache - was man von heutigen Sprecherinnen und Sprechern (ich habe mit Absicht die weibliche Form mitgewählt) leider nicht behaupten kann.
Zum zweiten: Die Wenzel-Anekdote ist herzig. Aber richtig tschechisch hieße es schon Vaclav... Den Namen Wenzel haben die Tschechen keineswegs gepachtet; so hieß der an sich aus dem Rheinland stammende Metternich: Klemens Lothar Wenzel...
Aber zu JWH: RIP
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