"Frauenwillkür" in der "kuscheligen Bobo-Welt"

23. Oktober 2012, 19:01
278 Postings

Wurde in der Frauenbewegung alles erreicht? Ein STANDARD-Montagsgespräch - mit Video

Wien - Feministinnen hätten sich im Mann den falschen Feind gesucht. Denn ganz im Gegenteil: Inzwischen bräuchten Männer Schutz vor " Frauenwillkür", sollten vor jedem Akt von der Sexualpartnerin eine Erklärung verlangen, was sie mit dem Sperma zu tun gedenkt, und verpflichtende Vaterschaftstests einfordern - in ihrem neuen Buch formuliert die Psychotherapeutin Christine Bauer-Jelinek die wahrscheinlich streitbarsten frauen- beziehungsweise männerpolitischen Thesen der vergangenen Jahre und kommt zu dem Schluss: "Die Feminismus-Debatte wird mit unserer Generation aussterben."

Diese Provokation nahm sich das Standard-Montagsgespräch zum Anlass, den Feminismus zu bilanzieren. Ist er tatsächlich passé und alles erreicht? Welche politischen Schritte müssen zukünftig gesetzt werden? Und: Ist die Zeit gekommen, dass sich eigentlich Männer emanzipieren müssen? Darüber diskutierten - moderiert von Standard-Kolumnist Gerfried Sperl - vier Frauen und ein Mann.

Florian Klenk, Chefredakteur der Wiener Stadtzeitung Falter, ging selbst in Väterkarenz und beginnt mit einer Anekdote: Als er letztens eine neue Küche einbauen ließ, habe der Techniker gefragt, wo "die Gattin" denn den Herd, wo sie die Waschmaschine haben wolle. Der Handwerker habe sich nicht vorstellen können, dass Männer kochen und waschen - schon gar nicht, dass sie in Karenz gingen. "Würde ich meinen Chef fragen, ob ich das machen kann, würde der mich doch raushauen."

Mit STANDARD-Kolumnist Gerfried Sperl und Buchautorin Christina Bauer-Jelinek diskutierten "Falter"-Chefredakteur Florian Klenk, Sandra Micko, Leiterin Human Resources bei Microsoft, Gleichbehandlungsanwältin Sandra Konstatzky und Nationalratspräsidentin Barbara Prammer. (Montagsgespräch Teil 1)

Das STANDARD-Montagsgespräch in voller Länge (Teil 2).

Klenk erklärt anhand dieses Beispiels, dass es erstens im Zuge der beruflichen Gleichstellung unumgänglich sei, dass Männer Verantwortung und damit die Hälfte der Aufgaben übernehmen. "Chefs, die ihre männlichen Mitarbeiter nicht in Karenz gehen lassen, gehören bestraft." Zweitens gäbe es in Bezug auf die Emanzipation eine Kluft zwischen Arm und Reich. "Feminismus funktioniert derzeit in einer kuscheligen Bobo-Welt", sagt Klenk. Vor allem die ÖVP verhalte sich familienfeindlich und sei eine "Frauen-bleiben-zu-Hause-Partei".

Sandra Micko, die Leiterin der Personalabteilung von Microsoft und damit eines "männlich dominierten Unternehmens", argumentiert hingegen aus einer ökonomischen Perspektive. Gerfried Sperl spricht sie darauf an, dass 70 Prozent der Produktentscheidungen von Frauen getroffen werden, es jedoch kaum weibliche Produktentwickler gibt. Sie habe es in Österreich schwer, technikinteressierte Frauen zu rekrutieren, erklärt Micko. "Dafür muss man über die Grenzen in Tschechien, Russland und der Ukraine suchen - aber diese Frauen sind wohl nicht naturgegeben fähiger in diesem Bereich."

Sie erlebe außerdem, dass sich Frauen weniger zutrauen, und macht dafür die Sozialisation verantwortlich. "Männer streben immer gleich ins General Management, Frauen hingegen schauen erst mal auf die nächste Ebene." Es würde das Selbstbewusstsein der Jobanwärterinnen stärken, wenn es bereits weibliche Rollenmodelle auf der höheren Position gäbe, spielt Micko damit auf Quotenregelungen an.

Diese fordert auch die Nationalratspräsidentin Barbara Prammer (SPÖ). Norwegen habe eine Frauenquote von 40 Prozent in Vorständen und Aufsichtsräten. "Die Erfahrung zeigt positive Auswirkungen auch für die Unternehmer", sagt Prammer. Sie bezeichnet sich selbst als Feministin, werde aber langsam "müde, immer wieder die gleichen Argumente" bringen zu müssen. Dennoch wolle sie nicht damit aufhören, alte Klischees infrage zu stellen. "Der Feminismus betrifft nicht nur Frauen, er ist eine Frage der Menschenwürde."

Schwer nachzuweisen

Trotzdem habe die Gleichbehandlungsanwältin Sandra Konstatzky hauptsächlich mit Frauen zu tun, die am Arbeitsplatz diskriminiert werden. "Oft ist es schwer zu zeigen, dass die Benachteiligung am Geschlecht liegt", sagt sie. Der Oberste Gerichtshof handle progressiv: Auch wenn eine Frau weniger verlangt und daraufhin weniger bekommt, gelte das als Diskriminierung.

Dann leitet Sperl zur Mann-Frau-Beziehung über. "Es ist unumstritten, dass die Entwicklung der Pille die Frauenbewegung maßgeblich unterstützt hat", sagt er. Bauer-Jelinek wolle genau deshalb die "Rhetorik gleichziehen". "Wenn mir mein Bauch gehört, gehört dem Mann sein Sperma" , argumentiert sie. Man solle auch mal über die Benachteiligung von Männern nachdenken. Und vor allem: "Die machen auch keine Karriere durchs Zuhausebleiben."

Bauer-Jelinek verstehe nicht, "was es wem bringt", wenn gleich viele Frauen in Vorständen sitzen und mehr verdienen müssen, wenn sie es nicht verlangen. "Ansonsten müssten Männer auch eine Gleichstellung zu Besserverdienern bekommen." Außer Papst könnten Frauen alles werden. " Wir brauchen keine Gleichmacherei, sondern Humanismus."

Am Ende erzählt Klenk noch eine Anekdote: Im deutschen Wochenblatt Die Zeit habe der Mitherausgeber Helmut Schmidt Assistentinnen gehabt, die " locker in einem Außenpolitikressort hätten arbeiten können", doch für Schmidt Artikel ausschnitten und ihm Kekse servierten. In der Zeit habe es jedoch auch die Chefredakteurin und "matriarchalische Herrscherin" Marion Gräfin Dönhoff gegeben, entgegnet ihm Sperl. Durch die Geschichte wird ein weiteres Problem klar, mit dem Frauen auch im Berufsleben zu kämpfen haben: weiblichen Klischees - "Es gab das Gerücht, dass die Gräfin beim Ausparken mit ihrem Porsche regelmäßig andere Autos schrammt" , sagt Klenk. Das Publikum lacht. (Katharina Mittelstaedt, DER STANDARD, 24.10.2012)

  • Ist im Kampf um Frauenrechte alles erreicht? Das diskutierte eine bunt besetzte Runde am Montag in Wien
    foto: standard/hendrich

    Ist im Kampf um Frauenrechte alles erreicht? Das diskutierte eine bunt besetzte Runde am Montag in Wien

Share if you care.