Gemeinnützige stöhnen über "Normenflut"

  • Die Baukosten stiegen in den vergangenen elf Jahren stark an, ein Drittel der Mehrkosten führen die gemeinnützigen Bauträger auf die zusätzliche qualitative und technische Ausstattung und höhere energetische Standards zurück.

    Die Baukosten stiegen in den vergangenen elf Jahren stark an, ein Drittel der Mehrkosten führen die gemeinnützigen Bauträger auf die zusätzliche qualitative und technische Ausstattung und höhere energetische Standards zurück.

Hohe Baukosten und Auflagen machen das Wohnen immer teurer. Kritisiert wurde auf einer SPÖ-Klubenquete aber auch der hohe Preis von Normen

Immer höhere Auflagen, stark steigende Baukosten, gleichzeitig immer weniger Geld aus der Wohnbauförderung - für die gemeinnützigen Wohnbauträger braut sich da eine explosive Gemengelage zusammen, die die Mieten in heimischen Genossenschaftswohnungen weiter verteuern dürfte.

Insbesondere mit den immer zahlreicheren gesetzlichen und bautechnischen Auflagen beschäftigte sich eine Enquete des SPÖ-Parlamentsklubs am Dienstag in Wien. Diese "Normenflut", wie sie der Obmann des Verbands gemeinnütziger Bauvereinigungen, Karl Wurm, nannte, sei mittlerweile einfach schon "zu viel". "Für die Erfüllung der Brandschutzauflagen braucht man meistens schon einen eigenen Experten", brachte Wurm ein Beispiel aus der Praxis.

Auch über die Auflagen punkto Barrierefreiheit ärgert sich Wurm schon lange. Es sei schlicht unnötig, jede einzelne Wohnung zu hundert Prozent barrierefrei zu bauen. In Bayern sei man etwa übereingekommen, dass es völlig ausreichend sei, wenn 30 Prozent der Wohnungen barrierefrei errichtet werden, berichtete der gbv-Obmann.

"Kurskorrektur" gefordert

"Bis vor kurzem" habe in Österreich die Devise gegolten: "Im Wohnbau sind Steuergelder drin, deshalb muss hier mit höchster Qualität gebaut werden." Doch das werde nun immer mehr unleistbar, verlangte Wurm am Dienstag einmal mehr eine "Kurskorrektur im sozialen Wohnbau".

Die Baukosten hätten sich in den vergangenen elf Jahren um fast 50 Prozent auf 2.000 Euro pro Quadratmeter erhöht, was zu einem deutlichen Ansteigen der Mieten geführt habe. Ein Drittel der erhöhten Kosten sei auf die "zusätzliche qualitative und technische Ausstattung und energetische Standards zurückzuführen", sagte Wurm. "Man muss sich nun fragen: Wann kommt der Zeitpunkt, wo das zuviel ist? Ich denke, dieser Zeitpunkt ist jetzt gekommen."

"Passivhaus wirkt nicht"

Bei einer umfassenden Untersuchung der energetischen Qualität der Wohnhäuser der Gemeinnützigen habe man außerdem festgestellt, dass die Verringerung des Heizwärmebedarfs in den letzten 20 Jahren (von 50-60 kWh/m²/Jahr in den 1990er-Jahren auf 30 kWh/m²/Jahr ab 2006) "keine Reduktion der laufenden Kosten" für die Mieterinnen und Mieter gebracht habe. Der Grund laut Wurm: "Die Wartungskosten und der zusätzliche Instandhaltungsaufwand fressen die Einsparungen auf", außerdem seien die zukünftigen Re-Investitionskosten neuer Systeme wie einer kontrollierten Wohnraumlüftung noch "völlig unbekannt".

Wurm forderte "eine Durchforstung der baurechtlichen Bestimmungen nach Kosteneinsparungspotenzialen und eine Redimensionierung der hohen energetischen Anforderungen". Finde das nicht statt, müssten bei reduzierter Wohnbauförderung die Mieten steigen.

Unsinnig- und Widersprüchlichkeiten ...

Vor dem Kostendruck auf den sozialen und gemeinnützigen Wohnbau durch die Fülle an Normen warnte auch die Organisatorin der Enquete, SPÖ-Wohnbausprecherin Ruth Becher. Sie forderte außerdem eine wissenschaftliche Studie über die allgemeinen Folgen von Normen. "Es geht darum zu erheben, was Normen kosten, was sie bewirken und auch in welchen Bereichen sie sich ganz einfach widersprechen."

Dass Letzteres gar nicht so selten der Fall ist, bestätigten Erich Kern und Peter Bauer in ihrem Vortrag. Die beiden Ziviltechniker hatten zuvor den enorm hohen Bestand an rund 6.000 für das Bauwesen relevanten Normen (von insgesamt 24.000) auf Widersprüchlichkeiten, unsinnige Verweise und andere fragwürdige Tatsachen hin abgeklopft. Da wird etwa in einer bautechnisch relevanten Norm auf die ÖNORM EN 1865 ("Krankentransportmittel im Krankenkraftwagen") verwiesen, in der die Breite von Krankentragen genormt ist. "Da muss man dann auch diese Norm kaufen", kritisierte Kern und regte an, die jeweilige Zentimeterangabe doch einfach in beiden Normen anzuführen.

... und hohe Kosten

Und sie kritisierten auch die teils sehr hohen Kosten: Ö-Normen und internationale Normen müssen vom "Austrian Standards Institute" (früher: "Österreichisches Normungsinstitut") kostenpflichtig bezogen werden, die Preise erreichen oft mehrere Dutzend bis weit über hundert Euro für ein Dokument. 19.000 Euro würde es kosten, sämtliche für das Bauwesen relevanten Normen zu beziehen, rechneten Kern und Bauer aus.

Vertreter des Gewerbes auf dem Podium wie Konrad Steindl, der Bundesspartenobmann für Gewerbe und Handwerk in der WKÖ, sprachen sich deshalb auch dafür aus, die geltenden Normen jenen, die sie anwenden müssen, grundsätzlich kostenlos zur Verfügung zu stellen.

ASI-Geschäftsführer Gerhard Hartmann wies darauf hin, dass man mit dem Projekt "meinnormenpaket.at" ohnehin schon eine kostengünstige Lösung insbesondere für KMU im Programm habe. Grundsätzlich seien bereits 90 Prozent aller Normen in Österreich europäischen bzw. internationalen Ursprungs, verwies Hartmann auch auf die zunehmende Verzahnung nationaler und internationaler Gremien. (map, derStandard.at, 23.10.2012)

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